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Memoirs von Asal Dardan und Dmitrij Kapitelman:Geliehene Gefühle

Kapitelman/Dardan, Bilkombination für Feuilleton

Dmitrij Kapitelman und Asal Dardan schreiben in ihren Büchern über ihre Familiengeschichten und die lebenslange Migration.

(Foto: Christian Werner/Hanser Verlag; Sarah Berger/Hoffmann und Campe Verlag)

Asal Dardan und Dmitrij Kapitelman erzählen in ihren Büchern von fluider kultureller Zugehörigkeit. Nicht so einfach in einer deutschen Gesellschaft, die ständig Bekenntnisse einfordert.

Von Sonja Zekri

Man kann sich diesen zwei Büchern über das Fremdsein in Deutschland auf viele Arten nähern, versuchen wir es zur Abwechslung über die Lieblingssendungen der Großmütter. Proskowja Mechalowna, ukrainische Großmutter von Dmitrij Kapitelman, bestand darauf, im deutschen Fernsehen "Märkte am Morgen" zu sehen. Obwohl sie kein investitionsrelevantes Vermögen besaß, schien sie auf rätselhafte Weise fasziniert von Dax-Kurven und Fonds-Prognosen. Aber eigentlich, schreibt Kapitelman in seinem Buch "Eine Formalie in Kiew", wartete Proskowja Mechalowna nur auf den Wetterbericht.

Die Mutter der Mutter von Asal Dardan war assyrische Christin, liebte Weihrauch, Talkumpuder und Wrestling, im Besonderen Hulk Hogan, schreibt Dardan in "Betrachtungen einer Barbarin". Auch diese Programmwahl erscheint bei näherem Nachdenken logisch. Beim Wrestling ist der Plot übersichtlich, und es wird nicht viel gesprochen.

Dmitrij Kapitelman und Asal Dardan kamen als Kinder nach Deutschland, Ersterer aus der Ukraine, Letztere aus Iran. Zwischen ihnen und dem Rest des Landes gibt es keine Sprachbarrieren, das deutsche Fernsehprogramm liegt ihnen in Schönheit und Schrecklichkeit zu Füßen. Aber deswegen ist Deutschland ihnen nicht immer Heimat.

"Migration hört eigentlich nie auf, auch fünfundzwanzig Jahre später wandere ich noch immer nach Deutschland ein", schreibt Kapitelman. Und dieses komplizierte Verhältnis hat auch ein wenig mit seinen Eltern zu tun. Sie, die die Ukraine einst unbedingt hatten verlassen wollen, beginnen in Deutschland plötzlich, der alten Welt nachzutrauern. Tag für Tag stehen sie in ihrem deutschen Laden, verkaufen Pelmeni, Wodka und eingelegte Gurken, was beim Sohn einen quälenden "Kiew-Komplex" auslöst.

"Du bist ja sowieso schon einer von denen, ein Deutscher."

Erst will er auf keinen Fall Deutscher werden, um seine Verbundenheit mit den Eltern nicht aufs Spiel zu setzen, und die Mutter sagt auch noch böse Sätze wie: "Du bist ja sowieso schon einer von denen, ein Deutscher." Dann überwirft er sich mit den Eltern, weil die Mutter nur noch Augen für ihre 13 Katzen hat, während der Vater lethargisch wird, und will plötzlich sehr dringend Deutscher werden.

Zur Einbürgerung fehlt nur noch eine Apostille seiner Geburtsurkunde, für deren Beschaffung er nach Kiew reisen muss. Dort ist das vermeintlich unerreichbare Dokument dann aber gar nicht mehr wichtig, weil ihm erst der kranke und hinfällige Vater folgt und dann die bald ebenfalls hilflose Mutter. Und während der Ich-Erzähler Dima noch versucht, seine ukrainischen oder deutschen Werte und Fertigkeiten wenn nicht zu sortieren, dann wenigstens zu benennen, befindet sich die zerrüttete Familie längst auf dem Weg zur Versöhnung.

An dieser Stelle hat man sich bereits an Kapitelmans Begeisterung für Wortschöpfungen gewöhnt - "Teigenichtse", "mangelwarige Ukraine", "manöverkritisieren", "übersprunghandeln" -, die sich vor allem zu Beginn penetrant vor die eigentliche Geschichte drängen. Und nun kann der Leser leichten Herzens die Ukrainer-Werdung des "Deutschen" Dima verfolgen. So bringt er es in Bestechungsfragen nach unbeholfenen Anfängen bald zu großem Feingefühl, und flankiert seine Geldumschläge mit dem unschlagbaren Satz: "Ich lasse das mal für alle Fälle hier."

Die Sache mit der Korruption auch unter dem neuen Präsidenten Selenskij - Kapitelman nennt ihn nur den "Komiker-Präsidenten" - stellt sich aus ukrainischer Perspektive ohnehin ganz anders als dar als für die legalistischen Deutschen. In den Worten Tante Janas, selbst Empfängerin von Dimas neuen Künsten, ist sie der deutschen Unbestechlichkeit unbedingt vorzuziehen: "Was ist denn das für ein System, in dem ihr in Deutschland lebt?", fragt sie erschüttert: "Wo man so gar nichts mit persönlichen Kontakten und ein wenig Geld regeln kann? Das ist doch unmenschlich!"

Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew. Hanser Berlin, Berlin 2021. 176 Seiten, 20 Euro.

Für solche ironischen Spielereien hat Asal Dardan wenig Sinn. Ähnlich wie Kapitelman nähert sie sich der eigenen Biografie chronologisch - Köln, Bonn, USA , Berlin, Schweden -, aber ihr Ansatz ist essayistisch, nicht narrativ, und sie macht keine Witze.

Als Kind wartete sie auf den Weihnachtsmann, der eigentlich ihr Vater ist, ein liebevoller, zärtlicher Mann. Ihre Eltern trauern - ähnlich wie Kapitelmans - der alten Heimat nach, Asal Dardan trauert mit, aber auch dies ist ein unvollständiges, geliehenes Gefühl, und zwar nicht nur, weil sie irgendwann begreift, dass der Vater für den persischen Savak arbeitete, den furchtbaren Geheimdienst des Schahs, und die Nostalgie einer Diktatur gilt. Bald spricht sie kein Persisch mehr, kauft keine Goldfische für das persische Neujahrsfest Norouz, und welche Gerichte man dazu kocht, weiß sie auch nicht. Doch diese fast zwangsläufigen Verluste führen nicht zu einer Befreiung, sondern nur zu schlechtem Gewissen.

Was Kapitelman andeutet, spielt Dardan in allen Verzweigungen durch: Dass die Fortsetzung kultureller Traditionen durch die Kinder von Einwanderern kein Selbstzweck ist, kein Automatismus, sondern sich in der Fortführung oder eben Nicht-Fortführung die Beziehungen zu Eltern, Großeltern, Geschwistern spiegeln. Bräuche zu pflegen, musikalische Vorlieben, selbst Sprachkenntnisse sind das Resultat emotionaler Bindungen und Loyalitäten. Deshalb führt das Beharren auf einer wie auch immer gearteten Leitkultur und dem Bruch mit der Kultur der Familie so oft ins Leere: Es operiert auf einem völlig anderen Gebiet.

Asal Dardan jedenfalls vermisst in Deutschland weniger ein Gefühl der Zugehörigkeit als die Toleranz gegenüber Uneindeutigkeit und Verflechtung. Dass sie sich im Titel ihres Buches als "Barbarin" bezeichnet, spielt auf J.M. Coetzees "Warten auf die Barbaren" an, einen Roman, in dem eine Gesellschaft Fremde, "Barbaren", aus Angst tötet, nur um weiterhin in Angst zu leben.

Asal Dardan: Betrachtungen einer Barbarin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 192 Seiten, 22 Euro.

Sie weiß, wie es ist, als Einzelne durch die Zuordnung zu einer Gruppe zum Verschwinden gebracht zu werden, und sie wehrt sich dagegen. Mal beschreibt sie sich als Iranerin, mal als "in Iran geboren", "Deutsch-Iranerin", "aus einer assyrischen Familie", selten als "Deutsche". Nichts davon klinge richtig, vor allem nicht aus dem Munde anderer. Aber die Notwendigkeit der Selbstbeschreibung wird damit nicht geringer, denn Gesellschaft verlange unentwegt "Selbstauskünfte und Bekenntnisse und Definitionen und Eindeutigkeiten: Sie will, dass man passt."

Fairerweise demonstriert sie an sich selbst, wie verwirrend das Erlernen von Uneindeutigkeiten sein kann. Bei einem Fernsehpraktikum bei CNN in Atlanta sieht sie verschieden geschmückte Weihnachtsbäume: Vor der Sportredaktion steht eine Tanne mit Davidstern, ein anderer Baum ist mit bunt gekleideten Figuren schwarzer Menschen behängt. Er ist dem afrikanischen Kwanzaa-Fest gewidmet, Dardan erinnert er an Lynchmorde: "Ich hätte gedacht, die Brutalität, Schwarze Körper in Bäume zu hängen, wäre offensichtlich." Sie erkennt in den USA eine "zugleich naive wie gewaltvolle Auffassung von Diversität", an der außer ihr kaum jemand Anstoß nimmt. Vielfalt sei in den USA auch "als Kosmetik, als Deko, als Performance" möglich, als reiner Konsumkitsch.

Was Kapitelman anekdotisch verhandelt, ist auch Dardans Anliegen - ein Bewusstsein für die Fluidität von Zugehörigkeiten, den Wandel und das Nebeneinander von Identitäten, für Widersprüche, die nur von außen wie Widersprüche wirken. Mal mehr Deutscher, mal mehr Ukrainer, mal beides zugleich - solche Synkretismen sind kein Defekt, kein Sicherheitsrisiko - sondern das Lebensgefühl sehr vieler Menschen in Deutschland.

© SZ/masc
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