Sprachlabor:X

Sprachlabor: SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Gedanken zu Xmas (vormals Weihnachten)

Von Hermann Unterstöger

WEIHNACHTEN ist, neben anderem, die Zeit, sich zurückzulehnen und all das Seltsame zu bedenken, was das Jahr gebracht hat. Für 2023 wäre da zu registrieren, dass der Kurznachrichtendienst Twitter nun nicht mehr "Twitter" heißt, sondern "X". Dass Firmen ihren Namen ändern, kommt oft vor, und in aller Regel spielt sich schnell ein, dass man etwa zur Post jetzt "DHL Group" sagt: "Wenn du bei der DHL Group vorbeikommst, nimm doch Briefmarken mit!"

Bei X ist das schwieriger, weil der Buchstabe X auch für eine unbekannte Größe stehen kann, vornehmlich den berüchtigten Tag X. Das hat zu einem Benennungsmodus geführt, der fast rituell anmutet: "X (vormals Twitter)" respektive "X (ehemals Twitter)", wobei die zweite Variante auf Google ein paar Millionen Treffer mehr bringt.

Was immer von X (vormals Twitter) zu halten ist, dem Charme dieser neuen und dabei doch irgendwie altertümlich klingenden Bezeichnung kann man sich nur schwer entziehen. Sie hört sich an wie "Myanmar, vormals Birma", wie "Karl Siessegger, Modehaus, vormals Carl Doll Manufakturwaren- und Aussteuergeschäft" oder gar wie "die weiland durchlauchtigste Fürstin X.", von der in alten Nachrufen gern gesagt wurde, sie sei den Ihren durch einen seligen Tod abgefordert worden.

Was das alles mit Weihnachten zu tun hat? Im Grunde nichts, aber es gibt von Paul Gerhardt, Dichter und weiland Archidiakon zu Lübben, ein Weihnachtsgedicht, dessen achte Strophe - von 18 - folgendermaßen lautet:

Schaut hin, dort liegt im finstern Stall, / Des Herrschaft gehet überall! / Da Speise vormals sucht ein Rind, / Da ruhet itzt der Jungfrau'n Kind.

Die Zeilen drei und vier drücken in feiner, aber nach barocker Art etwas umständlicher Formulierung aus, dass aus der Krippe, in der das Jesuskind liegt, einst der wohlbekannte Ochse (vormals Stier) gefressen hat. Im Weihnachtsoratorium kann man sich das vom Chor vorsingen lassen, es ist die Nummer 17.

Und damit frohe und gesegnete Xmas (vormals Weihnachten)

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