Alan Hollinghurst: "Der Hirtenstern":Archäologie des Begehrens

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Alan Hollinghurst: "Der Hirtenstern": "Ich fühlte mich sehr weit weg von zu Hause und blieb einen Moment stehen, um meinen Geschlechtstrieb zu überprüfen, wie man den Ölstand im Wagen überprüft, beschloss, dass er zur Zeit noch ausreichend war und joggte auf die Musik zu." - Alan Hollinghurst.

"Ich fühlte mich sehr weit weg von zu Hause und blieb einen Moment stehen, um meinen Geschlechtstrieb zu überprüfen, wie man den Ölstand im Wagen überprüft, beschloss, dass er zur Zeit noch ausreichend war und joggte auf die Musik zu." - Alan Hollinghurst.

(Foto: Chris Bull/mauritius images / Alamy Stock Photos)

Als schwuler Sex normal wurde: Alan Hollinghursts frühes Meisterwerk "Der Hirtenstern" erscheint nach fast 30 Jahren endlich auf Deutsch.

Von Gustav Seibt

Man kann sich wundern, dass es einen großen Roman von Alan Hollinghurst gibt, der erst jetzt, fast 30 Jahren später, auf Deutsch zu lesen ist. "Der Hirtenstern" erschien in England 1994. Jetzt hat ihn der Albino Verlag in der guten Übersetzung von Joachim Bartholomae herausgebracht. "The Folding Star" war Hollinghursts zweiter Roman, nach der "Schwimmbad-Bibliothek", die 1992, vier Jahre nach dem englischen Original, bei Kiepenheuer & Witsch erschien. Die späteren Romane kamen dann jeweils fast gleichzeitig mit den Originalen auch in deutscher Sprache heraus (bei Blessing), so auch das am höchsten gefeierte Buch Hollinghursts, der Epochenroman "Schönheitslinie" von 2004/2005.

Offenbar fehlte bei dem großen Verlag das Interesse, das Frühwerk nachzuholen. Jetzt nutzte ein kleiner, feiner Verlag mit überwiegend schwulem Programm die Chance. Die Verspätung im Zeitmaß fast einer ganzen Generation eröffnet dabei auch eine eigene Rezeptionschance.

Hollinghurst wirkte damals stofflich aufregender, aber das verdunkelte nur, dass er schon immer ein fast altmodischer Erzähler war

"Der Hirstenstern" ist kein Nebenwerk, sondern ein ausgeruhtes, großes Buch von unverkennbarer Meisterschaft, in vielen Zügen sogar lebendiger und frischer als die letzten, etwas konstruierten Romane Hollinghursts, die englische Gesellschaftsgeschichte über mehrere Generationen erzählen und daher manchmal etwas Ausgedachtes haben. Im "Hirtenstern" ist alles frisch und neu, man erkennt zwar den historischen Abstand an den Alltagsdetails - beispielsweise bei der Telefonie -, aber eine Patina hat er nicht. Das Buch ist rührend und lustig, auch hintergründig wie alles von diesem Autor.

Und ja, es geht wieder ganz zentral um schwulen Sex. Da ist nun eine eigene historische Überlegung fällig. Um 1990 wirkten Hollinghursts Verbalisierungen tabubrechend, weil ein einfacher Vergleich nicht gezogen wurde. Dieser Autor erzählt von der den Alltag unentwegt begleitenden, sexuellen Angeregtheit schwuler Männer ungefähr so freimütig und selbstverständlich, wie das John Updike, Philip Roth, Nicholson Baker und viele andere unbefangen für heterosexuelle Männer längst taten: Offen gelebter Sex ist eben Teil des modernen Weltalltags. Dafür gibt es eine Sprache. Das ist individuell immer wieder aufregend, aber schon lange kein gesellschaftlicher Skandal mehr. Es gehört zur Poesie des Gewöhnlichen, die die eigentliche Domäne des bürgerlichen Romans ist.

Alan Hollinghurst: "Der Hirtenstern": Alan Hollinghurst: Der Hirtenstern. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae. Albino Verlag, Berlin 2022. 620 Seiten, 28 Euro.

Alan Hollinghurst: Der Hirtenstern. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae. Albino Verlag, Berlin 2022. 620 Seiten, 28 Euro.

Der frühe Alan Hollinghurst steht literaturgeschichtlich an der Schwelle, an der diese aufregende Selbstverständlichkeit und poetische Beiläufigkeit auch für schwulen Sex erreicht wurde, als Teil eines gewöhnlichen, aber gerade in seiner Normalität für alle Leser bewegenden Alltags. Dieser Schritt war vor 30 Jahren in seiner Folgerichtigkeit und Tragweite vielleicht noch nicht richtig einzuschätzen, weil im Detail so viel Ungewohntes an die vorwiegend heterosexuelle Leserschaft heranbrandete - während die Schwulen hier allerdings mit langen Ketten von Wiedererkennungseffekten beglückt wurden.

Hollinghurst wirkte also damals, vor 30 Jahren stofflich aufregender als heute, und das verdunkelte den Umstand, dass er schon immer im besten Sinne des Wortes fast altmodischer Erzähler war: Er zeigt eine in vielen seelischen Facetten ausgefaltete westliche Mittelstandswelt, darin Updike oder auch John Cheever sehr verwandt. Die inneren Abenteuer, die zart und derb erlebten erotischen Erlebnisse starten in der vertrauten sozialen Wirklichkeit. Die Kategorie der Verruchtheit hat ausgedient. Dafür kommen heute Hollinghursts stilistische Qualitäten, denen Nicholson Baker schon vor Langem seinen fast ehrerbietigen Tribut zollte, noch strahlender zur Geltung.

