Andechs Aus für die Carl-Orff-Festspiele

Noch diese Saison, dann ist Schluss für Marcus Everding und die von ihm geleiteten Carl-Orff-Festspiele.

(Foto: Claus Schunk)
  • Das Kloster hat auf einer Pressekonferenz am Donnerstag mitgeteilt, es sehe sich nicht in der Lage, nach dem Abschluss der Saison 2015 die Festspiele weiterzuführen.
  • Als Grund für das Aus nach 18 Jahren werden "schwerwiegende und nicht mehr zu überbrückende Differenzen zwischen dem Kloster und der Carl-Orff-Stiftung" genannt.
Von Armin Greune und Sabine Reithmaier, Andechs

"Aus iss und gar iss und schad iss, dass wahr is." Mit dem Zitat aus Carl Orffs "Astutuli" kommentierte Stiftungsvorsitzender Wilfried Hiller das Ende für die Carl-Orff-Festspiele in Andechs. Und trotz leisem Bedauern wirkte er eher erleichtert über die Nachricht: Das Kloster hat auf einer Pressekonferenz am Donnerstag mitgeteilt, es sehe sich nicht in der Lage, nach dem Abschluss der Saison 2015 die Festspiele weiterzuführen. Als Grund für das Aus nach 18 Jahren werden "schwerwiegende und nicht mehr zu überbrückende Differenzen zwischen dem Kloster und der Carl-Orff-Stiftung" genannt.

Die "finale Entscheidung" habe der Mönchskreis am Mittwoch gefällt, sagt Christian Rieger, kaufmännischer Leiter im Kloster. Die Stiftung habe die Auffassung vertreten, dass Marcus Everding "dem Anspruch von Carl Orff nicht gerecht werde", während das Kloster mit dem künstlerischen Leiter "außerordentlich zufrieden" ist. In einem Schreiben habe die Stiftung im Januar die Entlassung Everdings gefordert und gedroht, ihre finanzielle Förderung von mehr als 100 000 Euro jährlich zurückzuziehen. Das Kloster als Träger der Festspiele habe bis Mitte April, zwei Wochen vor Beginn der diesjährigen Proben, auf die Aufführungsverträge warten müssen, sagt Rieger. Auf den Zuschuss hätte man eventuell verzichten können, doch habe die Stiftung rechtliche Schritte wegen Werkveränderungen angekündigt. Nach Darstellung Riegers war der Umgang mit dem dreiköpfigen Vorstand, der seit dem Tod von Orffs Witwe Liselotte 2012 die Stiftung führt, sehr schwierig: Mehrfach sei auf Gesprächsangebote und Schreiben nicht geantwortet worden: "Nach einem dreiviertel Jahr bin ich mit meinem Latein am Ende", sagt Rieger.

Everding reagierte mit "Trauer und Bestürzung" auf das Aus. Besonders leid täte es ihm um die rund 150 Mitwirkenden der Festspiele. Bestürzt sei er über "den groben Dilettantismus, der mir in meiner Karriere bislang noch nicht begegnet ist". Er habe von der Stiftung nicht einmal eine Antwort auf seine Konzepte erhalten. Die Konflikte hätten sich bereits im Vorjahr bei der Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" zugespitzt, der Stiftungsvorstand habe erklärt, Everding "die Grenzen der künstlerischen Freiheit aufzuzeigen. Der künstlerische Leiter hält "Meinungsverschiedenheiten für das Selbstverständlichste, was es gibt", doch "Zensur" sei nicht akzeptabel. Er habe sich stets um Werktreue bemüht und Orff lediglich "so zu inszenieren versucht, dass er auch heute verstanden wird".

Der Vorstand der Orff-Stiftung wirkte zwar nicht völlig überrascht, aber doch verblüfft über das Tempo der Entwicklung. "Das ist ein ungeheuerlicher Affront", sagt Ute Hermann, die Geschäftsführerin der Stiftung. Am 16. April hatten sich die Festspiele, deren Träger seit 2011 das Kloster Andechs ist, an die Stiftung gewandt und sie um eine finanzielle Zusage für 2016 gebeten. Die Antwort stand noch aus, da der Stiftungsvorstand fast zeitgleich mit der Pressekonferenz über diese Fragen beriet. Für 2015 hatte die Stiftung, die das künstlerische Erbe des Komponisten verwaltet, Andechs 174 000 Euro zur Verfügung gestellt, mehr als in jedem anderen Jahr, allerdings mit der Auflage, das Geld überwiegend für die Andechser Orff-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters zu verwenden. In dieser Einrichtung werden 60 Nachwuchsmusiker gefördert. Zum Abschluss begleiten sie als Festspielorchester eine der aktuellen Produktionen, in diesem Jahr den "Mond".

Wilfried Hiller, der Vorsitzende der Stiftung, hatte bereits im Vorjahr empfindlich darauf reagiert, dass Everding drei Jahre in Folge auf den Dauerbrenner "Carmina Burana" setzte, und gemutmaßt, die Festspiele könnten in eine eher kommerzielle Richtung abdriften. Als Everding 2014 noch Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" inszenierte und eine Musik im Orffschen Sinn in Auftrag gab, verkündete Hiller, Orff-Festspiele ohne Orff könne die Stiftung eigentlich nicht fördern. Schließlich seien Komponisten-Festivals dazu da, die Werke ihres Namensgebers aufzuführen. Dass er Everding unabhängig davon nicht für den geeigneten Leiter hielt, machte seine Kritik an den künstlerischen Defiziten diverser Aufführungen überdeutlich.

Everding, seit 2008 in seiner Funktion, schien auf die Vorwürfe zu reagieren. Immerhin präsentiert er heuer auf dem Heiligen Berg zwei Neuproduktionen: "Der Mond" (Premiere 17.7.) und "Astutuli" (Premiere 19.6.), beide Stücke inszeniert er selbst. Und obwohl es sich dieses Mal um zwei Originalmusiken handelt, konstatierte die Stiftung irritiert, dass Everding wieder sehr frei mit den Stücken umgeht. Der Regisseur hat nämlich eine der Hauptfiguren, den "fremden Gagler", der alle austrickst, mit einer Schauspielerin besetzt hat. Die "Fahrende spielt dafür ein Mann, während die zwei "Landsterzer" ein Darsteller übernimmt. "Solche Eingriffe in Orffs Werk müsste er sich eigentlich genehmigen lassen", sagt Ute Hermann. Der Verlag habe aber der Aufführung trotzdem zugestimmt.

Rieger stellte klar, dass im Kloster jetzt "keine alternativen Festspiele geplant sind". Man sei bereit, den Florian-Stadl künftig für Veranstaltungen "unter fremder Trägerschaft zur Verfügung zu stellen". ,Jetzt wollen wir noch mal verdammt gute Festspiele machen", sagte Rieger.