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Sprachlabor:Verharmlosung

Sexueller Missbrauch? Was bedeutet das? Gibt es dann auch einen sexuellen Gebrauch? Leserinnen und Leser kritisieren diese Verwendung von "Missbrauch" häufig. Aus dem Wortschatz wird man ihn aber nicht mehr tilgen können.

DER UNTERSCHWELLIGEN Verharmlosung macht sich nach Meinung unserer Leserin F. schuldig, wer die Dinge, statt sie bei ihrem schlimmen Namen zu nennen, in verhüllende Begriffe packt. Zwei Beispiele nennt Frau F.: erstens die "neue Qualität", die dem Terror immer wieder zugesprochen werde, obwohl es sich um eine "neue Dimension" handle, zweitens den "Missbrauch", der für Verbrechen aus sexueller und sadistischer Gewalt stehe und fatalerweise so klinge, als gebe es einen sexuellen Gebrauch.

Leserin F. ist nicht die erste, die beim Missbrauch zu mehr sprachlicher Genauigkeit aufruft. Man muss nicht an einschlägige Zoten denken, um ihr darin zuzustimmen, und genauso wenig wäre ausgerichtet, wenn man sich darauf beriefe, dass Grimms Wörterbuch die Wendung "ein mädchen brauchen" kennt und mit "coire cum puella" erklärt. Zwar sagt man landläufig von einem anstelligen Menschen, er sei gut zu brauchen, doch hat sich über all das ein Sinn gelegt, den niemand verstörender beschrieben hat als Aleksandar Tišma in seinem Roman "Der Gebrauch des Menschen".

Was das Wort Missbrauch angeht, so wird es möglicherweise viel seltener mit Gebrauch in Verbindung gebracht, als Leserin F. vermutet. Doch selbst wenn man das annimmt und (wiederum mit Grimm, doch auch mit anderen Wörterbüchern) missbrauchen als "verhüllend für schänden, notzüchtigen" definiert, wird man den Begriff so bald nicht aus dem Sprachgebrauch verdrängen können. Das Strafgesetzbuch selbst führt ihn unter "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" etliche Male, und was in der Gerichtssprache vorkommt, ist in der Mediensprache schwer zu umgehen. Bei Wikipedia findet sich unter Berufung auf den Kommentator Thomas Fischer ein Passus, wonach der Sexualtäter keine Menschen missbrauche, sondern "seine soziale, physische und psychische Dominanz oder eine bestimmte Zugangsmöglichkeit zu den Kindern oder anderen besonders schutzbedürftigen Personengruppen".