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Ausstellung "De l'Allemagne" in Paris:Goethe ist zugleich Kernzelle und Fremdkörper

Sie wecken Verwunderung und Interesse. Vergesst Winckelmann, knüpft an der Gotik an! - hatte Madame de Staël in ihrem Buch 1813 den Deutschen zugerufen. Die Louvre-Ausstellung führt vor, wie differenziert die Antworten ausfielen, wenn etwa in Gottlieb Schicks "Apoll unter den Hirten" der griechische Gott eine romantisch fromm zuhörende Schäfergemeinschaft um sich schart. Und wenn bei Hans von Marées, Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach die Italien-Sehnsucht sich melancholisch einfärbt oder ins Groteske verzerrt, verglüht ein mythologietrunkenes Fin de Siècle über den Pickelhauben der Gründerzeit.

From Germany 1800-1939. From Friedrich to Beckmann Exhibition

Goethe-Büste in der Ausstellung "De l'Allemagne" in Paris.

(Foto: dpa)

Wohl hätte man an dieser Stelle auch andere Künstler wie Max Klinger erwartet, doch sind die gezeigten Werke fast durchgängig von hoher Qualität.

Besonders spürbar wird die Doppellogik der Ausstellung dann aber dort, wo der Goethe der Farbenlehre und der Naturphilosophie in den großen Bogen der nationalen Schicksalsgeschichte eingespannt werden soll. Goethe ist zugleich Kernzelle - das berühmte Tischbein-Porträt hängt im Eingangssaal - und Fremdkörper der Schau.

Dieses Paradox hängt nicht nur mit der erstaunlichen Abwesenheit des hier wichtigen Karl Friedrich Schinkel zusammen. Seine Werke waren offenbar schon alle für die gegenwärtig in München laufende Ausstellung reserviert. Das zugleich enzyklopädische und kontemplative Deutschland der Weimarer Blüte wird in drei magistral gehängten Sälen mit Gebirgslandschaften von Carl Gustav Carus, Friedrich, Ludwig Richter und Joseph Anton Koch überhöht.

Die mineralische, organische und symbolische Realität verschmilzt dort in einer erhabenen Innenschau der Natur, als hätte der Bergingenieur Novalis dafür schon alle Stollen getrieben. Doch unterschlägt die Ausstellung die Gegenwahrheit dazu: die Orientierung auf die Innenseite des menschlichen Subjekts im häuslichen Biedermeier oder in der harten Arbeitswelt der aufkommenden Industrialisierung.

Keine direkten Linien von der Romantik zum Nationalsozialismus

Statt in diese Hintergründe zu schauen, eilt die Pariser Schau unter dem Titel "Ecce Homo" im letzten Teil, ausgehend von Adolph Menzels "Eisenwalzenwerk", lieber voraus geradewegs in die Menschenvernichtungshölle des Ersten Weltkriegs.

Drucke und Zeichnungsserien von Max Beckmann, Otto Dix, Käthe Kollwitz zum Thema Zerstörung, Tod, trauernde Mütter bestimmen nun den Ton. Hinter Karl Hofers "Der Rufer", Jakob Steinhardts "Der Prophet" aus der Stiftung Neue Synagoge Berlin oder Lovis Corinths "Ecce Homo" dämmert die Katastrophe, die das mehr als ein Jahrhundert zuvor erwachte Nationalempfinden in den Abgrund reißen sollte.

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