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Ausstellung:Verunklarte Wahrnehmung

Doris Maximiliane Würgert
KS2019, 2019

Ungreifbar und unscharf erscheinen die überlebensgroßen, namenlosen Porträts von Doris Maximiliane Würgert, die vordergründig Sichtbares hinterfragt. Hier abgebildet ist "KS2019" (2019, Gummidruck auf Nessel)

(Foto: Doris M. Würgert / VG Bildkunst, Bonn 2020)

Doris Maximiliane Würgert wurde jüngst mit dem Kallmann-Preis ausgezeichnet. In Ismaning wird nun ihr Werk gewürdigt

Verschwommene Erinnerung - der Titel der Ausstellung "blurred memory" bezeichnet das Programm. Doris Maximiliane Würgert beschäftigt sich seit Jahren mit Wahrnehmung und Gedächtnis. In ihrem meist fotografisch basierten Werk lotet sie aus, was Erinnerung ausmacht, wo die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit liegen, wenn wir versuchen, etwas zu rekonstruieren. Das Gesicht eines Menschen beispielsweise. Die äußeren Züge sind einfach, das gilt auch für Würgerts Porträts. Aber dann wird es kompliziert. Steht man zu dicht vor den großformatigen Bildern, ziehen sich die Abgebildeten ins Unscharfe, ins Abstrakte zurück. Für diese sehr spezielle Auseinandersetzung mit dem Thema Porträt wurde die Münchnerin kürzlich mit dem Kallmann-Preis ausgezeichnet; der Preis beinhaltet eine Einzelausstellung im Kallmann-Museum und die Produktion eines Katalogs.

Die neun frontal aufgenommenen Gesichter füllen jeweils fast die ganze Leinwand. Würgert fotografiert digital, arbeitet dann aber analog mit Gummidruck weiter. Sie belichtet das Negativ mit diesem Edeldruckverfahren aus den Anfängen der Fotografie oft tagelang, bis sich die Pigmente in die Leinwand eingebrannt haben. Formen und Strukturen dünnt sie durch Auswaschen aus, bis nur Schatten bleiben. Das Gesicht wird ungreifbar. "Je näher ich komme, desto weniger sehe ich", sagt sie. Das passe doch zu der realen Erfahrung, dass das Bild eines Menschen umso verschwommener wird, je genauer man ihn zu kennen glaubt. Zu viele einzelne Facetten verunklarten die Wahrnehmung. "Mir geht es um dieses Spiel ,ich kenne dich, ich kenne dich nicht'", sagt Würgert.

Die neun Porträts bilden eine zentrale Gruppe in der Ausstellung. Doch Würgert hat die vier Räume, die ihr im Kallmann-Museum zur Verfügung stehen, miteinander verschränkt. Vorher schon hat man das eher kühle Entree im ersten Raum passiert, leicht irritiert auf die Fotodrucke von Mobiliar geblickt - irgendetwas stimmt doch mit diesem Stuhl nicht - und sich von zwei Videoarbeiten faszinieren lassen. "Der Rückblick aus dem Jahr 2030", eine Art fiktives Tagebuch, in dem Menschen ohne erkennbares Ziel auf schier endlosen Laufbändern vorwärts hasten. Eine Situation wie in einem Flughafen, aber wieder verschwommen und unwirklich. Die Tonspur macht die Verwischung der Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft perfekt, die Bilder simulieren eine ständige, sich selbst genügende Gegenwart.

"Körper" dagegen, eine andere Videoinstallation, konzentriert sich auf Tänzerinnen und Boxer und deren Suche nach der perfekten Bewegung. Allerdings sind ihre Gesten so verlangsamt, dass sie ins Leere laufen. Würgert, die an der Akademie der Bildenden Künste in München grafische Gestaltung unterrichtet, hat Malerei studiert, aber von Anfang an auch Collagen geklebt und fotografiert. Irgendwann habe ihr das Malen nicht mehr gereicht, sagt sie, das sei ihr inhaltlich zu begrenzt gewesen. "Ich konnte nicht ausdrücken, was ich alles ausdrücken wollte, da brauche ich mehr Medien."

In der Ausstellung reagiert sie in ihren Arbeiten auch auf das Museum, hat in Archiv und Depot fotografiert. Fast wie Goldbarren leuchten gestapelte Bücher auf einem Tisch, ein Bilderrahmen lehnt nachlässig an einem Regal. Würgert hat das nicht drapiert, sie fotografiert immer den vorgefundenen Zustand. Aber dann folgt die Bereinigung; was bleibt, ist die Essenz. "Ich nehme ganz viel weg, damit im Betrachter etwas losgeht, er frei in seinen Assoziationen ist." Vieles bleibt in der Schwebe.

Witzig das Selbstporträt, das natürlich keines ist, sondern "memories to keep" heißt. Ein endloser Bilderstrom eines x-beliebigen Tags, den Würgert aus dem Fotospeicher ihres Smartphones speist. Aber eben so schnell, dass die Einzelbilder nicht wahrnehmbar sind. Nur ein Flirren im Hirn bleibt als Erinnerung.

Doris Maximiliane Würgert: blurred memory, bis 8. März, Kallmann-Museum Ismaning. Zur Ausstellung ist eine gleichnamige Publikation erschienen.

© SZ vom 05.02.2020
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