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Aufzeichnungen zum Nahost-Konflikt:"Du willst doch hier leben, oder?"

Sonntag, 20. Juli

Und kommen, während ich mich am nächsten Morgen durch die Nachrichten klicke, gleich wieder.

"Was ist denn los mit dir?", fragt mein Freund, "du warst doch die letzten Tage so ruhig."

"Ich weiß auch nicht", sage ich, "ich hab im Moment einfach zu nah am Wasser gebaut."

Mein Freund schüttelt den Kopf. "Dann bau mal ganz schnell woanders hin, sonst hältst du es hier nicht lange aus. Du willst doch hier leben, oder?"

Die mir unbekannte Jana S. schreibt mir auf Facebook: "Ich hab dein Tagebuch in der SZ gelesen. Wieso lebst du in Israel? Warum nicht in Gaza? Weißt du, wie dein Text klingt? Als würden die Israelis angegriffen."

Nach dem Bombenalarm ist dieser Flohmarkt menschenleer,

(Foto: privat)

Ich rufe meine israelische Ersatzoma an. Gabi ist 90, hat den Holocaust überlebt, aber keine Familie, weshalb ich sie jede Woche besuche. Seit dem Beginn der Angriffe, lässt sie mich nicht mehr kommen.

Sie: "Was willst du denn machen, wenn es ausgerechnet dann Alarm gibt, wenn du bei mir bist?"

Ich: "Dann geh ich mit dir in den Schutzraum."

Sie: "Schätzchen, wie soll ich denn bitte da mit meiner Hüfte hinkommen? In anderthalb Minuten schaff ich's nicht mal aus dem Sessel."

Ich: "Dann bleib ich eben bei dir, dann bist du wenigstens nicht allein."

Sie: "Nichts da! Glaubst du, ich will eine Deutsche auf dem Gewissen haben? Nein, nein, wenn ich mal vor unseren Schöpfer trete und er über gut und böse entscheidet, möchte ich, dass die Schuldverhältnisse eindeutig geklärt sind."

R. nimmt noch immer nicht ab.

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Montag, 21. Juli

Sirene am Morgen. Außer mir ist nur eine Nachbarin mit ihrem Baby im Bunker: "Na, mein Kleiner", sagt sie mit Gutschi-gutschi-guh-Stimme, "sind wir heute wieder im Bunker? BunggaBunggaBungga! Kannst du schon Bunker sagen?" Das Baby gluckst vor Freude.

Freundin V. und ihr Mann streiten. Ihr zehnjähriger Sohn Alon wollte in der vergangenen Nacht zum ersten Mal seit Jahren bei ihnen im Bett schlafen, der sechsjährige Nir nässt sich seit Beginn der Raketenangriffe wieder ein. V. will die Kinder für den Rest der Ferien zu ihrer Schwester nach Spanien schicken, ihr Mann ist dagegen. "Krieg gehört hier eben zum Leben dazu", sagt er, "daran müssen sie sich gewöhnen.

V.: "Ich will nicht, dass sie sich an so was gewöhnen."

Er: "Glaubst du, es hilft ihnen, wenn du sie von allem abschirmst? In ein paar Jahren gehen sie selbst zur Armee."

V. "Glaubst du, es hilft mir, wenn du mich daran erinnerst?"

Ihr Mann versucht, sie zu beschwichtigen. "Du machst dir zu viel Sorgen, sie sind sicher hier."

V: "Wenn sie noch länger hier bleiben, bin ich mir meiner selbst nicht mehr sicher. Wie soll ich denn bitte meine Kinder zu weltoffenen, unvoreingenommenen Menschen erziehen - und ihnen gleichzeitig beibringen, dass sie bei Alarm sofort in den Keller rennen müssen, weil das bedeutet, dass die Araber wieder auf uns schießen?"

Ihr Mann kauft zwei Tickets nach Madrid.