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Berlinale 2021: Internationale Entdeckungen:Im Land der gestohlenen Kinder

Found in Translation: Mark Duplass und Natalie Morales in der Berlinale-Entdeckung "Language Lessons".

(Foto: Berlinale)

Freundschaften über Sprachen und Länder hinweg, verschworene Gemeinschaften in Burkina Faso und Kanada - Entdeckungen jenseits des Berlinale-Wettbewerbs.

Von Sofia Glasl

Es war ja absehbar. Wenn Filmemacherinnen und Filmemacher, wie wir alle, in die soziale Isolation gezwungen werden, entstehen eben coronakonforme Formate. So muss man sich doch etwas gruseln vor all den Kammerspielen, dystopischen Nabelschauen und ungefilterten Ergüssen, die aus dieser Zeit noch zu erwarten sind. Und seien wir mal ehrlich: Wie erbaulich klingt nach nun ziemlich genau einem Jahr Home-Office ein Film, der ausschließlich als Videokonferenz gedreht wurde? Eben.

Umso erstaunlicher, dass genau ein solcher Film auf der Berlinale plötzlich lang vermisste Festivaleuphorie aufkommen lässt: Mit "Language Lessons", der außer Konkurrenz gezeigt wurde, gibt die amerikanische Schauspielerin Natalie Morales ihr Regiedebüt. Geschrieben hat sie ihr Zoom-Duett mit Mark Duplass, seines Zeichens Tausendsassa des Independent-Films, der mit seinem Bruder Jay die Strömung des "American Mumblecore" begründet hat. Morales und Duplass spielen auch die beiden Hauptrollen.

Die Ausgangslage des Films ist simpel: Der neureiche Adam bekommt von seinem Ehemann digitale Spanischstunden geschenkt und konferiert fortan wöchentlich mit seiner Lehrerin Cariño, die in Puerto Rico lebt. Gleich zur zweiten Sitzung ereilt ihn ein Schicksalsschlag, und die beiden werden zu einer Art Selbsthilfegruppe, aus der sich langsam eine Freundschaft entwickelt. Sie reden unaufgeregt über Cariños Geschichte als Tochter kubanischer Einwanderer, Adams sexuelle Orientierung, sein Unbehagen ob des angeheirateten Reichtums, aber auch die gemeinsame Freude an Musik und Film.

Eine lebensverändernde Freundschaft, über Zoom entstanden

"Language Lessons" macht aus der Alltäglichkeit dieser Szenen etwas Besonderes, weil er nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern zwischenmenschliches Stocken und betretenes Schweigen mit einer seltenen Leichtigkeit verhandelt. In den Versuchen, wichtige Dinge in einer Fremdsprache auszudrücken, liegt immer etwas Unbeholfen-Ulkiges - und die beiden nutzen diese Momente, um Leerstellen auch gedanklich zu umkreisen. Da ist etwa Adams Helfersyndrom, das aus seiner Villa mit Pool heraus herablassend wirkt, oder Cariños Uneindeutigkeit darüber, woher sie plötzlich ein blaues Auge hat.

"Ich bin da, wenn du mich brauchst", sagt Adam einmal in einer Videobotschaft und weiß selbst, wie ausgehöhlt diese Floskel ist. Er schickt mehrere Ergänzungen, um sich auch selbst klarer darüber zu werden, wie wichtig Cariño ihm in kurzer Zeit geworden ist. Der Film lebt von improvisierten Dialogen und der Chemie zwischen Morales und Duplass, die ihn trotz all der Widrigkeiten zu einer der aufrichtigsten und intimsten Reflexionen über platonische Freundschaft machen, die man seit Langem gesehen hat.

Interessanterweise finden sich Geschichten, die Distanzen überbrücken müssen, auch in Filmen wieder, die noch vor der Pandemie entstanden. Der Argentinier Ignacio Ceroi etwa protokolliert in seinem semidokumentarischen Film "Qué séra del verano / What Will Summer Bring", zu sehen im Forum der Berlinale, eine unverhoffte Brieffreundschaft, die er mit einem französischen Rentner aufgebaut hat: Bei einer Frankreichreise fand er auf dem Speicher einer gebraucht ersteigerten Videokamera mehrere Stunden Material des Vorbesitzers - Spaziergänge mit Hunden, Familienessen, Reisen.

Ceroi kontaktierte den Mann, Charles, und bat ihn darum, Erinnerungen an die Videos und die darin festgehaltenen Erlebnisse aufzuschreiben. In "Qué séra del verano" liest Ceroi nun diese oft kontemplativ abschweifenden Erinnerungen auf der Tonspur vor, arrangiert sie mit den Videos und ergänzt diese mit Aufnahmen aus seinem Rechercheprozess sowie Überlegungen zu Charles' Geschichten. Wie war es möglich, dass Charles sich als alter weißer Franzose bei einem längeren Arbeitsaufenthalt in Kamerun nahezu unbehelligt mit der Kamera unter den Einheimischen bewegen konnte?

