Theaterkritik:Nichts für Feiglinge

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Theaterkritik: Haben die Herren etwa Angst? Es hat den Anschein bei der Inszenierung von "Wallenstein" in der Regie von Frank Castorf am Staatsschauspiel Dresden. Die Kritikerin sollte sich davon freimachen.

Haben die Herren etwa Angst? Es hat den Anschein bei der Inszenierung von "Wallenstein" in der Regie von Frank Castorf am Staatsschauspiel Dresden. Die Kritikerin sollte sich davon freimachen.

(Foto: Sebastian Hoppe)

Wie ist das, wenn man beruflich ins Theater geht? Über Freud und Leid einer Kritikerin.

Von Christine Dössel

Theaterkritikerin? Selten, dass auf diese Berufsbezeichnung die Reaktionen so ausfallen, als sei diese Spielart des Journalismus normal oder egal oder als Erwerbstätigkeit nicht einigermaßen obsolet. Die Bandbreite reicht von ehrfürchtig formulierter Wertschätzung in theateraffinen Kreisen (wo man richtige Fans generieren kann) über komplette Ratlosigkeit oder auch Abschätzigkeit, weil das doch unmöglich ein vollwertiger Beruf sein kann ("Und was machen Sie tagsüber?"), wahlweise auch Neid, weil da jemand etwas als Arbeit ausgibt, was andere in ihrer Freizeit machen und dafür teures Geld bezahlen ("Aha, dann kriegen sie ja immer für alles Karten!"), bis hin zu demonstrativer Verachtung. Wenn nicht echtem Hass. Theaterkritik ist ein emotionales Geschäft - und nichts für Feiglinge.

Zwar bin ich, wie es einem Kollegen schon passiert ist, noch nie geschlagen worden. Aber als sich bei einer öffentlichen Premierenfeier im Schmuckhof des Münchner Residenztheaters der Intendant Martin Kušej schrankbreit vor mir aufpflanzte, um mich als "nicht erwünscht" des Ortes zu verweisen, da fühlte es sich fast so an. Jahre zuvor, noch unter Dieter Dorn, war am gleichen Ort ein Weißbierglas von der Terrasse auf mich heruntergefallen, verletzte mich gottlob aber nur am Arm. Als ich später erfuhr, dass ein Schauspieler das Glas mit Absicht auf mich geschmissen hatte, habe ich kurz mal geweint.

Kritik sei die "Scheiße am Ärmel", findet die Hamburger Intendantin Karin Beier

"Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent", hieß es schon bei Goethe. Karin Beier, die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, formulierte es im vergangenen Jahr auf ihre eigene unfeine Weise: Theaterkritik sei die "Scheiße am Ärmel", sagte sie in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur und fügte auf Nachfrage hinzu, sie halte sie für überflüssig. Denn: "Ich finde, dass Kritik oder Medien überhaupt schon mächtigen Einfluss haben. Das finde ich nicht so toll." Nein, das ist für die Theater natürlich "nicht so toll", wenn jemand von außen auf ihre Bubble draufschaut und seinerseits nicht alles "so toll" findet wie die Eingeschworenen innerhalb ihrer eigenen - wohlgemerkt: öffentlich finanzierten - Wohlfühlblase.

Offensives Theaterkritik-Bashing hat zuletzt zugenommen. Sei es, dass der eigentlich glorios souveräne Schauspieler und Regisseur Benny Claessens es - völlig unsouverän - für nötig erachtet, auf Facebook eine ihm nicht genehme Schweizer Kritikerin übelst zu beschimpfen. Sei es, dass die Theatermatadore Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg) und Matthias Lilienthal (vormals Münchner Kammerspiele) auf der Webseite der Berliner Festspiele in einem vor Ignoranz strotzenden Selbstgefälligkeitsgespräch die Theaterkritik abschaffen wollen, da ohnehin im "Verfall" begriffen. Auf "Kritiken, die wir nicht passend fanden", hätten sie in ihrem Newsletter systematisch Erwiderungen geschrieben, sagt die Kampnagel-Chefin. Es klingt wie: Widerstand geleistet gegen den Feind. Oder auch nur wie: Störenfriede bitte draußen bleiben. Wir vertreten zwar öffentliche Institutionen, sind aber gerne unter uns.

