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Belletristik:Die im Dunkeln sieht man nicht

Javier Marias Portrait Session

Der Autor als Herrscher im Reich seiner Bücher: Javier Marías im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Madrid im Jahr 2017.

(Foto: Getty Images)

Auf einen Spionageroman zusteuern, dann scharf zu den Labyrinthen des Selbstverlustes abbiegen: Javier Marías erzählt in "Berta Isla" von einer Frau, der nicht nur ihr Mann abhanden kommt.

Die Literaten sind sich nicht einig: Ist "jeder Mensch eine Insel, die sich nach Vereinigung mit dem Festland sehnt", wie Arthur Koestler meinte, oder ist, wie John Donne 500 Jahre zuvor schrieb, gerade das Gegenteil wahr: "Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents"? Javier Marías scheint in dieser Frage entschieden. "Berta Isla" heißt sein neuer Roman, betitelt nach der weiblichen Hauptfigur. Sie trägt die "Insel"-Existenz schon im Namen, und so weit wir ihrem Leben in diesem Buch folgen - von der Mitte der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts bis ungefähr an dessen Ende -, ist die Verbindung zu ihrem Daseins-Kontinent, dem gemeinsamen Leben mit Tomás "Tom" Nevinson, erst löchrig geworden, dann unstet, und am 4. April 1982 schließlich komplett abgebrochen.

Auch Toms unerwartetes Wiederauftauchen zwölf Jahre später kann die verlorenenen Gewissheiten nicht wiederherstellen. Sie wird bleiben, was Marías ihr mit ihrem Namen aufgegeben hat: ein insuläres Wesen mit nur wenigen, fragilen Brücken zu dem, was für andere ein normales Leben ist. Dabei schien für Berta und Tomás zunächst alles genau in diese Richtung zu laufen. Als Kinder lernen sie sich kennen, gehen zusammen in Madrid auf die angesehene Schule "Instituto Británico", an der auch Toms Mutter unterrichtet, und mit noch nicht 15 Jahren tun sie sich, in zunächst nur "geschwisterlicher Verschworenheit", zu einem Paar zusammen.

Berta, "eine dunkle Schönheit, mild, sanft und unvollkommen", ausgestattet "mit einer Neigung zum Lachen" und dem festen Glauben, Anspruch auf einen sicheren, ihrem Witz, ihrer Schönheit und Intelligenz angemessenen Platz im Leben zu haben, stammt aus einer alt eingesessenen Madrider Familie. Tomás hingegen ist mütterlicherseits Spanier und von Seiten seines Vaters, der in Madrid in der britischen Botschaft und für den British Council arbeitet, englischer Herkunft - Spanisch und Englisch beherrscht er folglich von Kindesbeinen an. Da ist es naheliegend, dass er zum Sprachenstudium nach Oxford geht, daheim studiert seine Freundin Englisch. So beginnen für das Paar Jahre des Pendelns zwischen der britischen Insel und dem europäischen Festland.

Mit großer Zuneigung zu seinen Hauptfiguren und in ruhigem Erzählton entwickelt Marías, was nun kommen muss, denn er hat Tomás mit einem besonderen Talent ausgestattet: "Als Tomás in Oxford anfing, beherrschte er einwandfrei fast alle Register, Tonfälle, Dialekte, Ausdrucksweisen und Akzente seiner beiden Sprachen, parlierte so gut wie fehlerlos Französisch und sprach ein sehr flüssiges Italienisch." Im dritten Studienjahr kommen noch Russisch, Polnisch, Tschechisch und Serbokroatisch hinzu, "er war eindeutig hochbegabt auf dem Gebiet, ein Wunderkind" - und damit ein perfektes Objekt der Begierden des britischen Geheimdienstes.

Um zu erspüren, was ihr geschieht, liest Berta Balzacs "Colonel Chabert"

Einige Jahre später, da hat Tom schon dessen tückischer Erpressung nachgegeben und wird in England zum Spion trainiert, während Berta in Madrid lebt, stellt seine Ehefrau nicht ohne Entsetzen fest: "Man hatte ihn gut ausgebildet, während all der Jahre sorgfältig an seinen Begabungen gefeilt, hatte ihn in einen chamäleonhaften Schauspieler verwandelt oder in einen professionellen Stimmenimitator." Sein Körper ist noch der von Tomás Nevinson, Stimme, Sprache, Akzent und Ausdruck aber können ihn inzwischen als jeden beliebigen anderen erscheinen lassen. "In früheren Zeiten", folgert Berta, hätte man angesichts dieser gespenstischen Mimikry "einen Exorzisten gerufen."

Seit der Enttarnung des russischen Meisterspions Kim Philby und seiner "Cambridge Five" ist bekannt, dass die britischen Elite-Universitäten eine bevorzugte Rekrutierungsstätte für den Nachwuchs der einheimischen Geheimdienste sind. Als Toms Aufenthalte in Großbritannien (und von dort aus dann wer weiß wo) immer länger dauern, er ihr aber nichts über seine genaue Tätigkeit erzählen will, ahnt Berta Isla, dass sie allen Grund hat, sich näher mit dem Geflecht der verschiedenen englischen Spionage-Agenturen zu beschäftigen. Zur Rede stellt sie ihren Mann aber erst, nachdem ihr kleiner Sohn von dem unheimlichen spanisch-irischen Paar Kindelán mit dem Tod bedroht worden ist.

Doch bekennt sich Tom zu seiner Arbeit auch dann nur in groben Umrissen, mehr zu sagen ist ihm nicht erlaubt. Nach dem Ausbruch des Falklandkriegs im April 1982 wird er, offiziell für tot erklärt, auf lange Zeit aus Bertas Gesichtskreis verschwinden. Berta, die an seinen Tod nicht glauben kann, erhält vom britischen Staat eine Witwenrente und zieht, mittlerweile Professorin für Englische Philologie, die gemeinsamen Kinder allein groß. Gelegentliche Liebhaber, von Marías in knappen Porträts fabelhaft präzise (und teils sehr komisch) gezeichnet, gibt es zwar, doch zu einer erneuten Ehe kann Berta sich nicht entschließen. So löst sich schließlich auch für sie selbst ein, was Toms Professor, der ihn einst als Agenten angeworben hat, zum unauflöslichen Verhältnis zwischen den Geheimdiensten und ihren Spionen gesagt hat: "We always stand and wait", "wir stehen und warten immer" - ein nur gestundetes Leben, immer auf Abruf, niemals in Sicherheit.

"Berta Isla" hätte also gut und gern auch ein faszinierender Spionageroman werden können. Doch hat Javier Marías sich anders entschieden. Nicht Tom, sondern Berta, die Zurückgelassene, ist die (angenehmerweise völlig unheroische) Heldin. Und so überlässt er ihr, ihren Empfindungen und ihrer Sichtweise für etwa die Hälfte des Romans denn auch die erste Stimme - für acht Kapitel ist "Berta Isla" eine Ich-Erzählung. Und eine mit literarischen Anspielungen und Zitaten gespickte noch dazu. Nicht nur leiten uns Zeilen aus T. S. Eliots Langgedicht "Little Giddens" durch den gesamten Text, wenn es um die "Ausgestoßenen des Universums" geht, um das Verhältnis von Lebenden und Toten ("sie kehren zurück und bringen uns mit") oder um den "Tod der Luft", der "das Ende der Geschichte" auch jedes Einzelnen bedeutet.

Daneben gibt es eher humoristische literarische Anspielungen, etwa wenn Toms Oxforder Geliebte, die in einem Antiquariat arbeitet, bei ihrer Begegnung rein zufällig in Joseph Conrads "The Secret Agent" blättert oder Berta und Tom sich über den Charakter von dessen geheimer Tätigkeit verständigen, indem sie eine Szene aus Shakespeares "Heinrich V." analysieren. Um zu erspüren, was ihr selbst geschieht, liest Berta während der langen Wartezeit nach Toms Verschwinden Balzacs Erzählung "Oberst Chabert" oder Natalie Zemon Davies' "Die wahrhaftige Geschichte der Wiederkehr des Martin Guerre". Bis sie "entdeckt, dass man sich an das Warten gewöhnt hat und vielleicht gar nichts anderes mehr will".

"Er war noch nicht dreiundvierzig und gehörte schon für jeden Frischling der Vorzeit an."

Trotz aller Anspielungen, Zitate und ins Allgemeine schweifenden Reflexionen bleibt der Roman immer leichthändig, in seiner Erzählweise wie schwebend. Selbst Bertas dämonischer Gegenspieler Bertram Tupra, über all die Jahre Toms Agentenführer, erhält einen mephistophelischen Zug von Heiterkeit, Charme und Verführungskraft. Mr. Molyneux dagegen, "ein junger Schnösel, etwas schwammig ... und mit einer absurden Dickens-Tolle über der Stirn", der Tom aus der Schattenexistenz mit neuer Frau und kleiner Tochter irgendwo in einer englischen Kleinstadt herauszulotsen hat, erscheint als Fleisch gewordene Kränkung des verdienten Spions: ein Repräsentant der jungen Geheimdienstgeneration, ohne alle Ambivalenz.

So setzt sich in eindringlichen Bildern zusammen, was Tomás Nevisons Leben unter den Bedingungen von Angst, Verstellung und Gewalt in seiner Summe bedeutet hat: "Er war noch nicht dreiundvierzig und gehörte schon für jeden Frischling der Vorzeit an, ein Mammut." Dass, wer dieses Dasein überlebt, "am Ende nicht mehr weiß, wer er ist", hatte das Agentenpaar Kinderlán Berta schon früh vorhergesagt. Und Tom selbst, der zum einen tatsächlich froh ist, "diese endlose Etappe, die sich in sein einziges Leben verwandelt hatte, dieses umherschweifende, betrügerische, zersplitterte Leben" hinter sich zu lassen, weiß doch zugleich auch: "Er würde es vermissen und freute sich über sein Ende, er würde es vermissen."

Was also ist ein solches Leben wert? Welche Zufälle, Unbedenklichkeiten und Illusionen, Eitelkeiten und bösartigen Machenschaften verleihen ihm Form und Charakter - und welche Auswirkungen hat es für die allernächsten Menschen? Diese Fragen bewegen den gesamten Roman, und natürlich kann es nur Berta sein, der Marías die abschließende Antwort in den Mund legt. "Nur als Verweis in einer anderen Erzählung", lässt er sie denken, während sie auf ihren in sich selbst versunkenen Ehemann schaut, verdiene es eine Geschichte wie die seine, überhaupt vorzukommen. Erzählenswert nämlich sei doch nur ein Leben, das "abenteuerlicher, reizvoller ist, vor allem selbstbestimmt", nicht die konturlose Existenz derer, "die wie ich und auch wie er, ja wie so viele, viele andere einfach nur stehen und warten". Der Roman "Berta Isla" selbst aber, so federleicht und tiefsinnig, so tragisch, komisch, spannend, belesen und tief berührend, liefert zu dieser Behauptung den lebhaftesten Gegenbeweis.

Javier Marías: Berta Isla. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 654 Seiten, 26 Euro.