Übergreifende Fragen zu Kolonialgeschichte und Arbeitsstrukturen treten in Austausch mit Cerois eigenen Erlebnissen während der Gelbwesten-Proteste in Paris, ohne diese filmische Konversation zu dominieren. An welcher Stelle genau der Bericht in Fiktion übergeht, lässt sich kaum sagen, macht aber gerade den Zauber dieser Begegnung aus. Denn wer könnte schon genau sagen, wo die eigenen Erinnerungen aufhören und kleine Flunkereien anfangen?

Wertfreier Blick: Der Dokumentarfilm "Garderie Nocturne" des Filmemachers Moumouni Sanou aus Burkina Faso.

(Foto: Berlinale)

Die Anwesenheit der beobachtenden Kamera ist auch ein zentrales Thema im Dokumentarfilm "Garderie Nocturne" des Filmemachers Moumouni Sanou aus Burkina Faso. Darin begleitet er über mehrere Jahre hinweg die Sexarbeiterinnen Odile und Farida durch ihren Alltag im Vorort der Hauptstadt Ouagadougou. Um ihrem Geschäft nachgehen zu können, bringen sie ihre Babys abends zur alten Frau Coda, die eine nächtliche Kinderstube eingerichtet hat, um die vielen Kleinkinder zu betreuen. Eine eingeschworene Gemeinschaft haben die Frauen sich hier am Rande der Gesellschaft eingerichtet.

Gemeinsam im Widerstand - kanadische Cree und neuseeländische Maori

Dass Sanou sich mit seiner Kamera, obendrein als einziger Mann, in den kleinen Hütten und verwinkelten Gassen wie ein Teil dieser Frauenfamilie bewegen konnte, ist bemerkenswert. "Seit drei Jahren kommst du nun schon vorbei", sagt Frau Coda mal zu Sanou, der nur leise aus dem Off zustimmt. Seine Zurückhaltung tut dem Film gut, denn er begegnet seinen Protagonistinnen mit einer spürbaren Vertrautheit und kann ihnen somit auf Augenhöhe begegnen. Ohne aufdringliche Neugier sitzt er mit ihnen beim Essen und begleitet sie auf dem Weg zur Arbeit. So erhält er einen wertfreien und offenen Einblick in diese sonst unzugängliche Gemeinschaft, die in ihrem Zentrum um die Kinder und deren Wohlergehen kreist.

Um Kinderschicksale geht es auch in dem kanadisch-neuseeländischen Film "Night Raiders". Hier werden Kinder den indigenen Familien entzogen und in staatlichen Militärakademien zu einer Armee ausgebildet. Die junge Cree Niska konnte ihre elfjährige Tochter Waseese lange versteckt halten, aber dann wird das Kind entdeckt und ihr doch noch weggenommen. Niska schließt sich einer Untergrundorganisation an, die Nacht für Nacht Kinder befreit und auf das Erscheinen eines mythologischen "Guardians" wartet, der die Militärdiktatur beendet.

In ihrem Debütfilm verortet die kanadische Regisseurin Danis Goulet, die den indigenen Völkern der Cree und Métis angehört, die Unterdrückung ihrer Community in Kanada in einer dystopischen Zukunft. Diese zeitliche Verschiebung ermöglicht ihr eine Verortung realer Geschichte in einem Science-Fiction-Szenario, das einerseits die Realität von Unterdrückung konsequent weiterdenkt, aber auch den Freiraum eröffnet, die eigenen Geschichten umzuformulieren und Rollen selbstbewusst neu zu verteilen.

Produziert ist der Film vom neuseeländischen Filmemacher Taika Waititi, der 2014 mit "5 Zimmer, Küche, Sarg" einen Überraschungshit hatte und schließlich mit "Thor: Tag der Entscheidung" in den Superheldenhimmel aufstieg. Das Besondere an "Night Raiders" ist, dass sich hier mehrere indigene Völker zusammentun, um sich gegen die weißen Oppressoren zu wehren: In dem von kanadischen Cree angeführten Rebellendorf haben sich auch Maori eingefunden, um für ihre Rechte einzustehen. Goulet denkt damit nicht zuletzt indigenes Kino als eigenständige Bewegung im internationalen Kino - eine konsequente Entwicklung, sowohl künstlerisch wie auch filmpolitisch.

© SZ/kni
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