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Berlinale-Gewinner Jafar Panahi:Zur seelischen Genesung ein Goldener Bär

Seit Jafar Panahi in seiner Heimat einem Berufsverbot untersteht, haben Preise für den iranischen Regisseur immer eine politische Dimension. Der Goldene Bär für seinen Berlinale-Beitrag "Taxi" geht aber auch künstlerisch in Ordnung.

Der größte Preis des Abends wird bei Gala-Veranstaltungen immer erst ganz am Schluss verkündet. Allein schon, um einen Spannungsmoment zu schaffen, der sich dann mit voller Kraft entladen kann. Bei der Preisverleihung der diesjährigen Berlinale hätte Jury-Präsident Darren Aronofsky das Schlusswort allerdings nicht mehr ergreifen müssen, denn er sprach nur das aus, was jeder im Berlinale-Palast ohnehin schon wusste: Dass der Goldene Bär in diesem Jahr an Jafar Panahi für seinen Film "Taxi" gehen würde.

Berlinale Mit dem Taxi durch Teheran
Filmkritik
Berlinale 2015

Mit dem Taxi durch Teheran

In seiner Heimat Iran hat der Regisseur Jafar Panahi Berufsverbot, ausreisen darf er er nicht. Trotzdem schafft er es immer wieder, Filme aus dem Land zu schmuggeln. Auf der Berlinale ist mit "Taxi" jetzt sein jüngstes Werk zu sehen.   Von Anke Sterneborg

Das war Sekunden zuvor klar geworden, als die Jurorin Claudia Llosa den letzten der mindestens sieben zu vergebenden Silbernen Bären dem Chilenen Pablo Larraín für sein Drama "El Club" zuerkannt hatte. Panahis Name war bis dahin nicht gefallen. Und dass der Iraner ganz ohne Preis bleiben würde - das war schlicht undenkbar. Das wäre selbst dann ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, wenn "Taxi" nicht so humorvoll und geistreich ausgefallen wäre, wie sich der Film tatsächlich darstellt.

Denn Auszeichnungen für Panahi gebieten sich für Berlinale-Jurys fast von selbst, allein um ihm Solidarität zu signalisieren: Der 54-Jährige unterliegt in seinem Heimatland seit Jahren einem Hausarrest und Berufsverbot.

Ihn mit Preisen zu bedenken, ist eine der wenigen Möglichkeiten, die politisch motivierte Gängelung des Filmemachers durch das Mullah-Regime wirkungsvoll zu missbilligen. Bereits für "Parde" ("Closed Curtain"), seinen Wettbewerbsbeitrag von 2013, war ihm ein Silberner Drehbuch-Bär verliehen worden, wobei dieser Film den Kritikern deutlich weniger gefallen hatte als sein diesjähriger Beitrag.

Am ehesten ein verzweifelter Aufschrei

Media take pictures of Golden Bear for Best Film awarded to Iranian film director Panahi during news conference following 65th Berlinale International Film Festival in Berlin

Verleihung in Abwesenheit: der Goldene Bär für Jafar Panahi und seinen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Taxi"

(Foto: REUTERS)

Sind Preise für Panahi aber auch der gerechte Lohn für großartige künstlerische Leistungen? Bei "Parde" stellte sich die Frage vor zwei Jahren durchaus. Der Film, der praktisch keinen narrativen Aufbau hat, ist am ehesten als verzweifelter Aufschrei Panahis zu beschreiben. Das Werk eines Mannes, den das Berufsverbot in seiner Heimat krank macht, ihn in eine Depression treibt.

"Taxi" ist nun allerdings der Beleg dafür, dass sich Panahi seelisch erholt hat. Er demonstriert, wie man mit einfachsten Mittel - als kluger und humorvoller Beobachter seines Umfeldes - einen ergreifenden Film machen kann. Mit viel Selbstironie präsentiert er in der Rolle eines sich selbst filmenden Taxifahrers mit wechselnden Fahrgästen die Eigenheiten seines Heimatlandes. Dafür bekam er schon bei der Aufführung am zweiten Tag dieser Berlinale den verdienten Szene-Applaus des Publikums.

Allein dadurch war Panahi von Beginn an wie kein Zweiter für den Goldenen Bären prädestiniert. So berechtigt die Neigung zur Verbeugung vor dem mutigen Filmemacher zu sein scheint, so stellt sie doch auch eine Art Wettbewerbsverzerrung dar. Denn zwei Konkurrenten Panahis hätten mit Recht an den Hauptpreis dieser Berlinale gelangen können, wenn sie sich nicht gegen den wiedererstarkten Dissidenten hätten antreten müssen.