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45. Filmfestival Karlovy Vary:Der Osten so nah

Szene aus dem Film "Zwischen uns das Paradies": Luna (Zvinka Cvitesic, links) und Amar (Leon Lucev) haben ein Problem: Er will ein besserer Mensch werden, doch sie findet nicht, dass ihr das gut tut.

(Foto: Neue Visionen)

Beim A-Festival im böhmischen Karlsbad präsentieren sich in diesem Jahr gereifte Stars des osteuropäischen Kinos. Die Relevanz für deutsche Zuschauer ist unerwartet hoch.

"Wow, das sind ein Haufen Leute hier." Als John Wells auf die Bühne trat, zeigte er sich offen beeindruckt von der Szenerie des Premierentheaters beim diesjährigen Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary (Karlsbad). Ein Filmpalast mit 1.400 Kinosesseln, bis auf den letzten Platz ausverkauft, imponiert sogar dem amerikanischen Erfolgsproduzenten (Emergency Room) - selbst wenn der sich sonst eher in Cannes, Venedig oder in Los Angeles herumtreibt.

In den beschaulichen Kurort in Nordböhmen hatte sich Wells aufgemacht, weil dort sein erster Kinofilm "Manager - The Company Men" in der Starbesetzung mit Ben Affleck, Tommy Lee Jones und Chris Cooper internationale Premiere feierte. In den USA war es monatelang Thema in der breiten Öffentlichkeit, dass der Fernsehproduzent Wells nun bei seinem ersten Spielfilm Regie geführt hat - die Karlsbader Festivalmacher durften sich also geadelt fühlen, Wells für ihre Filmschau gewonnen zu haben. "The Company Men" lief dort im Wettbewerb außer Konkurrenz.

Obwohl das Karlsbader Festival nie arm ist an solchen Höhepunkten - außer Wells gaben sich in diesem Jahr noch Jude Law und der russische Oscar-Preisträger Nikita Michalkov die Ehre - hält sich das Interesse aus Deutschland an diesem A-Festival in Grenzen. Es liegt wohl an einer allgemeinen Ignoranz gegenüber den östlichen Nachbarländern, dass das nach Berlin professionellste und größte Filmfestival Mitteleuropas hierzulande kaum bekannt ist. Die räumliche Distanz kann zumindest kein Grund sein: 50 km von der deutschen Grenze entfernt ist Karlovy Vary näher an München, Nürnberg, Stuttgart oder Dresden gelegen als viele Orte in Deutschland.

Von ideologischen Fesseln befreit

Dabei gibt es auch für deutsche Filmfans in Karlovy Vary stets einige Glanzlichter des Weltkinos zu entdecken, die anderswo kaum zu sehen sind. Vor allem mit seiner Kompetenz für das osteuropäische Kino hat sich das Festival bei Filmkennern einen Namen gemacht. Nirgendwo sonst werden die Filme des Halbkontinents aktueller und komprimierter präsentiert als hier. Aufmerksamkeit verdient Osteuropas Kino allemal: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich die Filmemacher dieser Weltregion inzwischen von ideologischen Fesseln befreit und setzen bei den Großfestivals und den Oscar-Verleihungen regelmäßig ihre ganz eigenen künstlerischen Akzente.

Gespannt durften die Zuschauer in diesem Jahr vor allem auf die Bosnierin Jasmila Zbanic und den Rumänen Cristi Puiu sein, die beide bereits mit hohen Auszeichnungen prämiert sind, und die nun mit ihren neuen Filmen diese Erfolge bestätigen mussten.

Und das gelang: Zbanic übertraf mit ihrem zweiten Spielfilm "Zwischen uns das Paradies - Na Putu" sogar in beeindruckender Weise ihr Erstlingswerk "Esmas Geheimnis - Grbavica", dass bei bei der Berlinale 2006 den Goldenen Bären gewonnen hatte. Setzte sich die 36-Jährige in "Esmas Geheimnis" noch stark mit dem Bosnienkrieg auseinander, so taucht der Krieg in "Auf dem Weg" nur noch am Rande auf. Der Fokus liegt stattdessen auf dem Thema Religion - ein Stoff, der sich in Bosnien besonders gut studieren lässt.

