Ausschreitungen in Friedrichshain:Instandbesetzen ohne Gewalt und mit Ideen

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Das Gesicht des neueren Berlin ist immer auch von Hausbesetzern geprägt worden. Sie hatten ihre große Stunde, als die Stadtentwicklungspolitik in den Achtzigerjahren architektonisch, moralisch und finanziell gescheitert war. Am Kottbusser Tor in Kreuzberg kann man sich heute anschauen, welche Verwüstungen weiten Teilen der Stadt zugedacht waren. Im Rückblick wünscht man leichtfertig, es hätte damals mehr erfolgreiche Instandbesetzungen leer stehender, zum Abriss verdammter Häuser gegeben.

Damals waren jene, die in der Gewalt Gemeinschaft genossen, in der Minderheit

Der Historiker Sven Reichardt schildert in seinem Buch "Authentizität und Gemeinschaft" über "linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren" die Überraschung des Eigentümers eines Hauses (Görlitzer Straße 74), in dem eine Bürgerinitiative angefangen hatte mit Entrümpeln, Streichen, Fensterreparaturen. Er schickte eine Putzkolonne, die den Besetzern beim Sanieren half. Dann schloss man einen Mietvertrag. Das war ein Berliner Modell, bis mit der Schlacht am Fraenkelufer der militante Flügel der Bewegung entstand und den Kampf gegen "Beton, Bullen und Computer" an sich riss. Immer gab es auch Reformisten unter den Hausbesetzern. Jene, die in der Gewalt Autonomie und Gemeinschaft genossen, waren lange eine Minderheit.

Nach dem Fall der Mauer kam ein Teil der streit- und kampferprobten Besetzer in den Ostteil der Stadt, sie trafen dort auf junge DDR-Besetzer. Oppositionelle, Schwule, Lesben, Nonkonformisten hatten in der Mainzer Straße in Friedrichshain dreizehn Häuser besetzt, die für Plattenbauten abgerissen werden sollten. In der Stunde nach der Revolution schien vieles möglich zu sein, Neues notwendig. Mit der Vereinigung gerieten die Besetzer der Mainzer Straße in den Geltungsbereich der Berliner Linie, im November 1990 wurde geräumt, gnadenlos und unter einem Polizeieinsatz, wie man ihn so in Ostberlin nie wieder hatte erleben wollen. Bärbel Bohley, Gesicht und Kopf der friedlichen Revolution in der DDR, versuchte zu vermitteln und wurde bitter, als dies kläglich scheiterte. Die Polizeistrategen wollten ihr nicht zuhören, Bischof Forck nahm sich der Sache an. In der Folge schied die Alternative Liste aus dem rot-grünen Senat aus, eine Reihe von Hausbesetzern erhielt Mietverträge. Nach der Gewalt bemühten sich viele um Verhandlungslösungen.

Ein Denkmal anderer Zeiten

Zwei Adressen aus dieser Zeit der Hausbesetzungen: der "Eimer" in der Rosenthaler Straße, ein wunderbar gegenwärtiger, weil von Gegenwart nicht zu beeindruckender Club, 2001 geschlossen; das Tuntenhaus in der Kastanienallee, das es als Wohnprojekt bis heute gibt, ein Denkmal anderer Zeiten in einer Mitte aus Schuhläden und Touristen.

Diese reiche Tradition hätte einen anderen Schlusspunkt verdient als die "Schweine"-Rhetorik aus der Rigaer 94. Der Konflikt um die Gewaltverliebten schien eingefroren zu sein, bis der Innensenator Frank Henkel im Juni die Sanierung in einigen Räumen von der Polizei ermöglichen ließ. Henkel will hart bleiben, wobei unklar ist, was das heißt. Eine Strategie trauen diesem Innensenator viele nicht zu. Soll noch mehr Polizei gegen das Haus anrennen? Will die Stadt sich von den armseligen Besetzerdarstellern ein Bürgerkriegsszenario aufzwingen lassen? Die Kreuzberger Grünen könnten mit der Suche nach einem Schlichter schon mal anfangen, die Stadtgesellschaft kann überlegen, wie viele brennende Autos sie sich noch gefallen lassen will.

Für Instandbesetzungen ohne Gewalt, aber mit Ideen gibt es übrigens noch genug gammelnde Gebäude und Freiflächen in der Stadt.

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