bedeckt München 13°

"I love Dick" als Serie:Objektiv der Begierde

Eine Begegnung genügt schon, dann ist sie ihm verfallen: Kathryn Hahn als Chris Kraus und Kevin Bacon als Dick, der Professor ihres Mannes.

(Foto: Leann Mueller/Amazon Prime)

Das Buch "I love Dick" über eine obsessiv verknallte Frau ist ein Klassiker der feministischen Popliteratur. Jill Soloway hat daraus eine Serie gemacht und musste sich dafür ziemlich weit von der Vorlage entfernen.

Von Karoline Meta Beisel

Chris ist Filmemacherin, ihr jüngstes Werk wäre beinahe in Cannes gelaufen. Die Geschichte, warum es dann doch nicht dazu kam, ist nicht schlecht, aber auf diesem Empfang will sie niemand hören: "Guck mal, das ist die Holocaust-Ehefrau!", dieses Etikett trägt Chris bei dieser Party. Chris (Kathryn Hahn) ist als "plus eins" bei dem Empfang für die neuen Stipendiaten eines Künstlers namens Dick. Einer der Stipendiaten ist Chris' Mann Sylvère (Griffin Dunne), mit dem im Bett schon lange nichts mehr läuft, und der sich in Marfa, Texas, mit dem Holocaust beschäftigen will. Beim Holocaust sei "irgendetwas Neues im Gange", erklärt er einer jungen Frau namens Toby - einer Mitstipendiatin, wie sich später herausstellen wird. Chris stakst also schüchtern zwischen allerlei Fremden herum, bis sie ebenjenen Dick sieht.

Sie verfällt ihm sofort. Chris' Faszination für Dick, die mit obsessiv noch zurückhaltend beschrieben wäre, ist die Geschichte der neuen Amazon-Serie I love Dick. Es ist aber auch das Thema des gleichnamigen, zumindest teilweise autobiografischen Buchs der amerikanischen Schriftstellerin Chris Kraus, auf dem die Serie beruht. Auch wenn vieles hinzuerfunden wurde, wie Dicks Beruf oder die Szene auf dem Empfang.

"I love Dick", das Buch aus dem Jahr 1997, gilt als Beispiel für eine Form von Literatur, die schamlos und lustvoll im eigenen Bauchnabel popelt, aber auch als wichtiges feministisches Werk, weil Kraus darin ihre Position als Frau im intellektuellen Betrieb reflektiert und über ihre Dick-Obsession ihre Stimme als Künstlerin findet.

Hauptdarsteller Kevin Bacon wurde von "allen Frauen in meinem Leben" dazu gedrängt, diesen Dick zu spielen, wie er eine Woche vor der Premiere beim Interview in München erzählte. Mit dem Buch hatte das allerdings nichts zu tun: "Das haben die wegen Jill gesagt." Die erste eigene Serie der Drehbuchautorin und Regisseurin Jill Soloway, Transparent, über einen Familienvater, der lieber eine Frau wäre, ist schlau und lustig und anrührend wie sonst kaum etwas im Fernsehen und wurde zu Recht dutzendfach ausgezeichnet.

Es gibt auch was fürs Auge: Dick auf einem Pferd; Dick oben ohne mit einem Schaf um die Schultern

Für die neue Serie musste sich Soloway sehr weit von Kraus' Vorlage entfernen: Das Buch besteht fast ausschließlich aus Briefen, die Chris und Sylvère an Dick schreiben. Es brauchte mehr Figuren und auch mehr sichtbare Handlung. Vor allem Dick bleibt im Buch blass, ist bloßes Objekt der Begierde. "In meinem Alter freut man sich, wenn man als Objekt gesehen wird", sagt Bacon. Aber weil Bacon eben nicht nur ein 58-jähriger Mann, sondern auch ein erfolgreicher Hollywood-Schauspieler ist, gibt es in der Serie doch noch ein bisschen mehr über Dick zu erfahren. Was nicht heißen soll, dass sich die Kamera - so wie Chris - nicht zwischendurch an ihm laben würde: Dick auf einem Pferd; Dick, wie er sich eine Zigarette dreht; Dick, oben ohne mit einem Schaf um die Schultern.

"The male gaze", nennt man den Blick, mit dem Männer die Welt im Allgemeinen und Frauen im Besonderen sehen. Bei I love Dick geht es Soloway um das Gegenteil, "the female gaze", und zwar nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Bacon sagt, er sei erst verwundert gewesen, als er hörte, dass am Drehbuch zur Serie mit Absicht kein einziger Mann mitarbeiten sollte. "Mein erster Reflex war: Wie wollt ihr dann für mich schreiben?" Dabei sei das natürlich Blödsinn: "Männer schreiben seit Jahrzehnten, eigentlich immer schon, Rollen für Frauen." Und die hätten immer zu 100 Prozent auf einer männlichen Sichtweise beruht. Große Überraschung: Sylvère und Dick seien trotz des rein weiblichen Writers' Rooms interessante, komplexe Männerfiguren geworden.

Aber wenn die Männer partout nix verstehen wollen, bekommen sie eben auch einen drüber. In der zweiten Folge geht Sylvère mit der deutlich jüngeren Toby (India Menuez) spazieren. Die befasst sich in ihrer Arbeit mit Pornografie, was Sylvère partout nicht in den Kopf will. Fast schon verzweifelt hält ihr einen Vortrag, wie ihn viele Frauen in der ein oder anderen Variante schon einmal gehört haben dürften. "Du bist doch noch so jung! Warum faszinieren dich Pornos so? Warum nur? Warum? Sieh dich doch an. Du bist so schön! So schön, dass es weh tut!" Die junge Frau steht resignierend vor ihm, die Mühe, ihm oder den Zuschauern irgendetwas zu erklären, macht sich das Drehbuch dann gar nicht mehr.

I love Dick, auf Amazon Prime Video.

© SZ vom 12.05.2017/cag

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite