Sprachlabor Zähnetropfend in die Irre

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Wo würde man es merken, wenn einem das Wasser im Mund zusammenläuft? Doch nicht an den Zähnen, oder? Und kann das Alter "jung" sein? Weiteren Fragen und Beschwerden von Lesern widmet sich hier unser Sprachlaborant.

Von Hermann Unterstöger

ÜBER DAS ALTER sagt unser Leser S., es könne hoch oder niedrig sein, nie aber jung. Er kritisiert damit die Formulierung "aufgrund des jungen Alters", die freilich nicht von uns stammte, sondern vom Polizeipräsidium München. Jenseits der Frage, ob und in welchem Ausmaß wir einen als Zitat ausgewiesenen Text korrigieren dürfen, stehen wir vor dem jungen Alter als solchem. Es ist vielerorts vorzufinden, etwa in der Ratgeberliteratur, die sich mit Verkalkung oder Blasenschwäche "im jungen Alter" befasst, und an der TU Braunschweig spürte man dem "Werkstoffverhalten von ultrahochfestem Beton im jungen Alter" nach. Apropos hoch und niedrig: Das niedrige als Pendant zum hohen Alter ist ungebräuchlich, wohingegen das junge Alter sich auf die Patenschaft der jungen Jahre berufen kann, obwohl ja auch die Jahre selbst weder jung noch alt sind.

ALS ALFRED KUBIN 1877 zur Welt kam, hieß sein Geburtsort Leitmeritz, heute heißt er Litoměřice. Der politischen Korrektheit halber wurde bei uns daraus ein "damals böhmisches Leitmeritz", was Leser Dr. S. verblüffte: Seines Wissens hat sich der Ort nicht aus Böhmen fortbewegt. Der ähnlich irritierte Leser W. will wissen, ob Leitmeritz/Litoměřice nun womöglich am Meer liegt. Da es weniger auf die Staats- als auf die Kulturzugehörigkeit ankomme, empfehle sich die Version "damals deutsches Leitmeritz". Wer dies nicht glaube, schließt W., "muss zur Strafe 24 Stunden Peter Alexander hören".

NOCH ETWAS VERBLÜFFTE Dr. S., nämlich die "zähnetropfende Vorfreude", an der sich auch Leserin N. die Augen ausbiss. Die Metapher basiert auf der Redensart vom Wasser, das einem im Mund zusammenläuft: "Zähnetropfend blättert man sich durch die Rezepte" (aus einem Buchtipp). Stilistisch ist sie dubios, technisch aber völlig daneben, da das Wasser, das einem im Mund zusammenläuft, nie von den Zähnen tropft, sondern allenfalls - und peinlich genug - aus den Mundwinkeln.