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Roman "Find Me" von André Aciman:Sag mir kluge Dinge, Baby

André Aciman Find Me Call me by your Name

Das "New York Journal of Books" hat André Aciman als herausragenden "Sensualisten" unserer Zeit beschrieben.

(Foto: Sigrid Estrada/dtv Verlag)

Die schönste bildungsbürgerliche Liebesgeschichte der letzten Jahre geht weiter. Aber wie. Die Fortsetzung von André Acimans "Call me by your Name".

Von Kathleen Hildebrand

"Am Sex war nichts ungewöhnlich gewesen, aber ich schätzte es sehr, wie aufmerksam er bei allem gewesen war." Nein, einen so leidenschaftsarmen Satz hatte sich beim Hinfiebern auf diese Fortsetzung wohl niemand vorgestellt. Nicht nach Luca Guadagninos gefeierter Verfilmung von "Call me by your Name" von 2017, die den ihr zugrunde liegenden Roman von André Aciman nachträglich zum Bestseller machte - diese Sommerromanze aller Sommerromanzen, angesiedelt im Italien der frühen Achtzigerjahre, in der Schwulsein so unerheblich erschien, wie es in einer besseren Welt wäre. Und die Liebe so groß und schön und schmerzhaft, wie sie es nur in der Jugend sein kann.

Der Teenager Elio fand da im Landhaus seiner Eltern mit dem etwas älteren Studenten Oliver zusammen. Am Ende mussten sie sich trennen, Oliver kündigte seine baldige Hochzeit an. Die lange Einstellung am Schluss des Films, in der Elio weinend ins Kaminfeuer guckt und die Fliege nicht bemerkt, die auf seinem Arm rumkrabbelt, war eine der einprägsamsten Szenen jenes Filmjahres.

Acimans Vorlage, dem Roman von 2007, war etwas gelungen, was selten genug ist: Er beschrieb Begehren und Sex offen und unzweideutig. Aber ohne dass es peinlich war und ohne die Romanze zwischen Elio und Oliver auf ihre Körperlichkeit zu reduzieren. Acimans Buch war deshalb schon vor seiner Verfilmung ein moderner Klassiker queerer Literatur. Der Erfolg des Films ließ eine Fortsetzung dann offenbar unvermeidlich erscheinen.

Dass André Aciman damit gerungen hat, merkt man seinem Buch an. Ganz offensichtlich wollte er es vermeiden, Fan-Fiction zu seinem eigenen Erfolgsroman zu schreiben. Bis Elio und Oliver sich in "Find Me - Finde mich" auch nur begegnen, dauert es 280 Seiten, das Buch ist da schon beinahe vorbei. Aciman erzählt lieber zwei andere Geschichten. Die erste ist die der späten großen Liebe von Elios Vater Samuel Perlman. Der hielt in "Call me by your Name" die rührendste, klügste Rede an seinen Sohn, die man sich vorstellen kann. Es sei ihm also absolut gegönnt, dass er, mittlerweile von Elios Mutter geschieden, auf seine alten Tage noch mal so richtig liebesselig wird. Wenn nur die Art, wie Aciman ihm dieses Glück angedeihen lässt, keine so unoriginelle Männerfantasie wäre. Er verliebt sich im Zug nach Rom - sein Sohn lebt dort und arbeitet als klassischer Pianist - in eine halb so alte, modelschöne Frau, und, was natürlich ein bisschen überraschender ist: Sie verliebt sich genauso fix in ihn. Ein paar Abende später nennt sie seinen Penis bereits "meinen Leuchtturm". Es ist eine ganz große Liebe, will Aciman den Leser glauben machen, und man wäre ja bereit dazu, wenn nur die Unterhaltungen der beiden ihre Tiefe nicht bloß behaupten würden.

Leicht auszuhalten ist Acimans verklärte Bildungshuberei hier nicht

Was man diesem Buch wirklich am wenigsten verzeiht, ist die Figurenrede: Schon in "Call me by your Name" war die nicht eben realistisch gewesen. Und doch hatte man da noch das leicht utopische Gefühl, dass es irgendwo auf einem charmanten italienischen Landsitz vielleicht wirklich ein paar in Harvard ausgebildete Überakademiker geben könnte, die selbst in den Sommerferien über nichts lieber plaudern als über Etymologie, antike Bronzeskulpturen oder Bach-Fugen und die Möglichkeit ihrer Übertragung auf die Gitarre. Wenn zwei sehr junge Menschen so reden, freut man sich immerhin für sie, dass zwei so ungewöhnlich Interessierte einander gefunden haben.

In Acimans ungleich streberhafterem Nachfolger aber fehlt diese Ebene. Weil es eben 60-Jährige sind, die so mit ihren jungen Geliebten sprechen. Im zweiten Teil des Romans verliebt sich Elio in einen Pariser Anwalt, der sein Vater sein könnte. Die beiden unterhalten sich auf den verregneten Straßen von Paris über den "Brassaï-Effekt", der nach einem frühen, ungarischstämmigen Paris-bei-Nacht-Fotografen benannt ist, wenn sie sagen wollen, dass nasse Straßen an der Seine irgendwie noch romantischer aussehen als anderswo. Leicht auszuhalten ist diese verklärte Bildungshuberei hier nicht, weil, anders als im Vorgänger, hinter dem intellektuellen Gespräch kein nachvollziehbares erotisches Feuer brodelt.

Worum es André Aciman mit "Find Me" geht, ist wohl die Theorie, dass die Liebe zwar manchmal Umwege geht, sich in ihr aber doch immer ein höheres Schicksal erfüllt. So weltverändernd ist dieser Gedanke nicht, dass er dafür die Elio-und-Oliver-Fans 280 Seiten lang hätte hinhalten müssen.

André Aciman: Find Me - Finde mich. Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Brovot. Dtv, München 2020. 296 Seiten, 22 Euro.

© SZ/khil
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