Heimatkunde:Wie ein Sommernachmittag

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Heimatkunde: Selbstversuch: SZ-Reporter Wolfgang Görl (rechts) verbringt eine Nacht als Sträfling in der Justizvollzugsanstalt in Kempten.

Selbstversuch: SZ-Reporter Wolfgang Görl (rechts) verbringt eine Nacht als Sträfling in der Justizvollzugsanstalt in Kempten.

(Foto: Andreas Heddergott/SZ Photo)

Warum München und die "Süddeutsche Zeitung" so gut zusammenpassen - auch wenn diese inzwischen am Stadtrand entsteht, wo die Wildschweine nicht fern sind.

Von Wolfgang Görl

Herbst 2008, es sind die letzten Tage in der Altstadt - nicht für alle Münchner, aber für die Redakteurinnen und Redakteure der Süddeutschen Zeitung. Der Umzug nach Steinhausen steht bevor, und die Stimmung in der Redaktion ist etwa so wie bei Adam und Eva, nachdem ihnen Gott verkündet hatte, dass sie aus dem Paradies verschwinden müssen. "Ich lass mich hier einmauern", kündigt einer der Kollegen an. Eigentlich keine schlechte Idee, aber am Lauf der Dinge würde die Einmauerung nichts ändern. Alle wissen es, keiner will es wahrhaben: Künftig wird die SZ in einem "städtebaulichen Wildschweingehege" (so der damalige Oberbügermeister Christian Ude, SPD) produziert - na servus. Und Adieu geliebte Altstadt.

In diesen Tagen der Verzweiflung kommt ein Anruf aus dem Münchner Stadtmuseum. Man hätte, so ist zu hören, eine bescheidene Bitte. Das Firmenschild über dem Eingang in der Sendlinger Straße, also diese Glastafel mit der Aufschrift "Süddeutsche Zeitung": Ob der Verlag sie vielleicht dem Museum überlassen könnte? Die Antwort kommt vergleichsweise rasch: Ja, können Sie haben. Man ist großzügig in den Stunden des Abschieds. Vielleicht auch, weil der Verkauf des weitläufigen Innenstadt-Areals jede Menge Geld in die Kassen der Verleger gespült hat.

Was aber wollen die Museumsleute mit dem Ding? Nun, für sie ist das Firmenschild ein historisches Dokument. Ein Gegenstand, der städtische Kulturgeschichte verkörpert, würdig zur selben Sammlung zu gehören, in der sich auch Erasmus Grassers Moriskentänzer, die vier "Heldenputten" der Mariensäule oder Otl Aichers Olympiaplakate befinden. Bitte, die Museumsmenschen kennen sich aus, das sind gestandene Historiker und Kulturgeschichtler, und wenn die sagen, die Süddeutsche gehört zu München wie die Weißwurst oder der Marienplatz, dann muss etwas dran sein. Und ist es nicht die Zeitung selbst, die sich schon auf der Titelseite zur Stadt bekennt? "Münchner neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport" steht im Zeitungskopf - ein mehr als dezenter Hinweis, wo die Nachrichten, die in diesem Blatt zu lesen sind, tagtäglich geschrieben, redigiert und gedruckt werden.

Doch dem Eingeweihten verrät die Zeile noch mehr. Sie ist ein Verweis auf die Münchner Neuesten Nachrichten, die bis in die 1930er-Jahre zu den bedeutendsten Zeitungen Süddeutschlands zählten. Als der Buchdrucker Carl Robert Schurich das Blatt im Jahr 1848 gründete, war München gerade ein Ort des Aufruhrs. Die Bürger, aber auch Teile der Regierung und des Hofes hatten es satt, König Ludwig I. dabei zuzusehen, wie er sich von seiner abgöttisch geliebten Herzensdame Lola Montez zum Affen machen ließ. Die Wut auf die fesche Lola mischte sich mit politischen Forderungen, die auf mehr Freiheit und Mitbestimmung hinausliefen. Als sich abzeichnete, dass die Revolte die Monarchie gefährdete, dankte Ludwig im März 1848 ab. Wenig später, am 9. April, erschienen erstmals die Neuesten Nachrichten. Auf der Titelseite stand unter anderem: "Morgen (Sonntag) hält Se. Majestät der König über die hiesige Landwehr und die Freicorps der Bürger, Studenten und Künstler eine Parade ab." Seine Majestät hieß da schon Maximilian II.

