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"Mädchen, Frau etc." von Bernardine Evaristo:Im Pilgergang des Fortschritts

Dahomey Amazons or Warriors (Benin) 1897

Vorkämpferinnen: Mit einem Theaterstück über die Amazonen von Dahomey beginnt Bernardine Evaristos Roman. Das Königreich, das im heutigen Benin bis 1904, bis zur französischen Kolonisierung bestand, verfügte über eine weibliche Truppe. In der Landessprache hieß sie "Mino": "unsere Mütter".

(Foto: Chris Hellier/Corbis via Getty Images)

Freundliche Erinnerung an die Generation "Woke", dass sie auf den Schultern von Riesinnen steht: Bernardine Evaristos neuer Roman "Mädchen, Frau etc."

Von Marie Schmidt

Dieser Roman beginnt damit, dass etwas vom Rand in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Und es ist auch schon seine Pointe, dass dadurch ein sozialer Fortschritt, der gegenwärtig bitter erstritten wird, kurz erledigt wirkt. Die Marginalisierten, die über Jahrhunderte hinweg Diskriminierten sehen sich plötzlich zum Establishment verwandelt: Amma, die erste von zwölf Hauptfiguren in "Mädchen, Frau etc.", lesbisch, promisk lebend, Mutter einer Tochter, in ihrer Jugend Aktivistin und Gründerin eines Off-Theaters für Frauen of Color, hat mit ihrem Stück "Die letzte Amazone von Dahomey" am National Theatre Premiere. Am renommierten Haus, mitten in der City of London, lässt sie videoprojizierte Armeen schwarzer Kriegerinnen auf Kulturelite und Bildungsbürgertum los: "Afro-Gynozentrismus, das war ein urfeministischer Schocker". Noch während sich die Sektflöten der Premierenparty leeren, findet das der strengste aller Theaterkritiker "atemberaubend, bewegend, kontrovers, originell". Jeder liberale Bourgeois, der darüber früher die Nase gerümpft hätte, ist plötzlich versessen darauf, sich die Schlachten der Emanzipation anzuschauen.

Die Pointe wiederholte sich jenseits der Fiktion, als die Autorin Bernardine Evaristo für den Roman 2019 den Man Booker Prize bekam. Als erste schwarze Frau in der Geschichte dieses wichtigsten Literaturpreises, der im ehemaligen Kolonialreich Großbritannien seit 1969 vergeben wird. Evaristo war sechzig Jahre alt, hatte davor schon sieben Romane geschrieben, sie unterrichtet Kreatives Schreiben an der Brunel University in London, hat in den Achtzigern selbst ein "Theatre of Black Women" gegründet und immer wieder Strukturen geschaffen, die der Literatur schwarzer Autoren in Großbritannien an die Öffentlichkeit helfen sollten. Aber erst mit "Girl, Woman, Other" wurde sie zur internationalen Star-Schriftstellerin. Barack Obama hatte den Roman auf seiner Leseliste, und die Rechte wurden in viele Länder verkauft. Es ist der erste Roman von Bernardine Evaristo, der auch ins Deutsche übersetzt worden ist.

Es gibt also plötzlich ein rasendes Interesse für all die Vorgeschichten und Nebenhandlungen, die Evaristo hinter dem Triumph ihrer Figur Amma ausklappt. Sie erzählt die Lebensgeschichten von insgesamt zwölf Frauen mit afrikanischen Wurzeln, mehr oder weniger weit zurück in ihrem Stammbaum. Ihre Geschichten überschneiden sich zum Teil mit der von Amma, manches wiederholt sich oder unterscheidet sich grell.

"Nach nur zwei Generationen zu verschwinden/ ist es das, wofür wir nach England gekommen sind?"

Da wäre zum Beispiel Bummi, die an der Hand ihrer Mutter aus den giftigen Dämpfen der Ölraffinerien im Nigerdelta fortgeht. Nach Jahrzehnten Dienstbotinnenarbeit und harten Verlusten, nachdem sie sich in London mit einer Reinigungsfirma selbständig gemacht hatte, um ihrer Tochter eine Ausbildung zu ermöglichen, sieht sie ebendiese Carole als disziplinierte britische Bankerin mit ihrem weißen Verlobten nach Hause kommen. Ein Erfolg, der betrauert werden muss: "ihre Kinder werden hellere Haut haben, und deren Kinder werden aussehen wie Weiße/ nach nur zwei Generationen zu verschwinden/ ist es das, wofür wir nach England gekommen sind?"

Die Sätze sehen in diesem Roman besonders aus, Evaristo ersetzt die meisten Punkte durch Zeilenumbrüche und schreibt Satzanfänge klein. Eine versartig strukturierte Prosa, wie für die Aufmerksamkeitsspanne gegenwärtiger Leser geschaffen, die das Internet darauf trainiert hat, 140-Zeichen-Sinneinheiten eher fotografisch zu registrieren als zu lesen. In ihrer Machart ist diese Sprache aber nicht simpel. Ihre Dramaturgie muss sich bis in die Syntax hinein beweisen, die sehr zur Pointe drängt. Sinn und Sound sind rhythmisch einander entsprechend portioniert und Tanja Handels hat das souverän ins Deutsche übersetzt.

