Wirtschaftsflaute:Wachstum, aber welches?

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(Foto: Denis Metz)

Die deutsche Volkswirtschaft schwächelt. Die Leser der SZ haben Zweifel, ob andere Länder als Vorbild taugen - und fragen sich, ob man sich in Zeiten der Klimakrise nicht ganz vom Wirtschaftswachstum verabschieden muss.

Kommentar "Nachgerade peinlich" vom 16. Februar, "Das sind Europas Wachstumswunder" vom 17. Februar und "Düstere Diagnose, kein Rezept" vom 22. Februar:

Peinlicher Wachstumsfetisch

Finanzminister Christian Lindner findet es "nachgerade peinlich", dass die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2024 voraussichtlich nur noch um 0,2 Prozent wachsen wird. Ich finde es viel peinlicher, dass in Deutschland immer noch das hohe Lied des Wachstums gesungen wird - obwohl der Erdüberlastungstag für Deutschland mittlerweile schon in die erste Jahreshälfte gerutscht ist, jener symbolische Stichtag also, ab dem die Ressourcen so weit ausgenutzt sind, dass wir hierzulande ökologisch gesehen auf Kredit leben.

Es ist doch seit Jahrzehnten absehbar, dass die deutsche Wirtschaft, die sich bereits auf einem vergleichbar hohen Niveau befindet, nicht mehr wachsen kann und darf. Wir sollten doch ein Interesse daran haben, als Menschheit auf der Erde noch etwas länger zu existieren. Das Pech der Ampel ist es ganz einfach, dass irgendjemand irgendwann den Menschen die Wahrheit sagen muss, zumindest denjenigen, die im Glauben leben, dass das Leben nur besser werden kann.

Ich habe mich von dieser Illusion schon vor Jahrzehnten verabschiedet, weil es einfach unmöglich ist, anderen Ländern eine Entwicklung zu verwehren, wie sie die reichen westlichen Staaten genommen haben. Wer dies nicht glauben will, wird erleben, wie die Erde zum Spielball der sich entfaltenden Klimakatastrophe wird.

Erich Würth, München

Schiefe Vergleiche

Vergleiche mit anderen Ländern und deren Wirtschaftsentwicklung sind manchmal hilfreich, manchmal auch nicht. Ich will hier nicht ins Mimimi verfallen, aber wenn wir andere als Vorbild nehmen sollen, müssen auch die Vergleiche sinnvoll sein. Wir stehen an dritter Stelle unter den Exportnationen, unsere Firmen lassen weltweit produzieren und wir sind drittstärkste Volkswirtschaft weltweit, außerdem Nettozahler der EU. Da spielen sicherlich andere Effekte für das Wirtschaftswachstum eine Rolle als in den Vergleichsstaaten, die Sie in Ihrem Artikel aufführen.

Diese erhalten zum Teil EU-Gelder, sie leben stark von unseren Touristen und wachsen generell auf niedrigerem Niveau als wir. Wenn man dann noch, wie in Polen, in die Atomkraft einsteigt, obwohl das die teuerste Form der Energiegewinnung ist, kann man schon fragen, was der Vergleich taugt. Meines Erachtens brauchen wir eine Neuorientierung, denn wenn alle so wirtschaften würden wie wir, bräuchte es drei Erden. Daher bin ich froh, wenn unsere Wirtschaft nicht mehr wächst. Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Dadurch müssen wir aber nicht an Wohlstand verlieren, sondern gewinnen einen anderen, nicht so materialistischen Wohlstand.

Michael Beck, Wolfenbüttel

Zweifelhafte Vorbilder

Ich weiß wirklich nicht, ob man ein Land wie Malta, das ohne großzügige Unterstützung durch Resteuropa vielleicht längst bankrott wäre, als Wachstumsvorbild für Deutschland aufführen kann. Hinzu kommt die hinlänglich bekannte Einbürgerung durch den Verkauf von Pässen an wohlhabende russische Bürger, die dadurch in der Vergangenheit innerhalb der EU freien Aufenthalt und Reisefreiheit genießen konnten. Ist das volkswirtschaftlich wirklich ein Musterbeispiel?

Auch bei Spanien bin ich skeptisch, bei einer Staatsverschuldung von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und den großen Problemen mit der Wasserversorgung aufgrund des Raubbaus durch die überbordende Landwirtschaft. Vom exzessiven Wasserverbrauch durch den aufgeblähten Tourismus ganz zu schweigen.

Ralph Göhring, Pforzheim

Bürokratieabbau als Trost

Ausgerechnet die Deutschen, die immer wieder gern darauf hingewiesen haben, wie es gemacht wird, stehen als Hemmschuh der EU-Wirtschaft da. Das sei peinlich, merkte Finanzminister Christian Lindner an und tut dabei so, als ginge ihn das alles nichts an. Noch viel peinlicher aber ist, dass er und Wirtschaftsminister Robert Habeck, in der Diagnose einig, sich seit Wochen nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen können. Habeck möchte mehr Schulden machen, Lindner die Steuern senken. Eine Einigung ist nicht in Sicht. Dem fassungslosen Betrachter wird dann quasi zum Trost der Dauerbrenner Bürokratieabbau versprochen. Beide, Lindner und Habeck, wollen die Bürokratie abbauen, ein Vorhaben, das seit gut einem Vierteljahrhundert dazu geführt hat, dass das Dickicht aus Vorschriften, Verordnungen immer noch dichter wurde. Beim Bürger löst "Bürokratieabbau" nur noch zynisches Gelächter aus.

Wer von einem Miesepeter-Syndrom spricht und Deutschland nach wie vor als großartigen Standort für Unternehmen sieht, verkennt den Ernst der Lage und redet im Einklang mit der Ampel die Lage schön. Und so komme ich wieder auf Habeck zurück, der richtig bemerkte, so könne es nicht weitergehen. Ich stimme ihm mit der Mehrheit der Deutschen zu und glaube, dass die Ampel ihren Betrieb einstellen sollte, besser heute als morgen.

Josef Geier, Eging am See

Wirtschaftswachstum forever?

Mir fällt nur die ironische Bemerkung ein: Hurra, wir haben das 1,5-Grad-Ziel geschafft und steuern munter auf das 2-Grad-Ziel zu. Wirtschaftswachstum forever! Es wird sicher vergnüglich, in Spanien bei über 45 Grad und Dürre zu urlauben.

Ja, ich weiß, grün ist gerade megaout. Aber könnten unsere Bosse in der Chemiebranche und vielen anderen Bereichen, statt über die Deindustrialisierung zu klagen, nicht endlich einmal überlegen, wie man die Industrie sinnvoll umbauen könnte? Ich habe nicht den Eindruck, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck ein Schwarzseher ist. Er will die Wirtschaft voranbringen in Richtung Klimaneutralität. Da gibt es doch schon viele Ansätze, die nur deswegen blockiert werden, weil man immer noch am Alten hängt, mit dem sich bisher so gut Geld verdienen ließ.

Letztlich wird uns der Klimawandel auf Dauer Kosten verursachen, die wir uns noch nicht vorstellen können. Es stimmt, es braucht eine Aufbruchsstimmung. Es braucht Risikobereitschaft und Investitionen in die Zukunft. Es braucht den Mut zu Veränderungen. Das ist schwer für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen. Alle müssen über ihren Schatten springen und den Egoismus überwinden.

Angelika Sterr, München

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