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90. Geburtstag:Und Walser schreibt weiter

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Trifft jedes Tabu: Der große deutsche Schriftsteller Martin Walser wird 90 Jahre alt.

(Foto: P. Matsas/Opale/Leemage/laif)

Er ist links, verstockt und unbelehrbar. Er wird von allen Seiten beargwöhnt und ist trotzdem Bestsellerautor. Nun wird Martin Walser 90 Jahre alt.

In der Jugend, sagt ein Sprichwort, gleiche der Mensch seiner Zeit; im Alter seinen Vorfahren. Wenn dieser Satz je auf einen Autor zutrifft, dann auf Martin Walser. Sein Werk umspannt mehr als sechs Jahrzehnte, und er hat die deutsche Literatur in dieser Zeit entscheidend geprägt. Dabei bleibt er, auch wenn es auf Anhieb nicht so aussieht, immer derselbe.

Am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, wurde Martin Walser kurz vor Kriegsende zur Wehrmacht eingezogen. Er studierte Germanistik, promovierte über Kafka, arbeitete schon bald als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und machte sich, gerade dreißig Jahre alt, einen Namen mit dem Erstlingsroman "Ehen in Philippsburg". Man kann ihn als Auftakt ansehen für die gewaltige Kristlein-Trilogie, wie sie nach ihrem Helden heißt, bestehend aus den Bänden "Halbzeit", "Das Einhorn" und "Der Sturz". Sie führt von den späten Fünfziger- bis in die frühen Siebzigerjahre und zeichnet ein einzigartig exaktes, fesselndes Bild der jungen, langsam reifenden Bundesrepublik.

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Anselm Kristlein: Das ist ein Name, der die bodenständige Welt der oberschwäbischen Ahnen zitiert, die er mit seinem Verfasser teilt. Aber es ist ihm nicht vergönnt, dort zu bleiben. Der Zwang, unter wechselnden Verhältnissen Geld für sich und seine vielköpfige Familie zu verdienen, hält ihn beständig auf Trab, und das heißt auf der Höhe der Zeitgenossenschaft, zunächst als reisenden Vertreter für Aussteuerwäsche, dann als Reklamemann eines Feinkost-Fabrikanten, zuletzt, in diesem Rattenrennen todmüde geworden, als Hausmeister eines Erholungsheims.

Den Trümmern des Kriegs entwachsen

Grundsolide sieht sie aus, diese neue Gesellschaft, die den Trümmern des Kriegs entwachsen ist. Sie scheint Wohltaten für alle bereitzuhalten, in Wahrheit aber ist sie voller Fallen. Man muss sogar aufpassen, welchen Namen man seinen Kindern gibt. Anselm bereut es zutiefst, dass er seinen Sohn Guido nannte. Denn wie spricht man das aus? "Guuido", wie man es instinktiv in Deutschland tut, oder "Gwido", wie das italienische Original es verlangt?

Darüber geraten sich auf einer Party der Dichter Dieckow und der bekennende Schwule (damals noch eine echte Kühnheit!) Edmund in die Haare. "Edmund und Dieckow fochten weiter. Edmund warf Dieckow vor, es sei 'typisch deutsch', alles deutsch auszusprechen. Dieckow warf Edmund vor, 'typisch deutsch' sei es, alles ausländisch aussprechen zu wollen, jeder wollte dem anderen nachweisen, er sei 'typisch deutsch', jeder wehrte sich dagegen, weil 'typisch deutsch' zu sein offensichtlich das Schlimmste war, was einem nachgesagt werden konnte. Je länger ich zuhörte, desto ratloser wurde ich."

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Anselm würde am liebsten wegtauchen von diesem unseligen Streit und erwägt, seinen Sohn von nun an Gustav oder Georg zu rufen. Aber am Ende führt kein Weg an der trüben Einsicht vorbei: "Vielleicht ist es sogar 'typisch deutsch', dass jeder bei uns das, was er nicht mag, 'typisch deutsch' nennt." Das ist eine Einsicht, zu der keines der beiden sich erbitternd bekämpfenden deutschen Lager, weder das konservative noch das progressive, je für sich hätte gelangen können. Nur wen die angstgeborene Hellsicht befähigt, illusionsfrei das Bild des Ganzen zu sehen, erkennt, wie das zusammenhängt; wie untrennbar sich diese Feinde zu einem einzigen Knäuel verbeißen. Martin Walser war stets wie kein anderer der Autor des "typisch Deutschen", das mit sich selbst in ewigem Hader liegt, und er ist es noch immer.

Die Zwickmühle, die sein Thema ist

Mehr als einmal geriet er selbst in die Zwickmühle, die sein Thema ist. Links war er, in den Sechzigern, als ihm das nicht helfen konnte; und dass er es ausgerechnet mit der doktrinären DKP hielt, isolierte ihn noch innerhalb des linken Flügels. Später, als die Gesellschaft insgesamt den Schwenk zur Sozialdemokratie vollzogen hatte, erwarb er sich einen Ruf als verstockter Reaktionär. In den Achtzigerjahren reiste er in die DDR, nach Sachsen und Thüringen, und fühlte dort gerührt das alte Herz des deutschen Geistes schlagen. Das ließ ihn als unbelehrbaren Revanchisten erscheinen, in einer Zeit, die nicht ahnte, wie nah sie in Wahrheit bereits der deutschen Vereinigung war.

Als er 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, schaffte er es bei seiner Dankesrede mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit, alle jene vor den Kopf zu stoßen, die ihm diesen Preis verliehen hatten, indem er Zweifel an der deutschen Gedächtnis- und Bewältigungskultur äußerte. Und eine Figur, die Marcel Reich-Ranicki, dem Kritiker, der ihn verrissen hatte, zumindest ähnelt, ließ er in dem kleinen Roman "Tod eines Kritikers" kurzerhand ermorden (wenigstens zum Schein) - was ihm den hierzulande tödlichen Vorwurf des Antisemitismus eintrug. Mit welch scharfem Blick er in den Sechzigern den Auschwitz-Prozess und dessen Aufnahme in der Öffentlichkeit verfolgt hatte, geriet dabei in Vergessenheit.