Dem Paternoster wurden übernatürliche Kräfte nachgesagt

Nachdem der Verleger Julius Knorr die Zeitung 1862 für 90 000 Gulden gekauft hatte, ging es mit den Neuesten Nachrichten stetig bergauf. Nach Knorrs Tod übernahmen Georg Hirth und Thomas Knorr den Verlag, um 1905 entstand das Redaktionshaus in der Sendlinger Straße, ein Werk des Architekten Max Littmann. Was hatte sich darin nicht alles abgespielt? Zunächst gemäßigt liberal rückte das Blatt in den Zwanzigern nach dem Verkauf des Knorr&Hirth-Verlags an Investoren aus der rheinischen Schwerindustrie deutlich nach rechts. Dann die NS-Zeit: Viele "politisch unzuverlässige" Mitarbeiter wurden entlassen, andere kamen in Haft, und die Nationalsozialisten bestückten die Redaktion mit ihren Gefolgsleuten. Eine freie Presse gab es nicht mehr. Im Krieg wurde das Verlagsgebäude bei Bombenangriffen stark beschädigt, am 28. April 1945 erschien die letzte Ausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten. Einige Monate später, im Oktober '45, arbeiteten Journalisten, Metteure und Drucker im Keller des verwüsteten Verlagsgebäudes an einer neuen Publikation. Die erste Nummer der Süddeutschen Zeitung erschien am 6. Oktober.

Heimatkunde: Wehmut beim Auszug 2008: Autor Wolfgang Görl und Kollegin Astrid Becker, jetzt stellvertretende Teamleiterin der Redaktion Starnberg, bei einer letzten Fahrt im Paternoster des ehemaligen SZ-Gebäudes in der Innenstadt.

Wehmut beim Auszug 2008: Autor Wolfgang Görl und Kollegin Astrid Becker, jetzt stellvertretende Teamleiterin der Redaktion Starnberg, bei einer letzten Fahrt im Paternoster des ehemaligen SZ-Gebäudes in der Innenstadt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nun also raus aus diesen heiligen Hallen. Für mich war es immer etwas Besonderes, ja so etwas wie eine Ehre, in diesem Haus arbeiten zu dürfen. Wahrscheinlich ist es Einbildung, aber mir kam es so vor, als würde alles, was in dem Gebäude im Verlauf eines Jahrhunderts gedacht und geschrieben wurde, das Gute wie das Böse, stets gegenwärtig sein - vielleicht in einer unsichtbaren Wolke, die sämtliche Ecken und Winkel füllte. Ein Kultobjekt war der Paternoster, dem übernatürliche Kräfte nachgesagt wurden. Wer mit seinem Text nicht weiterkommt, so der redaktionsinterne Paternoster-Mythos, müsse nur einmal mit diesem Aufzug vom Keller ins oberste Stockwerk und zurück fahren. Danach schreibe sich alles wie von selbst. Und das stimmte, wie mehrere Selbstversuche mit wissenschaftlicher Prägnanz bewiesen.

Das alles sollte es fortan nicht mehr geben, und wenn man darüber mit Freunden, Bekannten, aber auch Fremden sprach, geschah Verblüffendes: So etwas wie Anteilnahme, ja Mitleid kam auf. Mitunter sogar Empörung. Wie? Die Süddeutsche verlässt die Stadt? Die Zeitung zieht weg? Das gibt's doch nicht! Die gehört doch zu München! Der halbherzig vorgetragene Einwand, das Wildschweingehege gehöre noch zum Stadtgebiet, wurde wegen offenkundiger Irrelevanz zumeist überhört.

