65. Filmfestival Cannes:Keine einzige Regiearbeit von einer Frau

Ali in "De rouille et d'os", Rost und Knochen, ist auch ein Außenseiter. Mit seinem kleinen Sohn taucht er bei seiner Schwester auf, die wenig Geld hat, ihm aber auf die Füße hilft. Ali ist ungehobelt, aggressiv und nicht besonders klug. Erst im Umgang mit Marie (Marion Cotillard) erkennt man etwas Liebenswertes an ihm. Sie gehört nicht der selben Schicht an, und die beiden werden erst Freunde, nachdem sie bei einem Unfall beide Beine verloren hat. Aber nur er kann ihr helfen, weil es ihm auf entwaffnende Art egal ist, dass sie im Rollstuhl sitzt.

Audiards "Prophet" hat sich selbst verloren, in "De rouille et d'os" schaut man dem umgekehrten Prozess zu, einer Menschwerdung: wie ein Kerl, der so um seine Existenz kämpfen muss, dass er sich nur gefühllos durch die Welt boxen kann, langsam Bindungen entwickelt, Verantwortungsgefühl, wie einer überhaupt erst lernt, über Zusammenhänge nachzudenken.

Ein starker Auftakt, und eine solche Konkurrenz tut nicht jedem Film gut: "Baad el Mawkeaa" des Ägypters Yousry Nasrallah, in dem eine Journalistin versucht, die Mubarak-Anhänger in einem Armenviertel für politisches Engagement und soziale Gerechtigkeit zu begeistern, erzählt zwar von ähnlichen psychologischen Prozessen, aber gerade im Vergleich wirkt er hölzern und bemüht.

Keine einzige Regiearbeit von einer Frau hat es diesmal in den Wettbewerb geschafft, einer von 22 Männern wird gewinnen - was eine Reihe von feministischen Organisationen und auch Filmemacherinnen, Virginie Despentes beispielsweise und Coline Serreau, dazu gebracht hat, mit einem offenen Brief und einer Petition Protest einzulegen. Cannes war tatsächlich schon weiter, im vergangenen Jahr waren vier von zwanzig nominierten Filmemachern Frauen, aber es ist immer ganz schwierig zu unterstellen, die Entscheidungen seien das Resultat männlicher Ignoranz, wenn man weder die Filme in der Konkurrenz gesehen hat noch jene von Frauen, die abgelehnt wurden. Sagen wir mal so: Es wäre wohl taktvoller gewesen, nicht ausgerechnet einen frauenfreien Wettbewerb mit einem Plakat von Marilyn Monroe mit Kussmund zu bewerben.

Und dass dann ausgerechnet als erster Film außer Konkurrenz "Roman Polanski: A Film Memoir" lief, trägt bei vielen Feministinnen wahrscheinlich auch nicht zur Entspannung bei. "A Film Memoir" ist ein langes Gespräch, unterlegt mit alten Fotografien und immer wieder mit Ausschnitten aus Polanskis Filmen, Momenten, in denen man sehr deutlich sieht, wie der Weg das Werk geprägt hat, die Kindheit im Ghetto, die Ermordung seiner Frau Sharon Tate in Los Angeles. Der Episode, in der er nicht Opfer, sondern Täter ist, ist er nicht aus dem Weg gegangen.

Samantha Geimer, in deren Fall sich Roman Polanski 1977 des Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen schuldig bekannt hat, sagt hier selbst in einem Talkshow-Ausschnitt, dass sie ihm vergeben habe, aber nicht denen, die sie nicht vergessen lassen. Sie fordert, woran auch Polanski sich abarbeitet in diesem Film: Die Macht über die eigene Erinnerung, selber entscheiden zu dürfen, was man nicht vergessen will und was man hinter sich lassen darf.

© SZ vom 18.05.2012/wolf
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