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Sprachlabor:Die Mühen der Ebene

Heute kümmert sich Hermann Unterstöger um die Geschlechtergerechtigkeit - sprachlicher Art.

Von Hermann Unterstöger

DIE SICHT auf die korrekte Geschlechtsbezeichnung wird einem immer wieder durch schräge Aktionen wie die getrübt, dass jemand als Pendant zum männlichen Papierkorb die weibliche Papierkörbin fordert. Das kann man prima vista lustig und entlarvend finden, der guten Sache ist damit aber nicht gedient. Die Geschlechtergerechtigkeit ist vergleichsweise zäh zu verwirklichen, das heißt, indem man die sprichwörtlichen Mühen der Ebene auf sich nimmt. Dazu dienen Briefe von der Sorte, wie wir sie von Leserin M. und Leser M. erhalten haben.

Beiden geht es um die geschlechtergerechte Kongruenz zwischen dem Subjekt (oder Objekt) eines Satzes und dem Satzglied, das diesem gegenübergestellt wird, dem Gleichsetzungsglied, wie man dazu auch sagt. Frau M. zitierte die Aussage, wonach die Schweizerische Volkspartei Vorreiter rechtspopulistischer Bewegungen sei, Herr M. stieß sich daran, dass Nordrhein-Westfalen als Jubilar bezeichnet worden war. Im ersten Fall wurde für Vorreiterin plädiert, im zweiten scherzhaft für das Jubilar.

Bleiben wir bei Vorreiter/in. Wenn die Duden-Grammatik von 1959 im Wesentlichen noch gilt, verhält es sich so, dass bei Personen das männliche oder weibliche Pendant zu verwenden ist: Liesel ist die Hüterin der Gänse, Hans ist der Feind alles Bösen. Die schöne Literatur hat auch hierin ihre Freiheiten: Du warst die Königin, sie der Verbrecher (Schiller, Maria Stuart). Bei Sachbegriffen können die weiblichen Formen gewählt werden, müssen es aber nicht: Die Vernunft ist der Urheber/die Urheberin dieses Gesetzes. Ist das Gleichsetzungsglied mit dem Prädikat fest verbunden, werden die Regeln der Kongruenz außer Kraft gesetzt. Sie sei, sagt Frau Marthe in Goethes "Faust", von je der Ordnung Freund gewesen. Für die Kongruenz der Apposition gilt Ähnliches: Was Venus band, die Bringerin des Glücks (Schiller, "Die Piccolomini").

Die Schweizerische Volkspartei kann also Vorreiter und Vorreiterin sein. Politisch mag das dubios sein, grammatisch nicht.

© SZ vom 15.10.2016
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