Die umtriebigen Kleinstadtschwulen sind hier noch die normalsten, die Bizarrerien gibt's in den alten bürgerlichen Familien

Der Ich-Erzähler des "Hirtensterns" ist ein erfolgloser englischer Dichter, der sich eine Auszeit als Nachhilfelehrer in einer alten belgischen Kleinstadt gönnt - es kann sich nur um Brügge handeln. Dort unterrichtet der 30-Jährige zwei halbwüchsige Jungen und kommt so auch in Verbindung mit deren Familien. Er erkundet das überschaubare, ebenfalls fast familiäre schwule Nachtleben des Städtchens, in dem es gar nicht besonders heimlichtuerisch zugeht, die alltagsgeschichtliche Momentaufnahme ist gut getroffen.

In der Mitte des Romans muss der Erzähler für 100 Seiten zurück nach Hause, in eine englische Kleinstadt südlich von London, wo ein Schulfreund, seine erste Liebe, nach einem Verkehrsunfall begraben wird - bevor der schon drohende Aids-Tod ihn ereilte. Damit kommt die Biografie des Erzählers Edward Manners, der Sohn eines mittelerfolgreichen Konzertsängers ist, in den Blick, samt all den süßen Erregungen von früher Liebe und erstem Sex, nächtens im Wald unter sommerlichen Sternen, darunter dem titelgebenden Abendstern (den englische Dichtung mit den Hirten in Verbindung bringt). Allein diese 100 Seiten mit ihrer Verbindung von erinnerter Jugendfrühe und Abschied sind umwerfend schön, ein sehr rührender Coming-of-Age-Roman als Bild im Bild.

Doch die wahren Abenteuer warten im tiefen Belgien der alten Stadt, wo sich hinter historischen Fassaden an stockenden Kanälen ein immer kurioseres Figurenensemble zeigt. Die umtriebigen Kleinstadtschwulen sind noch die normalsten, die eigentlichen Bizarrerien werden in alten bürgerlichen Familien gehegt, deren überforderte Söhne an schweren Lasten zu tragen haben, die teils ins burgundische Mittelalter, teils in die Zeit der Nazi-Besetzung und der Kollaboration reichen.

Die Beschreibungen der fiktiven Kunstwerke sind virtuos

Nacherzählung wäre pedantisch, aber ein paar Hinweise müssen sein: Der Vater eines der beiden Nachhilfeschüler leitet ein Museum eines fiktiven belgischen Malers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eines Symbolisten mit gewissen Ähnlichkeiten zu Fernand Khnopff. Auch hier wieder: Einblicke in versteckte Vergangenheiten mit leicht skandalöser Erotik, diesmal heterosexuell, und einem tragischen Ende im Zweiten Weltkrieg. Die Beschreibungen fiktiver Kunstwerke, die Hollinghurst hier abliefert, gehören zum Virtuosesten des ganzen dicken Buches.

Das Hauptdrama des Romans aber ist die Verliebtheit, die den Erzähler Edward für seinen anderen Schüler, den siebzehnjährigen Luc aus der alten Familie Altidore ergreift. Das gerät zu einer Minne-Affizierung sehnsüchtigst-schmachtender Art, für deren Orchestrierung Hollinghurst tief in die Kisten von Thomas Mann und Vladimir Nabokov, ja Proust greift - Tadzio, Lolita, Albertine sind literarische Sterne am von Türmen umschlossenen Himmel der abgründig versponnenen Kleinstadt. So erreicht der zeitgenössisch so präzise Roman eine gefühlshistorische Tiefe, eine Archäologie des Begehrens im bürgerlichen Zeitalter. Edward, sonst ein unverklemmter Mensch, erfährt Gustav-von-Aschenbach-Beklemmungen, samt dem dazu gehörenden Nachspionieren auf allerlei Wegen. Diese Minne ist zugleich ätherisch und gegenständlich, hat also reiches poetisches Potenzial.

Das umfängliche Figurensystem des Buches hält viele Spielarten im Kontinuum zwischen irdischer und himmlischer Liebe, zwischen derbem Sex und scheuer Verehrung bereit. Der Panerotismus lebt in ganzen Regenschauern von Metaphern, die unentwegt auf die Leser herunterfallen, zu immer neuer Erheiterung. Hier mag jeder an anderen Stellen lachen, zum Beispiel bei dieser, anlässlich einer nächtlichen Cruising-Erfahrung in einem dunklen Park: "Ich fühlte mich sehr weit weg von zu Hause und blieb einen Moment stehen, um meinen Geschlechtstrieb zu überprüfen, wie man den Ölstand im Wagen überprüft, beschloss, dass er zur Zeit noch ausreichend war und joggte auf die Musik zu."

Luc übrigens, der sich am Ende als weit weniger unerreichbar-unberührbar erweist als zunächst gedacht, läuft aus dem Roman weg. In den letzten Zeilen ist er Bild geworden, von einem Suchplakat an einer Fensterscheibe starrt er aufs winterlich graue belgische Meer.

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