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70. Filmfestspiele von Cannes:Für Aufmerksamkeit muss ein Veteran sorgen

Im Wettbewerb aber könnte Ade ein wichtiges Wort für ihren Landsmann Fatih Akin einlegen, der mit seinem Drama "Aus dem Nichts" dabei ist. Diane Krüger, in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle, spielt darin die Ehefrau eines Deutschtürken, die Mann und Kind durch eine Neonazi-Bombe verliert. Daraufhin beschließt sie, in kaum verhüllter Anspielung auf die NSU-Morde, Aufklärung und Sühne nicht allein der deutschen Justiz zu überlassen ...

Mit Spannung erwartet wird auch "The Beguiled/Die Verführten" von Sofia Coppola, ein Remake des gleichnamigen Clint-Eastwood-Films aus dem Jahr 1971. Ein verwundeter Soldat im Sezessionskrieg wird in einem Mädchenpensionat gesund gepflegt, und die erotischen Spannungen, die er dort hineinträgt, gefährden am Ende vor allem ihn selbst.

Sehr gute Laune macht das Szenenfoto, das es von Michael Hanekes Wettbewerbsbeitrag "Happy End" schon gibt. Da sitzt eine unverkennbar bourgeoise französische Großfamilie (darunter Isabelle Huppert, Mathieu Kassovitz und der greise Jean-Louis Trintignant) in einem feinen Restaurant am Meer, und sie schauen alle zu jemandem außerhalb des Bildes hin, der sie offenbar stört. So angespannt und verkrampft wirken diese Blicke, dass man gleich eine Grundbosheit spürt, wie sie nur Haneke hinkriegt. Nach Aussage des Produzenten Stefan Arndt darf aber in diesem Film - wohl erstmals bei Haneke - auch gelacht werden. Ob das am Ende dem Gewinn einer dritten Goldenen Palme förderlich ist, oder doch eher ein Hindernis?

David Lynch zeigt in Cannes neue Folgen seiner Kultserie "Twin Peaks", aber nicht exklusiv

Was der Wettbewerb sonst noch zu bieten hat, ist vorab schwer einzuschätzen. Der allzeit verlässliche François Ozon ist mit "L'amant double" dabei, der Trailer deutet aber auf einen eher konventionellen Psychothriller hin; der Franzose Michel Hazanavicius, der mit "The Artist" in Cannes und bei den Oscars abräumte, wurde mit seinem nächsten Film an der Croisette schwer ausgebuht. Vielleicht kehrt er mit "Le Redoutable" zu alter Form zurück. Weitere hier wohlbekannte Namen - etwa Hong Sang-soo, Naomi Kawase, Andrei Swjaginzew, Yorgos Lanthimos, Todd Haynes und Lynne Ramsay - könnten gute Filme im Gepäck haben, für pure Vorfreude stehen sie aber nicht. Auch der Eröffnungsfilm "Les Fantômes d'Ismaël" von Arnaud Desplechin verspricht eine sehr spezielle und französische Angelegenheit zu werden. Die Hauptfigur, ein Filmemacher, ist zwischen Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg hin- und hergerissen.

Für richtig Aufmerksamkeit muss dann doch wieder ein Veteran sorgen, der eine unzerstörbare Marke des gehobenen Grusels mitbringt. David Lynch präsentiert die Fortführung seiner TV-Serie "Twin Peaks", und in manchen Berichten klang das schon wie das Hauptereignis des Festivals. Aber so sehr man sich darauf freut - auch dies ist ein Kapital im Kampf zwischen Kinoglamour und Streaming-Gier. Das Cannes-Programm kündigt eine Gala mit zwei Folgen für den Abend des 25. Mai an, wo sicherlich "Twin Peaks"-Veteranen wie Kyle MacLachlan, Sherilyn Fenn und Sheryl Lee über den roten Teppich schreiten werden.

In der weiten Welt des Streaming aber (in Deutschland etwa über Sky Go) wird diese Veranstaltung dann längst ein alter Hut sein. Dort hat man schon drei Tage früher Zugriff auf die Frage, wie es im Holzfällerkaff Twin Peaks weitergeht. Das ist ungewöhnlich für Cannes, mit seiner ewigen Jagd nach Weltpremieren, und es muss wohl unter der Rubrik Schlappe verbucht werden. Leinwand versus Display - kann es immer nur einen geben, der das Recht des ersten Blicks gewinnt?

© SZ vom 17.05.2017/cag

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