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Berliner Kulturpolitik:Einige hoffen, dass die Personalie Dercon zum Wahlkampfthema wird

Chris Dercon hat in Interviews geäußert, er wolle gerne mit vielen Künstlern der jetzigen Volksbühne zusammenarbeiten. Regisseure wie Herbert Fritsch und René Pollesch lehnen das jedoch ab. "Dercon kommt immer mit der großen Umarmungstaktik", sagt Thomas Martin.

Hinter den Kulissen sehe es allerdings anders aus. So sei etwa der Vertrag der Ausstattungsleiterin nicht verlängert worden. In das Ausstellungsatelier soll ein Architekturbüro einziehen, das den Umbau des Hangars auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof zum Veranstaltungsort plant.

Die Bespielung des ehemaligen Flughafens ist umstritten, auch, weil dort gerade die bundesweit größte Unterkunft für Flüchtlinge entsteht und nicht klar ist, wie beides zusammenfinden soll. 2,8 Millionen Euro erhält die Volksbühne - unter anderem für die neue Spielstätte - zusätzlich. Dazu kommt ein Vorbereitungsetat von 1,8 Millionen. Zum Vergleich: Als Ulrich Khuon 2009 mit dem Deutschen Theater ein ähnlich großes Haus übernahm, bekam er 400 000 Euro für die Vorbereitung.

Mitte September wird in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Einige hoffen nun, dass die Personale Dercon zum Wahlkampfthema wird. Claus Peymann, der selten um ein Statement verlegene Intendant des Berliner Ensembles, hat den Berliner Bürgermeister Michael Müller aufgefordert, Dercon als neuen Intendanten zu verhindern.

Müller solle einen "Fehler einsehen und korrigieren", so Peymann und Dercon auszahlen. "Das kostet erheblich weniger als seine unsinnigen Pläne."

Auch Grüne im Abgeordnetenhaus stellen Fragen

Politisch unterstützt wird die Volksbühne von der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Grünen-Politikerin Sabine Bangert, Sprecherin für Kulturpolitik, stellte jüngst eine Anfrage mit 23 Punkten - nach dem Erhalt des Ensembles, der Gewichtung der Sparten und dem künstlerischen Leitungsteam - denn das scheint sich immer mehr auszudünnen. "Das Team von Alexander Kluge, Romuald Karmakar und Susanne Kennedy, das bei der Pressekonferenz so vollmundig vorgestellt wurde, scheint es so gar nicht mehr zu geben", sagt Bangert. Kluge und Karmakar hätten ihre Funktion schon relativiert. Und Kennedy solle zwar zwei Inszenierungen im Jahr machen, sei aber nicht in die künstlerische Ausrichtung des Hauses eingebunden. Und: "Welche kulturpolitische Auswirkung besteht, wenn die Volksbühne plus mit einer klassischen Festival-Produktion eröffnet, die bereits seit über zehn Jahren tourt?" Gemeint ist Jérôme Bels Stück "The show must go on", das vielleicht die Intendanz eröffnen soll. Das Stück war seit 2000 auf vielen Festivals zu sehen. Ein radikaler Neuanfang? Dercons Versprechen erscheint fraglicher denn je.

© SZ vom 22.06.2016/pak

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