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Belletristik:Enzyklopädie des Geschwätzes

In Zeiten von Titos rosarotem Kommunismus schrieb der serbische Autor Bora Cosic den Monumentalroman "Die Tutoren". Nun erscheint das Werk, das lange als unübersetzbar galt, auf Deutsch.

Was für ein Buch: genialisch, grandios, unlesbar. Der äußere Rahmen: Knapp 200 Jahre Familiengeschichte, fünf Stationen, fünf Hauptfiguren. Aber was heißt schon Geschichte, wenn es dabei weder um eine Chronik, noch um Geschichten geht, nicht um eine greifbare Handlung und noch nicht einmal um Figuren als Erzähler oder zumindest als psychologisch fassbare Einheiten. Stattdessen geht es vor allem und in erster Linie um Worte, Sprache, Sprechweisen, um ein Gewirbel von Sätzen, Ideen, Gerede. Ein Buch als Rausch und Exerzitium der Einsamkeit: rücksichtslos und monomanisch. Es kommt aus einer längst untergegangenen Nische der Zeitgeschichte, in der das Schreiben, das Weiterschreiben existentielle Notwendigkeit besaß. Und das ist ausnahmsweise einmal keine Phrase. Bora Ćosić, 1932 in Zagreb geboren, hat einmal gesagt, er habe schon in seiner Kindheit Buchstaben als Platzhalter für bestimmte Dinge betrachtet, die an anderem Ort existierten. Mit Worten lässt sich spielen. So fand er naturgemäß zum Dadaismus, später dann zum Surrealismus, nachdem er entdeckt hatte, dass nicht allein Künstler, sondern alle Menschen und besonders die der eigenen Familie zu merkwürdigen Verhaltensweisen neigen. Bekannt wurde Ćosić hierzulande 1994 mit dem Roman "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution", der ihn, 1968 in Jugoslawien erschienen, dort zur persona non grata machte, weil er allzu respektlos mit den sozialistischen Errungenschaften umging. Nachdem das Buch in mehreren Versionen verfilmt wurde, verlor Ćosić nach eigenen Angaben den Überblick darüber, wer denn nun eigentlich sein Vater, seine Mutter oder seine Onkel wären: "erstens wegen ihres Benehmens insgesamt, zweitens wegen der unmöglichen Garderobe".

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