Amerikanische Literatur Ein Roman von großer moralischer Wucht

Wir begreifen dann die "Underground Railroad" (deren Anfälligkeit für Störungen aller Art Whitehead nicht genug betonen kann) als Allegorie einer Befreiung, nicht nur aus den Ketten einer empirisch belegten Sklaverei, sondern aus dem Gefängnis der Tatsachen überhaupt hinein in neue Dimensionen von Zeit und space. Überhaupt nährt Whitehead, wo er kann, Zweifel an einer realistischen, moralisierenden Lesart seines Romans. Als modernistischer afro-amerikanischer Autor ist er durch zu viele Schulen der Popkultur und der "Appropriations"-Fragen gegangen, als dass er hier lediglich einen Beitrag zur Erinnerungskultur im Sinn hätte. Das Allegorische der Gesamtanlage findet seinen Ausdruck auch in der Art, wie die einzelnen Bundesstaaten in ihrer Rassen- und Sklavenpolitik gezeichnet werden.

Wie das Inhaltsverzeichnis verrät, handelt der Roman nicht sehr ausführlich von Personen (Coras Großmutter Ajarry, dem Sklavenjäger Ridgeway, dem Sklaven Caesar, der Cora zur Flucht überredet hat und anderen), dafür umso ausführlicher von Staaten (Georgia, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana, "Der Norden"), in denen er seine Handlung ansiedelt. Gewiss, wir nehmen am Schicksal der geflohenen Cora Anteil, aber das scheint nur die Route zu sein, auf der die Empathie der Leser auf die sicherste Weise ans Ziel gelangt. Viel interessanter ist etwa Georgia, der Staat, in dem bei Whitehead (und nur bei ihm) die Plantagensklaverei auf eine geradezu Tarantino-hafte Weise verwirklicht zu sein scheint, erkennbar an den furchtbaren Körperstrafen, die Randall, der Sklavenhalter, gegen entlaufene und wieder eingefangene Sklaven verhängt.

Anders ist die Lage in den Carolinas, hier ist die Sklaverei bereits abgeschafft. In South Carolina hat man die eigene Gewaltgeschichte in einen Themenpark verwandelt, in dem auch Cora, als Darstellerin ihrer selbst, eine zeitweilige Anstellung findet. Zu dieser Art Rassenpolitik gehört indes auch ein Programm, bei dem die Freigelassenen eugenischen Experimenten unterzogen werden. In North Carolina haben weiße Suprematisten mit der Sklaverei gleich auch die Sklaven selbst abgeschafft, deren Leichen nun von den Alleebäumen eines sogenannten Freedom Trail herabhängen. Tennessee wiederum ist für Menschen gleich welcher Hautfarbe anscheinend so unbewohnbar wie der Mond geworden. "Schwarze Bäume neigten sich, verkrüppelte schwarze Arme zeigten wie auf einen fernen, von Flammen noch unberührten Ort. Sie fuhren vorbei an unzähligen schwarzen Gerippen von Häusern und Scheunen, Schornsteinen, die wie Grabmale aufragten, den leeren Mauern verwüsteter Mühlen und Kornspeicher." Nichts ist realistisch an dieser Rede, alles (die schwarzen Bäume, Arme, Gerippe ebenso wie der "ferne, von Flammen unberührte Ort") wird zur Allegorie.

"Wir alle sind gebrandmarkt worden, innerlich, wenn nicht äußerlich."

Und welcher Bundesstaat repräsentiert nun das ganze, in unbewältigter rassistischer Vergangenheit und Gegenwart gefangene Amerika? Natürlich keiner, oder alle zusammen. Überdies ist ja die Verschleppung und Versklavung von Afrikanern in die USA Teil einer noch größeren Unterwerfungsgeschichte. Der Roman erinnert gelegentlich daran (oder er lässt Cora sich erinnern): "Das Land, das sie beackert und bearbeitet hatte, war indianisches Land gewesen. Sie wusste, die Weißen prahlten mit der Gründlichkeit der Massaker, bei denen sie Frauen und kleine Kinder getötet und deren Zukunft in der Wiege erstickt hatten." Und dann weiter, und wahrscheinlich nicht mehr Coras Gedanken: "Geraubte Körper bearbeiteten geraubtes Land."

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Vor den Naziaufmärschen in Charlottesville war die Stadt vor allem für einen prominenten Bewohner bekannt: Schriftsteller John Grisham über seinen Wohnort und sein Land.   Von Willi Winkler

Wie in vielen intelligenten Romanen hat der Autor mehr Intelligentes zu sagen, als er seinen Figuren realistischerweise in den Mund legen oder denken lassen kann. Solche Stellen, an denen die Autorenperspektive den Figuren in die Quere kommt, sind nicht selten: "Cora dankte dem Herrn dafür, dass ihre Haut nie auf diese Weise gebrandmarkt worden war. Dabei sind wir alle gebrandmarkt worden, innerlich, wenn nicht äußerlich". Der gewaltige Erfolg von Whiteheads Roman mag mehr mit solchen Schwächen zu tun haben als mit seinen Stärken. Das Realistische, Identifikatorische und generell Mutmachende der (so könnte ein Werbetext formulieren) "Reise einer jungen Frau in die Freiheit" führt den Autor verlässlicher in Oprah's "Book Club" als fraktale Experimente mit der Vergangenheit. Wer sich als Leser in den Sog einer so gut wie wahren moralischen Fabel ziehen lassen will, kommt bei "Underground Railroad" auf seine Kosten. Und erliegt zugleich einer Illusion, vor der derselbe Roman aufs Deutlichste warnt.