Architektur Deutschlands Wohnungen sind zu dunkel

Viel Mauer, wenig Fenster: Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass die seit den 1960er-Jahren kaum angepassten baugesetzlichen Anforderungen in Bezug auf Tageslicht in Deuschland mittlerweile zu niedrig sind.

(Foto: Sonja Marzoner)

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der "Initiative gutes Wohnen". Sie fordert mehr und größere Fenster - und hat einen kleinen Haken.

Von Gerhard Matzig

"Mehr Licht!" Das sollen die letzten Worte Goethes im März 1832 gewesen sein. Demzufolge wies er die Dienerschaft an, die Fensterläden zu öffnen. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Die Sentenz wäre jedenfalls ein passgenaues Schlusswort jener Studie über den Zusammenhang von Tageslicht, Wohnarchitektur, Baurecht und Gesundheit, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Initiiert wurde die vom Beratungsunternehmen Ecofys durchgeführte Untersuchung von der erst im Oktober gegründeten "Initiative GutesWohnen". Die versteht sich als branchenübergreifendes Bündnis aus Wohnmedizinern und Planern. Vertreter der Bauindustrie gehören ebenfalls dazu.

"Viele Wohngebäude in Deutschland", heißt es in der Studie, "werden unzureichend mit Tageslicht versorgt." Die seit den 1960er-Jahren kaum angepassten baugesetzlichen Anforderungen seien mittlerweile zu niedrig. Tageslicht sei jedoch "essenziell für die Gesundheit der Menschen". Immerhin verbringen wir in unseren Breiten rund 90 Prozent der Zeit in geschlossenen Räumen, also in Häusern und Wohnungen. Oder am Arbeitsplatz.

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Daher fordert beispielsweise die Bayerische Bauordnung: "Das lichte Maß der Fensteröffnungen von Aufenthaltsräumen muss mindestens ein Achtel der Nutzfläche des Raums betragen."

Mit durchschnittlich zehn bis 12,5 Prozent Fensteranteil im Vergleich zur Grundfläche rangiert Deutschland gemäß einer Untersuchung des BPIE (Building Performance Institute Europe) allerdings im Bereich der eher unterbelichteten Nationen.

Es spricht einiges für die Dunkeldeutschland-Theorie

Zum Vergleich: In Frankreich oder England werden mindestens 20 Prozent verlangt. Die Studie gelangt daher zu der Empfehlung, "die vorgeschriebene Fensterfläche für Neubauten zu verdoppeln". Eine Verdoppelung jenes Umsatzes, der sich bevorzugt in der Fensterbranche erzielen lässt, würde freilich auch die Firma Velux erfreuen.

Velux ist, so der Sprecher der Initiative GutesWohnen auf Nachfrage, "ein enger Industriepartner". Folglich auch: Geldgeber der Studie. Insofern sollte man sich der fensterfreundlichen Studie zurückhaltend nähern.

Dennoch spricht einiges für die Dunkeldeutschland-Theorie: Energieeffiziente Sanierungsmaßnahmen, wie sie derzeit im großen Stil hierzulande betrieben werden, führen in der Regel nicht zu mehr, sondern zu weniger Fensterflächen.

Glas ist längst ein Antriebsmotor der baukulturellen Moderne

Massive, fensterlose Wände sind energetisch leider interessant. Verdickte Fensterlaibungen verdunkeln die Häuser zusätzlich. Zweitens hinkt das Baurecht neueren medizinischen Erkenntnissen zur bedeutsamen Rolle des Tageslichts für den Organismus tatsächlich hinterher.

Dabei ist der Stoff, aus dem die Fenster sind, schon längst ein Antriebsmotor der baukulturellen Moderne. Schon Paul Scheerbart, ein deutscher Schriftsteller fantastischer Literatur, dichtete zu Beginn des 20. Jahrhunderts: "Glück ohne Glas, wie dumm ist das."

Das legendäre "Glashaus" nach einem Entwurf seines Freundes Bruno Taut, ein Haus von kristalliner Durchsichtigkeit, zu sehen auf der Kölner Werkbund-Ausstellung 1914, wurde jedoch noch verhöhnt. Über die verständliche Sehnsucht nach lichtdurchfluteten Lebensräumen lacht heute niemand mehr.