Bayerisches Staatsballett:In der Schwebe

Bayerisches Staatsballett: Igor Zelensky, ehemals Direktor des Bayerischen Staatsballetts, im Jahr 2016.

Igor Zelensky, ehemals Direktor des Bayerischen Staatsballetts, im Jahr 2016.

(Foto: Catherina Hess)

Bleibt der Chef oder nicht? Das Bayerische Staatsballett startet mit offener Führungsfrage in die Festwoche.

Von Dorion Weickmann

In einem früheren Leben war der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst ein passionierter und durchaus erfolgreicher Eistänzer. Von daher dürfte Markus Blume ahnen, wie es sich anfühlt, ins wichtigste Event der Saison zu starten und nicht zu wissen, ob der eigene Trainer weiterhin amtiert. Gerade so ergeht es dem Bayerischen Staatsballett, das am Samstagabend seine Festwoche 2022 mit einem dreiteiligen Programm eröffnet. Uraufführungen von Marco Goecke und David Dawson sind geplant, dazu Alexei Ratmanskys "Bilder einer Ausstellung" - anspruchsvolle Aufgaben, insbesondere weil die Kompanie seit drei Wochen rätseln muss, ob Direktor Igor Zelensky im Amt bleiben wird oder nicht.

Mindestens so lange weiß das Ministerium von Zelenskys Berater-Tätigkeit im Rahmen einer russischen Stiftung, deren Aufgabe es ist, vier große kulturelle Zentren zu errichten - eines davon in Sewastopol auf der annektierten Krim. Ein inzwischen aus dem Netz verschwundenes Video, das der SZ vorliegt, zeigt Zelensky bei der Vorstellung des Projekts Seite an Seite mit Wladimir Putin. Bislang schweigen sowohl der Staatsballett-Chef als auch seine Vorgesetzten. Weder Opernintendant Serge Dorny noch der Minister wollten dazu Stellung beziehen. Wer wann was von Zelenskys Engagement wusste, ob dafür Geld geflossen ist, ob es sich um eine anzeige-, gar genehmigungspflichtige Aktivität handelt? Bisher gibt es keine Antworten auf solche Fragen.

Das ministerielle Aussitzen der Vorgänge beim Staatsballett ist keine Option

Alexei Ratmanskys Anreise zu den Generalproben hat die Lage am Nationaltheater zusätzlich kompliziert. Der Choreograf zählt zu den schärfsten Kritikern Putins in der Ballettwelt und postet unermüdlich gegen den Ukraine-Krieg. Kein Wort dazu von Zelensky. Zuletzt war er krankgeschrieben, was eine Begegnung mit Ratmansky vermutlich verhindert haben dürfte.

Das ministerielle Aussitzen der Vorgänge beim Staatsballett ist keine Option. Zelenskys Vertrag läuft bis 2026. Falls man sich vorzeitig trennt, sind zwei prominente Nachfolgekandidaten denkbar. Der eine ist Laurent Hilaire, einst Startänzer der Pariser Oper und bis zum Beginn der Ukraine-Invasion als Ballettdirektor in Moskau tätig. Der andere ist: Alexei Ratmansky, bis 2008 Leiter des Bolschoi-Balletts, seitdem Artist in Residence des American Ballet Theatre in New York - und weltweit gefragt wie kein zweiter klassischer Tanzdesigner.

Bis zum Ende der Ballettfestwoche sollte Minister Blume entscheiden, ob er Igor Zelensky als Chefcoach des Staatsballetts behält oder nicht - und die Öffentlichkeit entsprechend informieren. Schwebezustände machen sich zwar gut auf der Tanzbühne, aber nicht hinter den Kulissen.

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