45. Filmfestival Karlovy Vary Europa wächst zusammen

Szene aus dem Film: "Mutter Teresa der Katzen": Was haben die zwei Brüder Artur (Mateusz Kosciukiewicz, links) und Martin (Filip Garbacz) mit ihrer Mutter angestellt? Die zwei Jungschauspieler wurden gemeinsam als beste Darsteller des diesjährigen Filmfestivals in Karlovy Vary prämiert.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

In der Reduktion noch viel weiter ging in Karlsbad Cristi Puiu mit seinem neuen Film "Aurora", der die Markenzeichen der rumänischen Nouvelle Vague auf die Spitze treibt: Kein künstliches Licht, keine Musik, kaum epische Elemente, nur wenige Dialoge und das alles in einem Drei-Stunden-Streifen.

Puiu verlangt dem Zuschauer einiges an Leidensfähigkeit ab, doch genau das ist wohl der Zweck - geht es in "Aurora" doch vor allem um den Erdenjammer und dem Verzweifeln an Lebensumständen der modernen Gesellschaft. Nach 180 Minuten ist der Zuschauer so weichgeklopft, dass er für das großartige Finale des Films in die passende Melancholie verfallen ist.

"Aurora" zeigt den arbeitslosen und frisch geschiedenen Viorel (gespielt durch Puiu selbst), wie dieser seine persönlichen Verletzungen durch drei kühl geplante Morde aufarbeitet, die in ihrer Vorbereitung und Ausführung furchtbar profan bleiben.

Mord als Alltäglichkeit - es ist der Gleichmut, der in diesem Film schaudern lässt. Trotzdem hat Puiu, der mit seinen in Cannes prämierten Filmen "Koks und Kohle - Marfa si banii" sowie "Der Tod des Herrn Lazarescu - Moartea domnului Lazarescu" den rumänischen New Wave begründete, in "Aurora" für das breite Publikum wohl überdreht. So viel Dogma verkraften nur noch die glühendsten Fans, die Puiu aber in den Jury-Mitgliedern der Reihe "East of the West" fand. Die Sektion ist inzwischen zum zweiten Spielfilm-Wettbewerb dieses Festivals herangereift, der sich auf Filme aus Osteuropa spezialisiert hat und inzwischen wohl das wichtigste Fenster des osteuropäischen Kinos im internationalen Festivalzirkus ist. Und "Aurora" konnte diesen Wettbewerb in diesem Jahr für sich entscheiden.

Am Rande der Gesellschaft

Verdaubareres Dogma-Kino zeigte in Karlsbad der Russe Dimitrij Mamulija, dessen Spielfilm-Debüt "Der andere Himmel - Drugoje Njebo" im Hauptwettbewerb vertreten war. In langen Einstellungen lässt Mamulija die Kamera immer wieder auf dem zerfurchten Gesicht seines Protagonisten Ali (Habib Bufares) ruhen, der als usbekischer Gastarbeiter seine Frau in Moskau sucht. Diese hatte sich aufgemacht, um dem verarmten Leben der Heimat zu entkommen. An den Rand der Gesellschaft gedrückt, nimmt Ali von seiner Umgebung kaum noch Notiz, ebensowenig wie diese an seiner degradierten Existenz kaum noch Anteil nimmt.

Mamulija präsentiert einen gesellschaftlichen Verlierer, dessen Schicksal durch starke Bilder an Orten wie der usbekischen Steppe oder in einer Moskauer Entlausungsanstalt besonders greifbar wird. Die episch und technisch reduzierte Erzählweise verstärkt dabei den visuellen Eindruck.

Thematisch sehr nah an "Der andere Himmel" war in Karlsbad der zweite von drei russischen Wettbewerbeiträgen, der in der Reihe "East of the West" lief. Auch in "Gastarbajtjer - Gastarbeiter" von Jusup Razykow macht sich ein Usbeke nach Moskau auf - in diesem Fall, um seinen Enkel Aman zu suchen, der der Anziehungskraft der russischen Metropole nicht mehr widerstehen konnte. Wie auch Ali in "Der andere Himmel" findet Sadyk (Bachadyr Boltajew) sein Glück aber nicht, vielmehr verliert auch dieser arme Teufel all die bescheidenen Besitztümer, die er in der Heimat noch besessen hat.

