OLYMPIA-ATTENTAT:Die Bitterkeit der versuchten Wiedergutmachung

OLYMPIA-ATTENTAT: Streit um Entschädigungszahlungen: Ankie Spitzer, Sprecherin der Hinterbliebenen und Witwe des 1972 in München bei einem palästinensischen Terroranschlag getöteten israelischen Fechttrainers André Spitzer, bei einer Gedenkfeier im Jahr 2012.

Streit um Entschädigungszahlungen: Ankie Spitzer, Sprecherin der Hinterbliebenen und Witwe des 1972 in München bei einem palästinensischen Terroranschlag getöteten israelischen Fechttrainers André Spitzer, bei einer Gedenkfeier im Jahr 2012.

(Foto: Johannes Simon/Johannes Simon)

Viele SZ-Leser wünschen sich eine großzügigere Entschädigung und sehen Deutschland in der Verantwortung. Einige halten genau das für falsch.

"Folgenschwere Abfuhr" vom 13. August, "Von Schuld und Sühne" und "Geschichte einer unendlichen Enttäuschung" vom 6./7. August, "So viel Versagen" vom 10. August und weitere Artikel:

Zweite deutsche Schuld

Die Trauer um den Tod eines geliebten Menschen, das Leid, die Verzweiflung und der Schmerz der Angehörigen lässt sich mit Geld, egal wie viel, nicht aufwiegen. Deshalb ist auch die Forderung der Hinterbliebenen der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 niemals zu hoch, sondern auf jeden Fall gerechtfertigt und zu akzeptieren. Vor 50 Jahren gab es auf deutscher Seite viel Dilettantismus und Fahrlässigkeit. Ich erinnere mich noch gut daran, wie 1972 in München die "heiteren Spiele" ausgerufen wurden, die dann so grausam und schrecklich sehr traurige Spiele wurden. Warum hat man damals die angebotene Hilfe aus Israel abgelehnt?

Die letzten Jahrzehnte, in der die Angehörigen der Opfer um Aufklärung, Anerkennung und Entschädigung kämpften, sind als zweite deutsche Schuld im Umgang mit den Hinterbliebenen treffend beschrieben. Es hat lange genug gedauert, bis Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2017 eine Gedenkstätte für die Toten eröffnete und treffende Worte fand. Es wäre eine erneute Schande, wenn die Gedenkfeier an Geld scheitern würde. Und das gilt insbesondere in Deutschland, in dem die Nazis 6,5 Millionen Juden systematisch vernichteten und so große Schande über das deutsche Volk gebracht haben. Eine Schande, die niemals wieder gutzumachen ist. Und der Geist in diesem Land hat sich bei vielen, auch Jüngeren, nicht geändert. Ich kann mir schon vorstellen, was an deutschen Stammtischen an widerlichen und ätzenden Bemerkungen zu hören sein wird. Die Bundesrepublik muss sich bewegen. Sie sollte den israelischen Opferangehörigen ein würdiges Angebot unterbreiten.

Die Tatsache, dass sich der israelische Staatspräsident Jitzchak Herzog mit den Familien solidarisch erklärt und demzufolge auch nicht nach München kommen wird, wirft ein selbstredendes Bild auf Deutschland, und dies in einer Zeit, in der der Antisemitismus wieder fröhliche Urständ' feiert. Mich als Deutscher befällt angesichts dessen wieder ein gerüttelt Maß an Scham.

Manfred Kirsch, Neuwied

Tatort, nicht Täter

Man könnte fast den Eindruck haben, dass dieser Terroranschlag von Deutschen verursacht wurde. Dem ist aber nicht so. Deutschland war Tatort, aber nicht Täter. Verursacher dieses schändlichen Verbrechens war eine palästinensische Terrorbande. Keine Frage, damals wurden beim Polizeieinsatz Fehler gemacht, aber Fehler sind keine Verbrechen, sind keine Straftat per se. Vor diesem Hintergrund meine ich, dass die Forderungen der Hinterbliebenen der israelischen Opfer dieses Terroranschlags, die an Deutschland gerichtet werden, ein merkwürdiges Rechtsverständnis zeigen.

Anton Weber, Regensburg

Staatsblamage erster Klasse

Ulrike Nasse-Meyfahrt, die Olympiasiegerin im Hochsprung 1972, weist zu Recht darauf hin, dass die Deutschen in Bezug auf die israelische Mannschaft schon "bei den Sicherheitsvorkehrungen (...) versagt" hätten. Abgesehen davon, dass der Unterzeichner seinerzeit ganz in der Nähe des Olympiazentrums gewohnt und als Zuschauer an vielen Wettbewerben - auch des Hochsprungs - teilgenommen hatte, war in München sofort nach dem Attentat kolportiert worden, dass der damalige Präsident des deutschen NOK, Willi Daume, irgendwann vor Eröffnung der Spiele persönlich nach Israel geflogen sei, um der dortigen Regierung und dem dortigen Komitee zu versichern, dass ihre Athleten in München völlig sicher seien. Man brauche sich keine Sorgen zu machen. Ein israelischer Begleitschutz sei nicht erforderlich. Das Ergebnis war leider eine deutsche Staatsblamage erster Klasse!

Christoph Berger, Bonn

Versagen zugeben

Wenn trotz verschiedener Warnungen die Verantwortlichen die Gefahren durch Terroristen nicht zur Kenntnis nehmen wollten, wenn der Schutz der israelischen Athleten vernachlässigt wurde und wenn Erfahrung und Einsatz israelischer Kräfte in der Terrorbekämpfung auf deutschem Boden nicht erlaubt wurde, obwohl man selbst völlig unerfahren war, dann hat man sich in vielerlei Hinsicht schuldig gemacht. Sich dafür eindeutig und an höchsten Stellen zu entschuldigen und das Versagen zuzugeben, das sollte keiner Diskussion mehr bedürfen.

Was die finanzielle Entschädigung betrifft, so sind wir bei Opfern meist recht "zurückhaltend". Mich wundert, wie großzügig deutsche Verantwortliche auf Auslandsreisen das Geld der Steuerzahler für manchmal fragwürdige Projekte und Zwecke ausgeben. Ich frage mich deshalb, ob im Falle der Opferfamilien des Attentats von 1972 die Zurückhaltung darauf zurückzuführen ist, dass man Angst hat, von bestimmten Wählerkreisen zu heftig kritisiert zu werden. Es wäre an der Zeit, die menschliche Seite der Tragödie zu berücksichtigen und den Mut zu haben, das eigene Versagen einzugestehen. Mich würde interessieren, ob die Politiker, die so gern nach Israel reisen und dort von unseren Verpflichtungen reden, einmal mit Hinterbliebenen zusammengetroffen sind.

Christa Müller-Mallach, Memmingen

Minutiöse Aufarbeitung

Lässt sich der Schmerz über den gewaltsamen Tod von Angehörigen mit Geld aufwiegen? Sicher nicht. Lindern vielleicht. Das Entschädigungsgerangel im Vorfeld der Gedenkfeier für die Opfer des Olympia-Attentats 1972 wirft Fragen auf: Sind bei der Entschädigung von Anschlagsopfern alle Menschen gleich? Oder sind israelische Terroropfer ein Vielfaches mehr wert als deutsche, türkische oder griechische? Und ist daher Trauer und Schmerz israelischer Hinterbliebener höher zu bewerten als der anderer Opferangehöriger? Für die zwölf 2016 auf dem Breitscheidplatz getöteten Weihnachtsmarktbesucher und ihre 170 Hinterbliebenen hat der deutsche Staat 3,8 Millionen bezahlt - für alle zusammen. Und für die Opfer der Mörder und Neonazis vom NSU erhielten die Ehepartner, Kinder und Eltern der Getöteten jeweils lächerliche 30 000 Euro, Geschwister nur 15 000 Euro.

Ankie Spitzer, die Ehefrau des 1972 erschossenen israelischen Trainers, fordert als Sprecherin der Opferfamilien eine Summe, die "internationalen Standards" für Terrorismusopfer entspreche - auf jeden Fall mehr als bisher geboten. Ob sie auch die Familie des erschossenen deutschen Polizisten in diese Forderung einschließt, ist nicht bekannt. Sie spricht bei den angebotenen Summen von "Trinkgeld". Der israelische Staatspräsident nennt es einen "Witz". Dabei spielen die bereits 1972 und später von Deutschland gezahlten 4,6 Millionen gar keine Rolle mehr.

Die deutschen Sicherheitsbehörden und Politiker mögen auf ganzer Linie versagt haben - dilettantisch, zu ängstlich, meinetwegen auch arrogant und bar jeder Moral gehandelt haben - und damit schuld an der tragischen Eskalation gewesen sein. Die Akten müssen geöffnet werden, Anschlag und Verlauf minutiös aufgeklärt werden. Das ist eine berechtigte Forderung. Für das schuldhafte Versagen haben sich deutsche Politiker mehr als einmal entschuldigt. Es kann doch nicht wirklich nur ums Geld gehen?

Dr. Uwe Cardaun, Hamburg

Schlimmste Tage seines Lebens

Die beiden Artikel verorten die Schuldfrage für das Olympiaattentat einseitig beim Versagen der Münchner Polizei. Sie behaupten, dass auf deutscher/bayerischer Seite niemand Interesse an der Aufklärung für den gescheiterten Befreiungsversuch gezeigt, noch Verantwortung dafür übernommen hätte. Das ist unzutreffend. Sie ignorieren das jahrzehntelange Ringen des damaligen bayerischen Innenministers und Leiters des Krisenstabs Bruno Merk um eine Aufarbeitung des Geschehens. Er bezeichnete die Geiselnahme als die schlimmsten Wochen seines Lebens, die Kriegsjahre inklusive, in denen er einen Arm verlor. Merk stellte klar, dass der Überfall der Palästinenser Teil der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästinensern war, dass die BRD selbst erpresst wurde. Sie sei mit Forderungen der Terroristen konfrontiert worden, die sie nicht erfüllen konnte. Die Polizei sei aufgrund ihrer mangelhaften Ausrüstung und Ausbildung nicht in der Lage gewesen, die notwendigen Maßnahmen zur Befreiung der Geiseln zu ergreifen. Die Ursachen dafür sah Merk im Zeitgeist der 1968er-Jahre, der die massive Reduzierung aller Waffengattungen der Bereitschaftspolizei und die Einstellung jeglicher Kampfausbildung bewirkte.

