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Berliner Mauer:DDR-Disneyland oder radikale Freiheit?

Wiederaufbau der Mauer als Kunstprojekt

Stein auf Stein: Das Kunstprojekt "Dau" soll Mitte Oktober diesen Jahres starten.

(Foto: dpa)
  • In Berlin soll für das Kunstprojekt "Dau" ein ganzes Viertel mit einer rekonstruierten Berliner Mauer und 300 Betonteilen abgesperrt werden.
  • Das sorgt für Aufregung in der Hauptstadt, besonders beäugt wird der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky und seine Arbeit.

Noch hat die Berliner "Dau"-Installation des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky nicht alle nötigen Genehmigungen für die Bespielung des Areals rund um Staatsoper und Bebelplatz erhalten. Ob dafür vom 12. Oktober an über Nacht ein Remake der Berliner Mauer aus 300 Betonteilen als Kulisse für eine Film-Installation errichtet werden darf, ist noch völlig offen.

Aber schon vorab beginnt die Berliner Aufregungsmaschine warmzulaufen. Eine Lokalzeitung mit offenbar guten Kontakten zu den diversen Genehmigungsbehörden hatte das Vorhaben, eher gegen den Wunsch der Veranstalter, vorzeitig publik gemacht. Eine andere Lokalzeitung nutzte leicht zugängliche Informationen über die Londoner Stiftung "Phenomen Trust", die Khrzhanovskys Projekt finanziert, um eine Nähe des Phenomen-Finanziers Sergei Adoniev zu Wladimir Putin und anderen Dunkelmännern zu insinuieren.

Die Aufregung im Vorfeld ist groß

Schon vor einiger Zeit hatte das Kunstmagazin Monopol in reißerischen Artikeln angeblich Exzesse und sektenartige Zustände bei Khrzhanovskys Dreharbeiten kolportiert. Aus völlig anderer Richtung waren Befürchtungen zu hören, Khrzhanovsky wolle einen Retro-Stalinismus-Erlebnispark, ein DDR-Disneyland errichten. Höchste Zeit, einiges klarzustellen.

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Die Pressekonferenz der "Dau"-Produktion und der sie unterstützenden Institutionen, die am Dienstag im Schinkel-Pavillon neben der Staatsoper stattfand, muss man als Antwort auf diese Berliner Erregungsbereitschaft verstehen. Indem die Beteiligten das Projekt vorstellten, setzten sie dem munteren Spekulieren und der Nebelmaschinenproduktion eine freundliche Auskunftsbereitschaft entgegen.

Nein, es kam zu keinen Übergriffen bei den Dreharbeiten. Und ja, der Geschäftsmann Sergei Adoniev ist neben dem Sender Arte, dem Filmboard Berlin-Brandenburg und anderen westeuropäischen Geldgebern einer der Finanziers des Projekts. Seine erste Unterstützung bestand darin, die Subventionen staatlicher russischer Stellen, rund 500 000 Dollar, an diese zurückzuzahlen, um Khrzhanovskys Vorhaben völlig unabhängig von Putins Administration zu machen.

Susanne Marian, Filmproduzentin und eine der zentralen Verantwortlichen des Projekts, zeigt sich überzeugt, dass es aus politischen Gründen unmöglich wäre, es nach den geplanten "Dau"-Stationen in Berlin, Paris und London auch in Russland zu zeigen. Gegen die Unterstellung, die Bespielung des Stadtraums hinter einer Fake-Mauer sei Historienkitsch oder verharmlosende Diktatur-Folklore, argumentiert Thomas Oberender. Der Intendant der Berliner Festspiele, die die Realisierung des Berliner "Dau"-Parts übernommen haben, sieht in der Großinstallation eher das Gegenteil: eine Chance radikaler Freiheit der Kunsterfahrung. Khrzhanovskys Filme, der Kern des ganzen Projekts, sind eine Zeitreise in die Sowjetunion, 1938 bis 1968. Diese "Dau"-Welt eröffnet für Thomas Oberender "eine Erfahrung von Freiheitsverlust, von großen Utopien und großen Verbrechen". Stalinismusverklärung klingt anders.

400 Mitwirkende über drei Jahre - Regisseur Tykwer ist begeistert

"Dau" ist übrigens benannt nach dem Nobelpreisträger Lew Landau, einem sowjetischen Physiker. Ilya Khrzhanovsky selbst zeigte sich nicht. Er wollte, so der Filmemacher Tom Tykwer, nicht Personenkult bedienen, schließlich sei Film eine kollektive Kunst. Stimmt, aber ist ein abwesender Regisseur nicht geheimnisvoller als ein anwesender? Und was könnte den Genie-Verdacht mehr befördern als ein abwesend Unsichtbarer?

Tom Tykwer bewundert Khrzhanovsky für die Konsequenz, mit der er und bis zu 400 Mitwirkende über drei Jahre in einer Film-Stadt wie in einem geschlossenen "Dau"-Universum gelebt, gearbeitet und 700 Stunden Film produziert haben. Tykwer und seine Produktionsfirma X Film unterstützen die Realisierung des Berliner Teils des Projekts. Die Installation ist der Versuch, um diese Filme eine geschlossene Parallelwelt zu errichten, die Besucher wie exterritoriales Gebiet mit Besucher-, Tages- oder Dauervisa betreten. Man soll das "Dau"-Labor wie einen fremden Planeten betreten, das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität wird neu verhandelt. Es ist unter anderem dieses Experiment, Film und Installation zu koppeln, das Tykwer fasziniert.

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