Sehr häufig hört man von Intendanten und Regisseuren (natürlich immer die "-innen" mit gemeint), sie würden "grundsätzlich keine Kritiken lesen". Um zu betonen, dass sie keinen Pfifferling drauf geben. Aha. Weshalb dann überhaupt der ganze Ärger? Und wie steht diese Antihaltung im Verhältnis zu den Unmengen von E-Mails und flankierenden Anrufen nicht nur von den Pressestellen der Theater, sondern gelegentlich auch aus den Intendanzen, man möge doch bitte unbedingt diese oder jene Produktion wahrnehmen? Sie buhlen ja doch alle um die Kritik. Und sehr viel lieber ist den Theatern, gerade auch den kleineren Häusern, ein Verriss in der SZ als gar keine Besprechung. Aufmerksamkeit ist eine Währung.

Via Internet und Social Media können die Theater heute sehr leicht selbst Aufmerksamkeit generieren und mit dem Publikum kommunizieren, da haben Deuflhard und Lilienthal schon recht. Die Dramaturgien stellen ihre Stückinformationen und Selbstbeweihräucherungen online, und jeder User kann Kritiker spielen. Ob Restaurant-, Hotel- oder Theaterkritik: Das Netz ist voller Rezensionen. Erübrigt sich damit also die professionelle Kritik, zumal sie in den Redaktionen im Zuge der digitalen Umstrukturierung ohnehin abgebaut wird?

Natürlich nicht. Im allgemeinen Gezwitscher und Herumgemeine zu wissen, wo man eine profunde Orientierungshilfe und statt einer schnellen Meinung von wem auch immer ein begründetes ästhetisches Urteil von einer verlässlichen Stimme bekommt, eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Sujet, ist ein hoch zu schätzender Wert. Und überhaupt: Ähnlich wie Politik und Wirtschaft braucht auch die Kunst, braucht das Theater die kritische, erklärende, vermittelnde Begleitung, Einordnung und Kommentierung, ein kundiges, sachverständiges Gegenüber. Zwecks Dialog und ästhetischem Diskurs. Aber auch zwecks Kontrolle. Theaterkritik ist ja sehr viel mehr als Daumen rauf, waagrecht wedelnd oder runter. Sie ist heute mehr denn je: Theaterjournalismus.

Die sogenannten Großkritiker gerierten sich mit einem Gültigkeits- und Bedeutungsanspruch

In meinen Anfängen als Kritikerin gab es noch die sogenannten Großkritiker - hier ist die männliche Form exakt die richtige -, die sich auch entsprechend gerierten. Also mit einem schier päpstlichen Bedeutungs- und Gültigkeitsanspruch. Theaterkritiken gehörten damals zu den Highlights der Feuilletons, Benjamin Henrichs (Zeit) zelebrierte sie als die "Königsdisziplin". Es gab dafür sehr viel Platz und für die Reisen noch richtig viel Geld. C. Bernd Sucher, der Theaterredakteur der SZ, stieg in den teuersten Hotels ab und war ein Paradiesvogel der Kritik. Gerhard Stadelmaier (FAZ) gab eher den Furcht einflößenden Komtur und machte aus dem Umstand, dass ihm ein Schauspieler den Kritikerblock entriss, einen Riesenskandal (die "Spiralblock-Affäre"). Nie wäre es ihm eingefallen, Theaterleute für ein Interview, ein Porträt oder eine Reportage zu treffen.

Von der Deutschen Journalistenschule kommend, mit einem davor absolvierten Zeitungsvolontariat, hatte ich schon damals einen anderen, journalistischeren, auch zugewandteren Begriff vom Kritikerberuf. Mir gefiel immer das Bild vom gemeinsamen Boot, in dem wir sitzen, nur eben auf verschiedenen Seiten: hier die Kunstproduzierenden, dort die Rezensierenden, Interpretierenden, aber man teilt die gleiche Leidenschaft und rudert auf derselben See - die Liebe zum Theater vorausgesetzt. Wir haben im Grunde auch die gleichen Adressaten. Denn für wen schreibe ich eine Kritik? Für Sie natürlich! Die Leserinnen und Leser. Das Publikum. Nicht für Intendantinnen, nicht für Regisseure, nicht für den Betrieb.