Bei den Olympischen Spielen sollte die Polizei unsichtbar bleiben, um Ressentiments bei den ausländischen Besuchern zu vermeiden. 20 Jahre später schob man Schuld und Verantwortung für den Tod der Geiseln mit der Parole "erfolglos, also schuldig" der Polizei zu, teilweise mehr noch als den Terroristen. Die Schadensersatzforderungen, die daraus erwuchsen, wies das Oberlandesgericht München im Jahr 2000 ab.

Für Bruno Merk war dies ein billiges Ablenkungsmanöver vom Kern des Problems, das im israelisch-palästinischen Konflikt begründet war. Er beschuldigte alle führenden Politiker, auch die Weltmächte, weder die Frage nach den Ursachen des Anschlags gestellt noch das Attentat als Alarmsignal für die Ausbreitung des internationalen Terrorismus und dessen Eskalationsstufen verstanden zu haben. Aufgrund dieser Versäumnisse sei die Unsicherheit in der Welt gesteigert worden.

Dr. Sylvia Krauss-Meyl, Gauting

Zusammenkommen und reden

Als damals 33-Jähriger habe ich die Olympischen Spiele als bunte und heitere Spiele in Erinnerung, mit denen sich Deutschland als offener und moderner Staat darstellen wollte. Beispielhaft war die Architektur der Sportstätten von Günter Behnisch. Die Tragik dieser Spiele ist, wie die gute Absicht durch das abscheuliche Verbrechen auf die israelische Mannschaft überschattet wurde. Genauso, wie ich es als entwürdigend finde, wie die Hinterbliebenen die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag jetzt boykottieren wollen, sofern ihre Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Gründe, die die Opferfamilien veranlassen, das Angebot der Bundesrepublik so brüsk zurückzuweisen, sind ernst zu nehmen. Darüber muss gesprochen werden. Genauso wie es gute Gründe gibt, dass die Bundesregierung bisher auf ihrer Position besteht. Worüber genauso gesprochen werden muss.

Die Stadt München hat den 50. Jahrestag zum Anlass genommen, beispielhaft des Attentats zu gedenken, indem in jedem der zwölf Monate eines der Opfer gesondert gedacht wird. Der Bundespräsident will das Thema "Aufarbeiten, Erinnern, Anerkennen" in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellen. Dem wäre das Münchner Motto "Lernen für die Zukunft" noch hinzuzufügen. Die Gedenkfeiern wären ein guter Rahmen für diese Diskussion gewesen. Aber dafür muss man zusammenkommen und öffentlich diskutieren.

So bleibt bei mir der fade Nachgeschmack: Es geht ums Geld und nur ums Geld. Das ist schade, denn so werden die üblen antisemitischen Klischees bedient. So werden wir den Opfern nicht gerecht. So werden wir die Zukunft nicht gestalten können.

Jörg Lohmann, Scharbeutz

Trauer und Scham

Als am 5. September 1972 elf israelische Teilnehmer an den olympischen Sommerspielen, ein deutscher Polizist und fünf Geiselnehmer am Flughafen Fürstenfeldbruck ums Leben kamen, war ich 14 Jahre alt. Wohnte nur zehn Kilometer entfernt und hatte keine Ahnung, was dies für mein Land, nur 27 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, den wir zu verantworten hatten, für eine Bedeutung hatte. Ich war geschockt, entsetzt und furchtbar traurig, vor allem über die vielen Toten, nach dem schrecklich dilettantischen Befreiungsversuch von Fürstenfeldbruck. Nein, ich wollte damals nicht, dass die Spiele weitergehen. Ich begriff, dass jetzt Zeit für Trauer nötig war, nicht für Jubelgeschrei über Sieger.

Und heute, 50 Jahre danach? Ich spüre erneut Trauer und Scham über das seinerzeitige Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden, über die nachvollziehbare, aber fatale Blauäugigkeit von München 1972. Es ist keine Frage: Wir haben damals Schuld auf uns geladen! Und es entsetzt mich, dass wir bis heute - 50 Jahre später - uns noch immer nicht unserer Verantwortung gestellt haben: nicht die Archive geöffnet, nicht die Akten freigegeben, nicht anständige Entschädigungen gezahlt haben. Nicht zu einer Art Versöhnung mit den Hinterbliebenen der damaligen Opfer gefunden zu haben. Es tut mir unendlich leid!

Jürgen Karres, Landsberg

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