Ein weiteres Kapitel handelt von Ammas Freundin Shirley, die ihr ein bisschen peinlich, weil zu konventionell ist. Diese Tochter karibischer Eltern tritt als junge, idealistische Lehrerin an, bis ihr die Schulpolitik der Thatcher-Zeit jede Illusion auf gleiche Chancen für alle ihre Schülerinnen raubt. Nach der Jahrtausendwende suchen Gewalt und Kriminalisierung Londons öffentliche Schulen heim, und Shirley beginnt sich zu sehnen nach "Mädchen, deren Eltern ihnen so sehr bei den Hausaufgaben ,halfen', dass sie wie Wunderkinder wirkten, dieser gewaltige Mittelschichtsschwindel". Ein Rest politischer Überzeugung, oder vielleicht nur die Angst vor Veränderung hält sie davon ab, sich an Privatschulen zu bewerben. Ihre Mutter dagegen, Winsome, ist nach ihrer Pensionierung zurück nach Barbados gezogen und träumt dort von einer verbotenen Affäre mit ihrem Schwiegersohn.

Bernardine Evaristo ist 1959 in London geboren, wo sie bis heute lebt.

(Foto: All mauritius images/mauritius images / Steven May /)

Bernardine Evaristo hat in vielen Interviews gesagt, dass ihr Plan für dieses Buch war, so viele weibliche, schwarze Charaktere hineinzustopfen, wie eine Erzählung nur aushalten kann. Tatsächlich wirkt die epische Montage aber auch als feines literarisches Gegenmodell zur Zeitrechnung der momentan populären Identitätspolitik. Die kennt nur drei Zeiten: "früher", als die Unterdrücker ungestraft Frauen, Deklassierte, People of Colour und Nicht-Heteros zu Opfern rassistischer und sexistischer Gewalt machen konnten. "Jetzt" als der Moment, in dem das Unrecht endlich erkannt und angeprangert wird - damit in einer utopischen Zukunft alle gleichberechtigt ihre Wünsche ausleben können.

Evaristo erzählt dagegen in tiefen, historischen Zeitspannen von den Schleifen, die der Kampf um Selbstbestimmung über die Jahrzehnte zieht. Vom persönlichen wie gesellschaftlichen Torkeln zwischen einem Bedürfnis nach Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und dem Stolz auf das Eigene, vom Pilgergang des Fortschritts, zwei Schritte vor, einer zurück.

Fast wie vom Schicksal selbst geschrieben

Damit gibt sie den bräsigen Mehrheiten zu denken, die solche Kämpfe bis vor Kurzem für Spezialprobleme von "Betroffenen" gehalten haben. Evaristos voriger Roman "Mr. Loverman" (2013) handelt von einem 74-jährigen Londoner aus Antigua, der seine Homosexualität entdeckt. Dieses Buch sei in der Buchbranche als "triple niche" eingeordnet worden, hat Evaristo mal erzählt: alt, schwarz und schwul, so eine Figur galt als nur für ein "Dreifach-Nischenpublikum" geeignet. Das Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten der zwölf Biografien in "Mädchen, Frau, etc." ergibt aber eindeutig, dass die Gerechtigkeit, die Einzelnen fehlt, allen fehlt, und dass sie wenn, dann für eine ganze Gesellschaft erkämpft werden muss.

Als Schlüssel zu den Herzen eines großen Publikums benutzt Evaristo dabei ein Stilmittel, das man das Pathos der mittleren Distanz nennen könnte: ganze Lebensgeschichten, die auf vierzig, fünfzig Seiten in nahen Einstellungen und großen Bögen erzählt werden, wirken fast wie vom Schicksal selbst geschrieben. Da entsteht ein Kontrast zwischen den Schmerzen der Existenz und der Kürze so eines Lebens, der zugleich rührend und entlastend wirkt.

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Tropen, Stuttgart 2021. 512 Seiten, 25 Euro.

Man kann den Roman aber auch als eine freundliche Erinnerung an die Generation "Woke" lesen, dass sie auf den Schultern von Riesinnen steht. Ihr enorm differenziertes Bewusstsein für soziale Unterschiede und ineinandergreifende Benachteiligungen tragen diese Jüngeren heute manchmal so triumphierend vor sich her, als hätten sie die Gerechtigkeit neu erfunden. Evaristo erzählt davon, trifft allerdings dann an manchen Stellen den Ton nicht mehr ganz. Ammas Tochter Yazz erklärt, "ganz ehrlich, heute ist es sogar schon durch, noch eine Frau zu sein, neulich hat bei uns an der Uni diese nicht-binäre Aktivistenperson gesprochen, Morgan Malenga, das war der mega Eye-Opener für mich". Das etwas hilflose "sogar schon" klingt kurios ältlich und aus Phrasen wie "mega Eye-Opener" spricht eine zu pessimistische Vorstellung von Jugendjargon. Einer offenbar also mit Skepsis gesehenen Töchtergeneration jedenfalls erzählt der Roman: Es ist schon vor euch gekämpft worden, ihr steht in einer langen Linie von Müttern und Großmüttern.

Auch in ihrem Kapitel über die Transgender-Person Morgan Malenga findet Evaristo auffällig wenig Zugang zu ihrer Figur. Deren Sprache, deren Motive und deren Selbstwahrnehmung wirken merkwürdig mühevoll ausgedacht. Als habe, seit Bernardine Evaristo beschlossen hat, möglichst viele Frauen mit ihren Mühen und Wünschen in einem Buch zusammenzubringen, der soziale Fortschritt eine weitere Schleife gezogen. Eine, die selbst dieses lebenskluge und nach allen Seiten offene Buch nicht mehr mitziehen kann.

© SZ/crab
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Die Autorin Bernardine Evaristo

SZ PlusSZ-MagazinBernardine Evaristo im Interview
:"Ältere Frauen sind viel interessanter als junge Leute"

Bernardine Evaristo schreibt seit vierzig Jahren, mit ­ihrem achten Buch feiert sie nun ihren Durchbruch. Ein Gespräch über schwarze ­Geschichten, triumphierende Frauen und eine Textstelle, die aussieht wie ein erigierter Penis.

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