Wenn ich im Theater sitze, auf einem zugegebenermaßen meist privilegierten Platz - Parkett, Reihe 5 oder 6, Mitte -, begreife ich mich zuallererst als Zuschauerin. Wenn auch als professionelle Zuschauerin, als Prima inter Pares. Weil ich besser vorbereitet bin als der Durchschnittszuschauer und mehr Expertise habe, schon aufgrund meiner vielen Berufsjahre und der damit einhergehenden Seherfahrung. Mal freut man sich mehr, mal weniger auf eine Premiere, manchmal muss man auch ran, wenn man gar nicht möchte und verpasst mal wieder die Party der anderen. Aber nie gehe ich mit einer vorgefertigten Meinung in eine Premiere oder mit der Absicht, etwas schlecht finden zu wollen. Offenheit ist noch immer das beste Rüstzeug der Kritikerin. Sich mit allen Sinnen einlassen auf das, was da vorne gegeben wird. Man muss im Theater mit allem rechnen. Sogar mit Theaterglück.

Unvorbereitet in einen Abend zu gehen, über den ich schreiben muss, kommt für mich nicht infrage, und wenn es aufgrund von Stress und Zeitmangel doch einmal passiert, lese ich hinterher noch vieles nach (Schlaf ist ohnehin ein relativer Begriff). Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die das anders halten, die ganz bewusst vorher nichts wissen wollen, um sich völlig rein und unbeleckt dem hinzugeben, was das Bühnengeschehen ihnen erzählt oder eben nicht zu erzählen imstande ist. Weil ein Theaterabend aus sich selbst heraus verständlich sein muss. Stimmt natürlich. Dennoch will ich als Kritikerin Absicht und Wirklichkeit einer Inszenierung aufschlüsseln können; will sehen und erklären können, wie mit einer Textvorlage umgegangen wurde. Stücke zu lesen macht keinen großen Spaß und kann in den Hirnwindungen zu Unwucht führen - wer sich je durch die seitenweise dahinmäandernden Textflächen von Elfriede Jelinek gepflügt hat, weiß, was ich meine. Aber es gehört nun mal dazu. Bei Uraufführungen allemal.

Das mit dem Leben ist nicht so einfach, wenn man einen Großteil davon im Theater und in Hotels verbringt

Ein Problem sind die Romane, die die Theater so ungeheuer lieben. Kaum ist der neue Bestseller von Michel Houellebecq oder Édouard Louis draußen, kommt er ja schon auf die Bühne. Die Romanadaptionitis der Theater schreckt auch vor den dicksten Wälzern nicht zurück. Die 1100-seitigen "Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk (Thalia Theater Hamburg), Wolfram Lotz' kaum weniger umfangreiche "Heilige Schrift" (Kammerspiele München), die große "Kopenhagen-Trilogie" der dänischen Autorin Tove Ditlevsen (demnächst im Münchner Residenztheater): Wer soll das alles lesen?

Ich habe diesbezüglich die Waffen gestreckt und begnüge mich oft damit, kursorisch Einblick zu nehmen in die Sprache und Atmosphäre des Romans, um mich dann auf die Bühnenfassung zu konzentrieren. Anders ist das ja gar nicht zu schaffen. Nicht nur, weil man auch Redaktionsdienste und so viele andere Aufgaben hat (zum Beispiel den irren Premieren-Output der Theater zu durchsieben), sondern nebenher vielleicht noch ein Leben. Obwohl das mit dem Leben gar nicht so einfach ist, wenn man einen Großteil davon in Theatern, Hotels und - Hilfe! - der Deutschen Bahn verbringt und selten mal ein Wochenende frei hat, denn da sind ja die Premieren. Als Kritikerin braucht man starke Nerven, sehr viel Sitzfleisch und eine Begleitkarte für Freunde, damit man sie mal treffen kann.

Wenn ich ausrechnen würde, wie viele Stunden ich allein in den Mammutinszenierungen von Frank Castorf gesessen bin, dann käme ich auf etliche Tage. Zuletzt sah ich seinen "Wallenstein" in Dresden, der nach sieben Stunden um ein Uhr morgens zu Ende war, nachdem die Anreise sage und schreibe acht Stunden gedauert hatte, weil: Deutsche Bahn. Es ist schon eher ein ganzheitlicher Beruf.

Und warum das alles? Weil Theater die livehaftigste, lebendigste, direkteste, aufregendste, allermenschlichste Kunstform ist. Weil es das Leben in so vielen Möglichkeitsformen durchspielt. Weil es alle anderen Künste in sich vereint und man es mit anderen Menschen teilt. Ich führe mit dem Theater jetzt schon eine sehr lange Beziehung. Sie ist kinderlos geblieben und nicht unkompliziert. Oft treibt sie mich in den Wahnsinn. Aber es gibt auch nichts Besseres. Muss wohl Liebe sein.

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