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Sprachlabor:Verblindung und andere Schlüsse

Wie ein altertümliches Verb durch die Corona-Krise zu neuer Verwendung gelangen konnte. Und wann und was der Schluss einer Rede mit dem Fazit zu tun hat.

Von Hermann Unterstöger

"UM NUN ZUM SCHLUSS zu kommen": Wer hätte bei dieser das Ende einer Rede ankündigenden Floskel nicht schon innerlich aufgejubelt! Anders wäre die Reaktion ausgefallen, wenn der Mann "zu dem Schluss" gesagt hätte, denn da hätte man sich auf eine Folgerung eingestellt, ein Fazit. Zwischen den zwei Varianten klafft ein Sinn- und Verständnisloch, und genau in das stürzte Leserin H., als über Jürgen Klinsmann gesagt wurde, er komme "zum Schluss", dass bei Hertha keine Leistungskultur herrsche, sondern nur Besitzstandsdenken. Bei lockerem Hinschauen denkt man, zum und zu dem sei gehupft wie gesprungen. Artikel und Präposition sollten aber nur dann verschmolzen werden, wenn der Artikel so schwach betont ist, dass es bis zur festen Verbindung auch nicht mehr weit ist. Statt zum Spaß wird man kaum je zu dem Spaß sagen, es sei denn, man verwiese damit auf eine gleich folgende Erläuterung des Spaßes: So kam es zu dem Spaß, den später jeder bereute. Fazit zum Schluss: Klinsmann kam zu dem Schluss ...

"VERBLINDEN" bedeutete einst so viel wie erblinden. In Lessings Lustspiel "Der Freigeist" sagt der Diener Johann, er wolle "auf der Stelle verblinden, wenn ein Teufel ist" (woraufhin ihm Lisette, die muntere Bediente, von hinten die Augen zuhält). Leser Dr. B. verschwor sich nicht so drastisch. Er hielt es nur für "relativ fachspezifisch", dass von "verblindeten Studien" geredet werde. Man wird indes um den Terminus kaum herumkommen, da Blindstudien gang und gäbe sind. Es gibt davon übrigens einfach-, doppel- und dreifachblinde, aber das auseinanderzulegen würde hier zu weit führen.

"IN DER MITTE VON NIRGENDS"? Das, sagt unser Leser R., "geht gar nicht", das sei "eine unstatthafte 1 : 1-Übersetzung" des englischen Idioms "in the middle of nowhere", das sich als "in der Mitte von nirgendwo" schon ungebührlich breitgemacht habe. Was ist das beste deutsche Pendant? Leo.org bietet "am Ende der Welt" und - aufgemerkt! - "am Arsch der Welt".

© SZ vom 18.04.2020

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