In dem Beziehungsdrama fängt es zwischen der hübschen Stewardess Luna (Zvinka Cvitesic) und ihrem Freund Amar (Leon Lucev) zu rumoren an, als sich Amar vom lebenslustigen Kneipenkumpel in einen fundamentalistischen Moslem verwandelt. Als solcher will er Luna seine neue Lebensweise - kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe - aufzwingen. Bei einem heftigen Gefühlsausbruch am islamischen Feiertag "Eid" grenzt sich Luna schließlich eindeutig von Amar ab. Auf den Zuschauer wirkt Lunas Aufwallung nicht nur glaubwürdig und nachvollziehbar, sie bringt Sbanics eigentliche Fragestellung auch besonders markant zum Ausdruck: "Wie weit darf bedingungslose Liebe gehen?"

Das ist eine komplexe Problemstellung, die der Film aber unkompliziert auflöst. Erreicht wird dies durch Zbanics präzises Drehbuch, durch hervorragende Schauspieler, den Verzicht auf eine klischeehafte Darstellung der strengen Moslems und die kluge thematische Beschränkung auf die Kernfrage.

Europa wächst zusammen

Szene aus dem Film: "Mutter Teresa der Katzen": Was haben die zwei Brüder Artur (Mateusz Kosciukiewicz, links) und Martin (Filip Garbacz) mit ihrer Mutter angestellt? Die zwei Jungschauspieler wurden gemeinsam als beste Darsteller des diesjährigen Filmfestivals in Karlovy Vary prämiert.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

In der Reduktion noch viel weiter ging in Karlsbad Cristi Puiu mit seinem neuen Film "Aurora", der die Markenzeichen der rumänischen Nouvelle Vague auf die Spitze treibt: Kein künstliches Licht, keine Musik, kaum epische Elemente, nur wenige Dialoge und das alles in einem Drei-Stunden-Streifen.

Puiu verlangt dem Zuschauer einiges an Leidensfähigkeit ab, doch genau das ist wohl der Zweck - geht es in "Aurora" doch vor allem um den Erdenjammer und dem Verzweifeln an Lebensumständen der modernen Gesellschaft. Nach 180 Minuten ist der Zuschauer so weichgeklopft, dass er für das großartige Finale des Films in die passende Melancholie verfallen ist.

"Aurora" zeigt den arbeitslosen und frisch geschiedenen Viorel (gespielt durch Puiu selbst), wie dieser seine persönlichen Verletzungen durch drei kühl geplante Morde aufarbeitet, die in ihrer Vorbereitung und Ausführung furchtbar profan bleiben.

Mord als Alltäglichkeit - es ist der Gleichmut, der in diesem Film schaudern lässt. Trotzdem hat Puiu, der mit seinen in Cannes prämierten Filmen "Koks und Kohle - Marfa si banii" sowie "Der Tod des Herrn Lazarescu - Moartea domnului Lazarescu" den rumänischen New Wave begründete, in "Aurora" für das breite Publikum wohl überdreht. So viel Dogma verkraften nur noch die glühendsten Fans, die Puiu aber in den Jury-Mitgliedern der Reihe "East of the West" fand. Die Sektion ist inzwischen zum zweiten Spielfilm-Wettbewerb dieses Festivals herangereift, der sich auf Filme aus Osteuropa spezialisiert hat und inzwischen wohl das wichtigste Fenster des osteuropäischen Kinos im internationalen Festivalzirkus ist. Und "Aurora" konnte diesen Wettbewerb in diesem Jahr für sich entscheiden.

Am Rande der Gesellschaft

Verdaubareres Dogma-Kino zeigte in Karlsbad der Russe Dimitrij Mamulija, dessen Spielfilm-Debüt "Der andere Himmel - Drugoje Njebo" im Hauptwettbewerb vertreten war. In langen Einstellungen lässt Mamulija die Kamera immer wieder auf dem zerfurchten Gesicht seines Protagonisten Ali (Habib Bufares) ruhen, der als usbekischer Gastarbeiter seine Frau in Moskau sucht. Diese hatte sich aufgemacht, um dem verarmten Leben der Heimat zu entkommen. An den Rand der Gesellschaft gedrückt, nimmt Ali von seiner Umgebung kaum noch Notiz, ebensowenig wie diese an seiner degradierten Existenz kaum noch Anteil nimmt.

Mamulija präsentiert einen gesellschaftlichen Verlierer, dessen Schicksal durch starke Bilder an Orten wie der usbekischen Steppe oder in einer Moskauer Entlausungsanstalt besonders greifbar wird. Die episch und technisch reduzierte Erzählweise verstärkt dabei den visuellen Eindruck.

