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90. Geburtstag:Auf eine typisch deutsche Weise unpolitisch

Nie passte, was er gedacht hat, zu den präformierten Fronten; und so wurde er beargwöhnt von allen. Anders als Günter Grass, der gleichaltrige Ruhmesgenosse, der aus seinen Skandalen gestärkt oder mindestens neu profiliert hervorging, zwängte sich Walser bei diesen Affären stets so unvorteilhaft wie möglich ein. Statt des politischen Autors, der er wenigstens zu gewissen Zeiten gern gewesen wäre, blieb er doch insofern auf eine typisch deutsche Weise unpolitisch, als er die Wirkungen nicht absah, die er hervorrief. Und reagierte darauf mit einer treuherzigen Bockigkeit, die alles noch schlimmer machte.

Bis in die zweite Hälfte der Siebzigerjahre präsentierte er sich primär als Kritiker der Gesellschaft. Danach schien er eine scharfe Kehrtwende zu vollziehen und sich ins bürgerliche Leben mit seinen umgrenzten Konflikten zurückzuziehen. Das erste Buch, das nach dieser Zäsur entstand, die Novelle "Ein fliehendes Pferd" von 1978, machte den Außenseiter auf einmal zum Bestsellerautor. Doch was er und seine männlichen Helden, die langsam mit ihm zusammen alterten, sich nach wie vor bewahrten, war ihr schlechthin erstaunter Blick auf alles, was der Fall ist.

Literatur Martin Walser schmort im eigenen Saft
Roman "Ein sterbender Mann"

Martin Walser schmort im eigenen Saft

Der Autor zelebriert in seinem neuen Roman "Ein sterbender Mann" krudeste Männerfantasien. Autobiografie oder lustvolle Selbstdemontage?   Buchkritik von Helmut Böttiger

Nichts wollen sie intensiver, als dazuzugehören; und die zahllosen Misshelligkeiten auf dem Weg dorthin bilden das eigentliche Element des oft verkannten Walserschen Humors. In dem Roman "Angstblüte" von 2006 (Walser weiß genau, dass allein die Angst unser Bestes hervorzwingt) lässt er, mit allen Zeichen der Einfühlung, den Hedgefonds-Manager Karl von Kahn auftreten, der durch seine salbungsvolle Art das Vertrauen der teils steinalten Anlegerinnen errungen hat.

"Wenn wir aber den Zinseszins erleben, erleben wir Religion"

Von dort fällt ein Blick auf das, was Geld überhaupt sei: "Das Absahnen, Gewinnmitnehmen samt Geldausgeben ist die triviale Dimension. Ich sage verständnisvoll: die irdische Dimension. Wer aber Geld spart und verzinst, erlebt den ersten Schauer der Vermehrung. Ich sage: der Vergeistigung. Der Zins ist die Vergeistigung des Geldes. Wenn der Zins dann wieder verzinst wird, wenn also der Zinseszins erlebt wird, steigert sich die Vergeistigung ins Musikgemäße. Das ist kein Bild, kein Vergleich, das ist so. Die Zinseszinszahlen sind Noten. Wenn wir aber den Zinseszins erleben, erleben wir Religion. (...) Spürbar wird Gott."

Hier gelingt wie nebenbei die mystische Wesensschau des Kapitalismus. Seine Nutznießer üben ihn aus, ohne ihn je zu reflektieren, seine Gegner beschränken sich darauf, seine destruktiven Konsequenzen sauertöpfisch anzuprangern. So bleibt er in seinem Ganzen wesentlich unbedacht. Man muss eine blasphemische Art von Unschuld mitbringen, um es auszusprechen zu können: Das Konzept des Geldes stellt, neben der Religion, die zweite große metaphysische Leistung der Menschheit dar. Gott mag man leugnen; das Geld ist da.

Andacht zum Obszönen

Es lässt sich dieser Passage eine gewisse Andacht zum Obszönen bescheinigen. Sie zeichnet Walser auch und besonders dort aus, wo er von der Liebe spricht; und das tut er eigentlich ununterbrochen. Man kann die "Halbzeit", die unter so vielen Dutzenden seiner Bücher im Lauf der Jahrzehnte doch wohl das größte bleibt, als den schlechthin gültigen Gesellschaftsroman der BRD lesen - oder als ein Werk der verzweifelten Liebe. Mit zwei, drei, vier Geliebten muss sich der umtriebige Anselm parallel auseinandersetzen, wohlgemerkt neben einer Ehefrau, die strikt auf die Einhaltung der "Eheabende" sieht.

Walsers Helden fühlen sich von der Ehe erstickt, aber keiner will auf sie verzichten, so wenig wie auf seinen bürgerlichen Brotberuf. Die Inständigkeit des Begehrens ist getönt und unterfüttert von Angst, die den Liebes- so gut wie den Geldmarkt beherrscht; so findet sie niemals aus dem Grundzustand der Unruhe heraus und wird umso treuloser, je bedürftiger sie ist.

Literatur "Viele Menschen sind nicht in der Lage, sich selbst zu retten"
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"Viele Menschen sind nicht in der Lage, sich selbst zu retten"

Mit "Ein wenig Leben" hat die US-Autorin Hanya Yanagihara einen Roman über Missbrauch geschrieben, der zum Bestseller wurde. Ein Gespräch über Gewalt in der Literatur und die USA unter Donald Trump.   Interview von Luise Checchin

Mit dem zunehmenden Alter Walsers und seiner Protagonisten tut sich die Schere zur jugendlich begehrenswerten Frau immer weiter auf. Der Abstand erreicht zwei, drei, ja selbst vier Jahrzehnte. Die Männer, die solche Liebe erleiden, sind über ihre Aussichten sehr im Zweifel und ihrer sozialen Missbilligung gewiss. Walser benützt die Schamlosigkeit der Sexszenen geradezu als Wünschelrute, die bei seinen älteren Herren die Adern des wahren Gefühls aufspürt.

Man sage nicht, es gebe heute keine Tabus mehr: Walser trifft sie alle, etwa im Roman "Der Augenblick der Liebe". "Er hätte die Damen wirklich fragen müssen, warum ein Älterer, wenn er denn das war, was sie geil nannten, nicht einfach geil, sondern altersgeil war. Die hatten da eine Ahndung parat. (...) Und weil das so ist, weiß Gottlieb, dass er, was bei ihm altersgeil genannt werden konnte oder musste, zu verbergen hatte, so wie er als Fünfzehnjähriger seine Jugendgeilheit zu verbergen hatte. Es gab Damen und Herren im Ächtungsdienst für jedes Alter."