In ihren Aussagen üben Mamulija und Razykow die gleiche Gesellschaftskritik an den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, die Gastarbeiter aus den früheren Sowjetrepubliken in Moskau inzwischen vorfinden. Während Mamulija das Mitgefühl aber vor allem durch starke Bilder anspricht, ist die Tragödie bei Razykow weniger bildgewaltig, dafür erzählt er aber mehr eine Geschichte. Er beschreibt neben dem individuellen Drama Sadyks die großen und kleinen Mafias des Post-Sowjetzeitalters und ihre zerstörerische Kraft auf die Gesellschaft.

Dem Festival gelang es, diese Themen auch dem deutschen Zuschauer nahezubringen, lieferte es doch einen Beleg für die Relevanz der Gastarbeiter-Problematik für die hiesige Gesellschaft: Der einzige deutsche Beitrag in einem der drei Wettbewerbe griff ebenfalls die Gastarbeiter-Thematik auf. Eigentlich war das nur logisch, denn wenn ein russischer Film das deutsche Wort "Gastarbeiter" im Titel trägt, dann ist es nur folgerichtig, wenn sich das Ursprungsland dieses Phänomens ebenfalls zu der Materie präsentieren darf. Allein dadurch bereicherte "Der Albaner" von Johannes Naber die Reihe "East of the West".

Ein Land ohne Integrität

In dem Psychodrama schildert der 39-jährige Drehbuchautor und Regisseur das Schicksal des jungen Bergbauern Arben (Nik Xhelilaj), der sich nach Deutschland aufmacht, um das Brautgeld für seine geliebte Etleva (Xhejlane Terbunja) aufzutreiben.

Erweist sich Moskau für Ali und Sadyk als raue Welt, so kann Arben in Berlin keineswegs auf mehr Erbarmen hoffen. Menschenrechte und Humanität dürfen die Deutschen im Großen und Ganzen für sich in Anspruch nehmen, doch für illegale Einwanderer gelten die Grundrechte auch in Deutschland nur sehr eingeschränkt. Naber porträtiert seine Heimat als ein Land ohne Integrität, Moral oder Unschuld, zumindest für jene Menschen, die nicht willkommen sind. Diese Aussage vermittelt "Der Albaner" nicht nur glaubwürdig, sondern erreicht dabei auch noch echte Thrillerqualitäten.

Der Karlsbader Hauptwettbewerb war in diesem Jahr von höherer Qualität als in manchem Vorjahr. Der ganz große Film fehlte zwar, aber es gab auch nur wenige Ausreißer nach unten. In einem Filmjahr, das in Berlin und Cannes eher enttäuschte, ist das eine Leistung. Warum sich die Jury unter dem amerikanischen Produzenten Ron Yerxa aber dazu entschied, das vergleichsweise schwache "Moskitonetz - La Mosquitera" mit dem Hauptpreis des Festivals zu bedenken, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Der Film des Spaniers Augusti Vila kann zwar mit einer Geraldine Chaplin aufwarten, die als Alzheimer-Patientin Maria erstmals in einer Rolle kein einziges Wort spricht, und so ihrem Vater Charlie die Referenz erweist. Doch es gab überzeugendere Wettbewerbsfilme. Die Hitchcock-Adaption "Süßer Teufel - L'enfance du mal" des Franzosen Olivier Coussemacq oder das Psychodrama "Mutter Teresa der Katzen - Matka Tereza od kotów" des Polen Pawel Sala hätten den Kristallglobus eher verdient gehabt als "Das Moskitonetz".

Die wichtigste Botschaft des Karlsbader Festivals war in diesem Jahr, dass Europa offensichtlich doch zusammen wächst. Daran konnten zuletzt wegen der Euro- und Griechenlandkrise Zweifel entstehen. Doch wenn russische Regisseure in ihrer Gesellschaft die selben Defizite entdecken wie deren deutsche Kollegen in ihrem Land, und osteuropäische Regisseure typische Probleme der modernen Wettbewerbsgesellschaft aufgreifen dann scheint zumindest der Leidensdruck in Ost und West ähnlich gelagert zu sein.