Beckmann über Biolek Großer Bahnhof

"Fernsehen aus unbeschwerten Tagen": Moderator Reinhold Beckmann würdigt seinen Kollegen Alfred Biolek zum 75. Geburtstag.

Von Reinhold Beckmann

Dieser Typ hatte etwas, obwohl er nicht so aussah, wie wir uns als Studenten Ende der Siebziger einen Moderator vorstellten. Halbglatze, Nickelbrille und Jackett. Das wirkte eher bieder auf uns. Aber bei Alfred Biolek gab es immer etwas zu entdecken. Er war einer, der die ganze Fernsehlandschaft in Bewegung brachte.

Gewagt, verrückt und immer treffsicher: Reinhold Beckmann bewundert Bioleks Gespür für Fernsehen, Gäste und Zuschauer.

(Foto: Foto: ddp)

Im Kölner Treff überzeugte er als klug fragender Gastgeber zusammen mit Dieter Thoma. So einer musste einfach mit eigenem Format 1978 vom Dritten ins Erste wechseln. Er liebte Sofas und Bahnhöfe. Auf keinen Fall wollte er seine neue Sendung in einer gebauten Kulisse präsentieren. Dass sie dann aus einem stillgelegten Eisenbahndepot in Köln-Frechen Benzelrath gesendet wurde, mag mehr als ein Zufall sein. Es war damals aussichtslos, an Karten für "Bio's Bahnhof" zu kommen. Also versuchten wir von den Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften der Uni Köln uns bei den Generalproben reinzumogeln.

Die Stars dagegen fuhren mit einem Zug in den riesigen Schuppen. Ungewöhnlich, innovativ. So könnte Unterhaltungsfernsehen der Zukunft aussehen, dachten wir damals. Ganz anders als die eher glatten Shows wie "Musik ist Trumpf" oder "Starparade". Bei "Bio's Bahnhof" durfte alles erprobt werden, keine Idee war zu verrückt. Noch führte Quotendruck nicht die Schere im Kopf.

In dreißig Sendungen hat er gezeigt, wie eine originelle Show gebaut sein muss: kein Fertigprodukt, kein Playback, kein klimatisiertes Studio. Dafür Überraschungen jeder Art, eine ganz persönliche Beziehung zum Publikum und jede Menge gewollte wie ungewollte Pannen. Hier wurde inszeniert, improvisiert und dilettiert nach Lust und Laune. Wer sich gut unterhalten fühlt, dem kann man allerhand Ungewohntes zumuten. Das war Bios Credo, und es klappte.

Natürlich gab es anfangs warnende Stimmen. Doch avantgardistische Musik oder Klangexperimente mit Karlheinz Stockhausen oder Maurizio Kagel beklatschten die Zuschauer ebenso wie Jagdhornbläser mit röhrenden Hirschen, Opernarien und Popsongs. Bei Bio konnten wir bestaunen, was nicht in den Charts zu hören war. Adriano Celentano sang mit Elke Sommer, Milva mit Mario Adorf und Nana Mouskouri mit Udo Lindenberg. Weltstars fühlten sich hier genauso aufgehoben wie unbekannte Nachwuchstalente.

Was ihm gefiel, setzte er durch. Wie etwa ein achtminütiges Ballett als "Solo für ein Sofa". Wir fanden es wunderbar gewagt. Für einen Programmdirektor von heute wäre eine solche Nummer wohl die Einladung zum Herzinfarkt. Unvergessen die Hommage von Sammy Davis Junior, Bio's Bahnhof sei "the most unique and best mixed television show". Das war der Ritterschlag, direkt aus Hollywood.

Tatsächlich hat Alfred Biolek Maßstäbe gesetzt. Sein Gespür bei der Auswahl der Gäste, die immer wieder verblüffende Kombination von Showacts, Gesprächen und Musik, war ungemein treffsicher. Hier genauso wie später in "Mensch Meier" oder "Boulevard Bio" konnte man dokumentieren, wie gute Unterhaltung geht. Beeindruckt hat mich schon früh, wie souverän er Fernsehen für sich interpretierte.

Als Moderator wusste Alfred Biolek immer, wie wichtig Verpackung in diesem Medium ist. Lakonisch meinte er einmal, frei nach Hugo von Hofmannsthal, man müsse die Tiefe eben ein bisschen verstecken, am besten unter der Oberfläche. Er hat uns vorgelebt, dass überzeugende Unterhaltung auch immer etwas mit Haltung zu tun hat. Das hieß für ihn, man darf Gäste vor laufenden Kameras nicht anders behandeln, als würde man sie privat treffen. So erwarb er sich Vertrauen. So ließ sich auf dem Sofa sogar Franz Josef Strauß tief in die Seele blicken. Manche Kritiker missverstanden das als zu viel Nähe gegenüber einem Politiker.

Dieses Talent, Menschen nahzukommen, war die Zauberformel seiner Talks. In Einzelgesprächen wie in ungewöhnlichen Runden. Er hat uns die Augen geöffnet dafür, wie frech und unberechenbar Fernsehen sein kann. Nie mit Zeigefinger, aber immer lächelnd, mit Niveau und nicht selten mit engagierten Themen. Ohne ihn als Pionier wären spätere Talksendungen wie auch meine eigene nicht denkbar. Was er bot, wirkt heute wie Fernsehen aus unbeschwerten Tagen, als noch nicht alles formatiert, konfektioniert und mundgerecht auf die relevanten Zielgruppen zugeschnitten war. Kurz, als Quote noch nicht alles war.

Reinhold Beckmann, 53, talkt im Ersten an Montagabenden ("Beckmann"), er moderiert regelmäßig die Sportschau und präsentiert an diesem Donnerstagabend um 20.15 Uhr live die Alfred Biolek Geburtstagsgala Danke, Bio! aus dem Kölner E-Werk. Gäste sind u. a. Peter Herbolzheimer, Dame Gwyneth Jones, Till Brönner und Nana Mouskouri.

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