Thematisch sehr nah an "Der andere Himmel" war in Karlsbad der zweite von drei russischen Wettbewerbeiträgen, der in der Reihe "East of the West" lief. Auch in "Gastarbajtjer - Gastarbeiter" von Jusup Razykow macht sich ein Usbeke nach Moskau auf - in diesem Fall, um seinen Enkel Aman zu suchen, der der Anziehungskraft der russischen Metropole nicht mehr widerstehen konnte. Wie auch Ali in "Der andere Himmel" findet Sadyk (Bachadyr Boltajew) sein Glück aber nicht, vielmehr verliert auch dieser arme Teufel all die bescheidenen Besitztümer, die er in der Heimat noch besessen hat.

In ihren Aussagen üben Mamulija und Razykow die gleiche Gesellschaftskritik an den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, die Gastarbeiter aus den früheren Sowjetrepubliken in Moskau inzwischen vorfinden. Während Mamulija das Mitgefühl aber vor allem durch starke Bilder anspricht, ist die Tragödie bei Razykow weniger bildgewaltig, dafür erzählt er aber mehr eine Geschichte. Er beschreibt neben dem individuellen Drama Sadyks die großen und kleinen Mafias des Post-Sowjetzeitalters und ihre zerstörerische Kraft auf die Gesellschaft.

Dem Festival gelang es, diese Themen auch dem deutschen Zuschauer nahezubringen, lieferte es doch einen Beleg für die Relevanz der Gastarbeiter-Problematik für die hiesige Gesellschaft: Der einzige deutsche Beitrag in einem der drei Wettbewerbe griff ebenfalls die Gastarbeiter-Thematik auf. Eigentlich war das nur logisch, denn wenn ein russischer Film das deutsche Wort "Gastarbeiter" im Titel trägt, dann ist es nur folgerichtig, wenn sich das Ursprungsland dieses Phänomens ebenfalls zu der Materie präsentieren darf. Allein dadurch bereicherte "Der Albaner" von Johannes Naber die Reihe "East of the West".

Ein Land ohne Integrität

In dem Psychodrama schildert der 39-jährige Drehbuchautor und Regisseur das Schicksal des jungen Bergbauern Arben (Nik Xhelilaj), der sich nach Deutschland aufmacht, um das Brautgeld für seine geliebte Etleva (Xhejlane Terbunja) aufzutreiben.

Erweist sich Moskau für Ali und Sadyk als raue Welt, so kann Arben in Berlin keineswegs auf mehr Erbarmen hoffen. Menschenrechte und Humanität dürfen die Deutschen im Großen und Ganzen für sich in Anspruch nehmen, doch für illegale Einwanderer gelten die Grundrechte auch in Deutschland nur sehr eingeschränkt. Naber porträtiert seine Heimat als ein Land ohne Integrität, Moral oder Unschuld, zumindest für jene Menschen, die nicht willkommen sind. Diese Aussage vermittelt "Der Albaner" nicht nur glaubwürdig, sondern erreicht dabei auch noch echte Thrillerqualitäten.

Der Karlsbader Hauptwettbewerb war in diesem Jahr von höherer Qualität als in manchem Vorjahr. Der ganz große Film fehlte zwar, aber es gab auch nur wenige Ausreißer nach unten. In einem Filmjahr, das in Berlin und Cannes eher enttäuschte, ist das eine Leistung. Warum sich die Jury unter dem amerikanischen Produzenten Ron Yerxa aber dazu entschied, das vergleichsweise schwache "Moskitonetz - La Mosquitera" mit dem Hauptpreis des Festivals zu bedenken, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Der Film des Spaniers Augusti Vila kann zwar mit einer Geraldine Chaplin aufwarten, die als Alzheimer-Patientin Maria erstmals in einer Rolle kein einziges Wort spricht, und so ihrem Vater Charlie die Referenz erweist. Doch es gab überzeugendere Wettbewerbsfilme. Die Hitchcock-Adaption "Süßer Teufel - L'enfance du mal" des Franzosen Olivier Coussemacq oder das Psychodrama "Mutter Teresa der Katzen - Matka Tereza od kotów" des Polen Pawel Sala hätten den Kristallglobus eher verdient gehabt als "Das Moskitonetz".

Die wichtigste Botschaft des Karlsbader Festivals war in diesem Jahr, dass Europa offensichtlich doch zusammen wächst. Daran konnten zuletzt wegen der Euro- und Griechenlandkrise Zweifel entstehen. Doch wenn russische Regisseure in ihrer Gesellschaft die selben Defizite entdecken wie deren deutsche Kollegen in ihrem Land, und osteuropäische Regisseure typische Probleme der modernen Wettbewerbsgesellschaft aufgreifen dann scheint zumindest der Leidensdruck in Ost und West ähnlich gelagert zu sein.

© sueddeutsche.de/luc
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