bedeckt München 18°
vgwortpixel

Sprachlabor:Über Ikonen und Halbschariges

Sprachlabor

Wann etwas ikonisch ist und wann diese Beschreibung eher peinlich anmutet. Warum ein Leser den Begriff ,,zeitnah" eher in der Versicherungsbranche vermutet als in der Zeitung. Ein anderer legt eine ganze Liste an unpassenden Adjektiven vor.

DER RECHTSCHREIB-DUDEN von 1934 erklärt ikonisch mit "naturgetreu nachgebildet". Heute erschließt er den Sinn des Worts mit "in der Art der Ikonen" und "bildhaft, anschaulich". Ungeachtet dieser nicht zu verachtenden Bedeutungen kann sich Leser Sch. an das Wort nicht gewöhnen: Es mutet ihn "komisch" an, was besagtem Duden zufolge als "töricht und zum Lachen reizend" zu verstehen ist. So tief man Herrn Sch.s Irritation bedauern muss, so wenig ist das von griechisch eikonikós abstammende Adjektiv ikonisch zu tadeln. Töricht ist allenfalls dessen eilfertig-beflissene Anwendung auf alles und jedes. Die Maggiflasche etwa musste über Meere von Suppen, ehe sie ikonisch wurde. Die Elbphilharmonie war es schon vor der Eröffnung.

VERSICHERUNGSVERTRETERJARGON: Dorthin gehört Leserin Dr. K. zufolge das Wort zeitnah , außerdem hält sie es für eine "grobe Verirrung". Warum, sagt sie nicht, doch darf man vermuten, dass sie den Sinn, den vergleichbare Komposita aufweisen, hier vermisst. Während ortsnah aussagt, dass etwas nah am Ort ist, bedeutet zeitnah nicht, dass etwas nah an der Zeit ist. Es ist vielmehr zeitlich nah an einem Ereignis, wobei Frau Dr. K. auch die semantische Unschärfe missfällt. Wie soll man "zeitnah zur Tat" verstehen: kurz vor der Tat oder knapp danach? Wir alle, die p. t. Versicherungsvertreter eingeschlossen, sollten zu Wörtern wie bald, zügig oder schnellstens greifen und zeitnah flugs in den Sprachmüll geben.

KÜRZLICH ging es um das nicht alltägliche Wort halbscharig. Leser H. nimmt das zum Anlass, auch statt ehrpusselig, grisselig , krude, dröge und bräsig verständlichere Ausdrücke zu fordern. Das wird sich nicht machen lassen, da die Kolleginnen und Kollegen Zugriff auf jedes deutsche Wort haben. So exotisch, wie Herr H. meint, sind diese Wörter schließlich nicht. Man muss nur im Netz zusehen, wie selbstverständlich die Leute grisselig verwenden, wenn sie über einen, nun ja: grisselig gewordenen Teig diskutieren.

© SZ vom 22.02.2020
Zur SZ-Startseite