Hans Ulrich Kempski, der mit sowjetischen Journalisten stritt

Das alles klang, als seien nicht wenige Münchner geradezu stolz, eine der wichtigsten Zeitungen des Landes in ihrer Stadt zu haben. Für sie ist die SZ eine Institution, gewissermaßen die liberale Stimme Münchens, welche die neuesten Ereignisse im Viertel und draußen in der Welt zur Kenntnis bringt und kommentiert. Mein Großvater beispielsweise, Gott hab ihn selig, guckte jeden Sonntag Werner Höfers "Internationalen Frühschoppen", und am heftigsten fesselte ihn die Sendung, wenn Hans Ulrich Kempski, der Chefreporter der Süddeutschen, in der Diskussionsrunde saß. Der fleißig qualmende Kempski hatte nicht nur einen eindrucksvollen Charakterkopf und jede Menge Welterfahrung, sondern er repräsentierte - und das war für meinen Opa das Wichtigste - die Süddeutsche Zeitung, also jenes Blatt, das er selbst jeden Morgen am Frühstückstisch studierte. Dass dieser SZ-Mann bei Wein, Zigaretten und dem redseligen Höfer mit sowjetischen oder amerikanischen Journalisten stritt, verstärkte die Gewissheit meines Großvaters, die richtige Zeitung zu lesen. Wer da dabei ist, muss wichtig sein. Und zudem wusste Opa ja, wo dieses Journal entstand: In der Sendlinger Straße und im Färbergraben - Orte, die es ihm leicht machten, die SZ als "seine" Zeitung zu betrachten.

Meine ersten Jahre als Journalist verbrachte ich in der Starnberger Redaktion der Süddeutschen. Einsätze und Recherchen in den ländlich geprägten Dörfern jenseits der bildungsbürgerlichen Wohlstandsquartiere in Seenähe oder im Würmtal glichen da oft einem Auswärtsspiel. Die SZ galt den meist konservativen Bauern und Honoratioren als linksradikales, womöglich gar kommunistisches, in jedem Fall aber nicht CSU-frommes christkatholisches Blatt, weshalb dem Vertreter dieses Umsturz-Organs bisweilen Misstrauen entgegenschlug. Es dauerte, bis der Argwohn abgebaut war. Sicherstes Zeichen, auch als SZ-Reporter halbwegs akzeptiert zu sein, war der Moment, in dem einem der örtliche Bauernverbandssprecher mit den Worten "Servus Zeitungsschreiber Habenichts" jovial auf die Schultern klopfte. Manchmal fügte er, der die SZ garantiert nicht las, gutmütig lachend hinzu: "Was hostn wieda fia an Schmarrn gschriebn?"

Selbstverständlich gibt es auch Münchner, denen die Süddeutsche politisch gegen den Strich geht, aber in der Regel lassen sie das den Reporter nicht so deutlich spüren wie die Leute auf dem Land. Politiker etwa, die schon beim Wort "liberal" ein Kreuz schlagen, geben sich große Mühe, höflich zu bleiben; selbst dann, wenn sie beiläufig anmerken, dass ihnen dieser oder jener Kommentar missfallen habe und der Bericht, der neulich über sie in der SZ stand, gänzlich daneben gewesen sei. Dabei ist herauszuhören, dass sie es sich nicht ganz mit der Süddeutschen verscherzen wollen, weil irgendwie ist sie ja doch ein angesehenes Medium - und wer weiß: Vielleicht kann man sie noch mal brauchen. Überhaupt mehrt es den eigenen Ruhm, in der Zeitung erwähnt zu werden, sofern es sich nicht um den Polizeibericht oder die Enthüllung skandalöser Machenschaften handelt.

Beim Lesen ist das Isarrauschen zu hören

Als ich in meinen Anfangsjahren in der Münchner Lokalredaktion gelegentlich als Gesellschaftsreporter unterwegs war, erwiesen sich jene Events als die angenehmsten, bei denen vorwiegend Prominente der B- und C-Klasse zugegen waren, also Leute, die als wichtig gelten, ohne dass man weiß warum. Von denen gibt es in München erstaunlich viele, aber dies nur nebenbei. Kaum hatten die Herrschaften spitzgekriegt, dass ich der Vertreter der SZ bin, war ich von Society-Ladys umschwärmt, und Männer mit lässig geschwenktem Champagnerglas erzählten mir ihre besten Herrenwitze. Da ich dennoch nicht jeden in der "SZenario"-Kolumne erwähnte, habe ich mir vermutlich etliche Feinde gemacht.

