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Architektur:Die Wohnungsnot ist wieder akut

Erst vor zwei oder drei Jahrzehnten skandierten die Hausbesetzer von Hamburg bis Zürich eine Immobilien-Variation der alten 68er-Hippielosung: "Make love, not lofts". Aus dem fernen Vietnamkrieg war der Krieg um das Daheimsein, das Wohnen und die Kaltmiete geworden. Krieg: Das mag martialisch klingen in Zeiten voluminöser Singlewohnungen, in denen der westliche Wohnraumbedarf von der westlichen Adipositas kaum mehr zu unterscheiden ist. Die Wohnungsnot ist dennoch wieder akut.

Erstens global betrachtet, weil der Welt einer Studie zufolge bis zum Jahr 2030 allein durch Bevölkerungswachstum, Migration und Verstädterung Millionen Wohnungen fehlen werden. Zweitens aber sind auch wohlhabende Länder wie Deutschland von dieser Wohnungsnot betroffen, weil hier die Verdichtung der Ballungsräume (während das Land strukturell ausblutet) auf einen entfesselten und globalisierten Immobilienmarkt trifft. Dem Münchner, der dem Amoklauf der Mietpreise machtlos gegenübersteht, nutzt der Hinweis, wonach München im Vergleich zu London oder Paris doch irre billig sei, wenig.

Bei allen utopischen Lösungen - ein Problem bleibt: Wir müssen reden

Der Reiz dieser gelungenen Ausstellung liegt aber nicht in der Feststellung, dass der Wohnraum eine knappe Ressource ist. Sondern darin, dass die Notwendigkeit von quantitativ mehr Wohnraum umgedeutet wird in das Postulat von einem qualitativ ganz anderen Wohnen auf Grundlage der "Ökonomie des Teilens". Dieser "Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Werte", so die Kuratoren, "lässt sich auch in der Architektur beobachten. In den letzten Jahren sind immer innovativere gemeinschaftliche Wohnprojekte entstanden, die häufig von Bürgerinitiativen konzipiert und umgesetzt wurden. Wir erleben in gewisser Weise die Rückkehr des Kollektivs in der Architektur". Was zugleich eine Antwort sein könnte auf den demografischen Wandel und die Renaissance der Stadt.

Die Idee eines solch anderen Wohnens jenseits der Einfamilienhausidylle ist so simpel wie bestechend: Wenn es in Wohnanlagen mehr kollektiv nutzbare Räume wie Gästeappartements, Hobbyzimmer oder sogar Schwimmbäder, Dachterrassen und Kleingärten gäbe, könnten die Individualwohnräume wieder ökonomischer entworfen werden. Der wirklich private Raum könnte dann minimiert und mit einem anspruchsvollen modernen Wohnen in Einklang gebracht werden, massenweise sogar, wenn der öffentliche Raum der Gemeinschaft an Bedeutung sowie an Qualität und Quantität zunimmt.

Das gilt auf der Ebene der Wohnung und des Wohnhauses genauso wie auf der Ebene der Stadt: Wenn eine kleine Parkanlage oder das nachbarschaftliche Urbangarteln fußläufig erreichbar sind, wozu dann noch der Garten rund ums Eigenheim?

So ist die Ausstellung ebenfalls in zwei Maßstäben angelegt: dem der Wohnung und jenem der Stadt. Nach einem kurzen historischen Abriss über die Geschichte früher Reformideen und divergenter Siedlungsutopien werden 21 gemeinschaftliche Wohnprojekte der Gegenwart in einem einzigen Saal als begehbares Stadtmodell präsentiert. So entsteht eine fiktive Stadt - zusammengeschraubt aus den Ideen gemeinschaftlich nutzbarer Wohnräume. Es ist faszinierend, durch die großmaßstäblichen Schnittmodelle zu wandern und eine Stadt des Kollektivs zu erleben, die im Gegensatz zum monofunktionalen Wohnungsbau der Moderne auch urban erscheint. Wohnungsbau ist immer auch Städtebau.

In einem zweiten Saal geht es dagegen fast wie im Möbelhaus um begehbare Grundrisse. Gezeigt wird im Maßstab 1:1 eine Clusterwohnung, die es den Bewohnern ermöglicht, "den Wohnalltag gemeinsam mit anderen Menschen zu leben, ohne dabei die Privatsphäre aufzugeben". My home is my castle: Das wird es auch künftig geben - nur wird vielleicht ein Minicastle daraus. Inklusive Kollektivrasenmäher. Die halbtägige Diskussion im utopischen Kollektiv, wer den Mäher wann nutzt und ob das Mulchen nun erlaubt wird, das Vertikutieren aber nicht, gehört jedoch nicht nur zu den Lösungen, sondern auch zu den Problemen. Wir müssen nicht nur über andere Wohn- und Lebensformen nachdenken. Wir müssen reden.

Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft. Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein. Bis 10. September. Katalog (Ruby Press) 49,90 Euro. www.design-museum.de.

© SZ vom 04.07.2017/doer
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