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Sprachlabor:Hinten und vorne nicht

Warum Eisberge eher groß als hoch sind, wie man es mit geschickten Negationen schafft, aus einer Verneinung etwas Positives herauszulesen, und warum man die Zukunft terminlich nicht beliebig verschieben kann.

AUCH IM MEER DER SPRACHE kann man auf Eisberge laufen. Zu Leser R.s kaum verhohlener Schadenfreude widerfuhr dies dem österreichischen Wissenschaftsminister Heinz Faßmann, als er im Hinblick auf Corona sagte, der Eisberg sei "höher als gedacht". Stellt sich die Frage, ob er es wirklich so gesagt hat. Viele Blätter, darunter die SZ, zitierten ihn mit "höher", andere hingegen mit "größer", was ja der Realität des Eisbergs durchaus entspricht. Es gilt freilich auch für Faßmann die Weisheit Tewjes, des Milchmanns, der zufolge ein Pferd mit seinen vier Beinen stolpern kann, "umso mehr der Mensch, der nur eine Zunge hat". Faßmann ist übrigens auch höher als gedacht: Er misst 2,03 Meter.

"GROSSE FREUDE und körperlich spürbare Erleichterung" wurden unserer Leserin T. zuteil, und zwar durch den Satz "Neue Buchungen gibt es so gut wie nicht." Woher die Freude? Nun, sie hatte "so gut wie keine" befürchtet, eine Negationsvariante, die sie fertigmacht. Man betritt hier ein insofern leicht trügerisches Gelände, als zwischen Satznegation und Sondernegation oft nur schwer zu unterscheiden ist. Die Negation mit nicht drückt aus, dass das Buchungsgeschäft zum Erliegen gekommen ist. Verwendet man kein e, könnte Weiterführendes angedeutet werden: Neue Buchungen gibt es keine, aber die alten bleiben in Kraft. Mit Grund sagt die Grammatik, dass kein "hinsichtlich seiner negierenden Leistung höchst schillernd ist". Es sei nicht verschwiegen, dass der Satz, der Frau T. so erfreute, nicht auf unserem Mist gewachsen war: Er war ein Zitat.

LIEGT DIE ZUKUNFT hinten oder vorn? Die Damen L. wollen wissen, warum in Zeiten von Corona Veranstaltungen nach hinten verschoben werden, obwohl sie erst zukünftig stattfinden. Wir stützen uns in dieser Sache auf Eike Christian Hirsch, der einmal schrieb, man blicke in die Zukunft wie in eine offene Landschaft, bei der die Berge, die man später erreicht, hinter denen liegen, die man vor sich hat.

© SZ vom 30.05.2020

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