Mittlerweile findet die Selbstdarstellung im Internet statt, auch Politiker benötigen nicht unbedingt die Presse, um sich ins Gespräch zu bringen. Insofern hat die Zeitung, das gedruckte Wort, an Bedeutung verloren. Fraglich, ob man in München noch einmal einem Journalisten ein Denkmal setzt, so wie das mit Sigi Sommer geschah. Als Spaziergänger ist er in Bronze verewigt, in der Rosenstraße in Richtung Sendlinger Straße spazierend, wo er seine Manuskripte ablieferte, zunächst bei der Süddeutschen, dann bei der Abendzeitung. Seine AZ-Kolumne "Blasius, der Spaziergänger" hat ihn ungeheuer populär gemacht. Sigi Sommer war ein Wortzauberer, unerhört witzig, er schreckte aber auch vor Zoten nicht zurück, für die er heute einen Shitstorm nach dem anderen ernten würde. Die Münchner liebten ihn. Und sie liebten seine Texte, nicht zuletzt, weil sie unverkennbar münchnerisch waren.

Dieses spezielle Gepräge, das auf München verweist - vielleicht ist es gerade das, was vielen Münchnern das Gefühl gibt, die Süddeutsche gehöre zu ihnen. Irgendetwas Münchnerisches wabert zwischen den Seiten, und wer beim Lesen seine Ohren spitzt, hört das Isarrauschen. Nun ja, nicht wirklich, aber spürbar ist - so kommt es mir zumindest vor - der Geist einer südlichen Lebensart, wie er auch an einem Sommernachmittag am Flaucher herrscht. Vom Schmäh und der Verspieltheit des klassischen Wiener Kaffeehaus-Journalismus hat die SZ jedenfalls mehr als von der protestantischen Strenge der Hamburger Medien.

Klug, ironisch, nirgendwo ein Rohrstock

Schon auf der Titelseite links oben gibt sie sich heiter philosophisch, dabei ist dies ist nur eine Facette des Streiflichts. Frech und respektlos ist es auch, vor allem aber demonstriert es, dass man die Welt, so schlimm sie ist, auch mit Humor betrachten kann. Sogar auf der Kommentarseite ist nicht immer der Rohrstock das Mittel der Wahl, sondern manchmal die Pritsche, mit welcher der Kasperl das Krokodil haut und dabei einen Witz hinterherschickt. Und noch heute ist es ein Vergnügen, die Reportagen des 2003 gestorbenen SZ-Redakteurs Herbert Riehl-Heyse zu lesen, die so leicht und luftig sind wie ein Soufflé und dennoch starken Tobak enthalten. Das ist nicht der Casino-Ton eines Großreporters, da klingt eine andere Haltung an: die des klugen Weltbetrachters, der die politischen Schweinereien seiner Zeit im lässig ironischen Plauderton zur Sprache bringt. Statt auf Empörung setzen Riehl-Heyses Reportagen auf die Magie des Humors, die politische Riesen in lächerlich dumme Zwerge zu verwandeln vermag.

Wäre es allzu kühn zu behaupten, dass es das ist, was München und die Süddeutsche im Besonderen verbindet: Gelten zu lassen, dass das Leben auch unernste Seiten hat, die zu zelebrieren der Mensch nicht versäumen sollte? Wäre die SZ ein Mensch, hätte sie ein bisschen was vom Tscharlie aus Helmut Dietls "Münchner Geschichten" oder vom Monaco Franze, dem ewigen Stenz. Und ein wenig Karl Valentin wäre auch dabei, sein Umherirren zwischen Tragik und Komik.

Dieser ins Satirische driftende Geist, der schon in den Münchner Redaktionsräumen der Fliegenden Blätter oder des Simplicissimus zugegen war, ist von der Sendlinger Straße mitgewandert nach Steinhausen. Ob auf der Strecke etwas davon verloren ging? Schwer zu sagen. Eher ist es die Vielstimmigkeit des Internets, in der das Typische, das Charakteristische verschwindet.

Übrigens: Der Kollege hat sich dann doch nicht einmauern lassen. Und auch aus seinem Plan B, im Stadtmuseum als lebendiges Ausstellungsstück ("SZ-Redakteur, um 2008") weiterzumachen, wurde nichts.

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