Sprachlabor Narrativ und so

Was ist ein Narrativ? Schon viele Leser haben danach gefragt, zuletzt Dr. K., der das Wort im Duden nicht findet. Jedenfalls nicht im Substantiv. Hermann Unterstöger macht sich daher auf die Suche, bis nach Georgien hinein.

Von Hermann Unterstöger

DER WEIHNACHTSFESTKREIS lebt von einer Geschichte, nämlich der, dass Gott Mensch geworden ist, und wer sich damit richtig profilieren wollte, der könnte ins Gespräch einstreuen, dass ihn dieses Narrativ immer wieder tief bewege. Er wäre damit in guter Gesellschaft, sei es mit dem Bistum Essen, das die Weihnachtsgeschichte per WhatsApp "als Art ,narrativer Exegese 2.0'" zu kommunizieren gedenkt, sei es mit dem Theologen Gerhard Sauter, der "die Epiphanie der Leutseligkeit Gottes" als eines der weihnachtlichen Narrative erkannt hat.

Was ist ein Narrativ? Schon viele Leser haben danach gefragt, zuletzt Dr. K., der das Wort im Duden nicht findet, jedenfalls nicht als Substantiv, sondern nur in der Adjektivversion narrativ für erzählend. Die lateinische Quelle ist geläufig: das Verbum narrare (erzählen), von dem Wörter wie narrabilis (erzählbar), narratorius (zur Erzählung geeignet) und eben narrativus (von erzählender Art) abgeleitet werden. Der schönen Ergänzung halber sei berichtet, dass es in den kaukasischen Sprachen einen dem Narrativ verpflichteten Erzählkasus gibt, der im Georgischen Mothxrobithi heißt.

Dass die Presse am Narrativ einen veritablen Affen gefressen hat, ist nicht zu übersehen. In der Welt stand kürzlich ein feiner Bericht darüber, wie es Gay Talese gelang, über den erkälteten Frank Sinatra eine nachmals legendäre Reportage zu schreiben. Talese stöberte demnach wochenlang in Sinatras Umfeld herum, bis er "das definitive Narrativ" erkannte, nämlich dass die Hölle los ist, wenn Sinatra krächzt. Schlichter gesagt erkannte Talese den Kern der Sache, die Stelle also, wo der Hund begraben liegt.

Damit soll dem Fachterminus Narrativ nicht am Zeug geflickt werden, schon gar nicht dem Narrativ, dessen Oberflächen- und Tiefenstruktur der Psychotherapeut auslotet. Die Presse aber sollte sich hüten, jedweden Kram gleich als Narrativ zu verkaufen, nicht dass auf Fortsetzung angelegte Reportagen künftig mit der Floskel "Aber das ist ein anderes Narrativ" enden.