Sprachlabor:Trotz Loch?

Sprachlabor: SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Ferner die Frage, was "kein nichts" bedeuten könnte.

Von Hermann Unterstöger

PRÄPOSITIONEN und die von ihnen "regierten" Fälle: der alte Sturm, die alte Müh'! Von der Präposition trotz gilt, dass sie, wie jenseits, vermöge und viele andere, den Genitiv nach sich zieht, wobei keine Grammatik auf den Hinweis verzichtet, dass sie ursprünglich den Dativ regierte, dass viele Klassiker zwischen Genitiv und Dativ schwankten und dass es im alltäglichen Schreibgebrauch auch heute noch so ist. Vor diesem Hintergrund klagen Leserin F. und Leser W. den Titel "Scholz will trotz Finanzloch investieren" als ein Novum an "sprachlicher Schludrigkeit" an. Bei aller Bußfertigkeit sei jedoch an Rand-Nr. 641 (5) der Dudengrammatik von 1984 erinnert. Dort lesen wir, dass allein stehende singularische Substantive, deren Genitiv mit -(e)s gebildet wird, nach trotz "im allgemeinen ohne Flexionszeichen" bleiben: trotz Schnee und Regen. Das Wort muss also allein stehen. Andernfalls käme Unfug heraus: "Scholz will trotz gähnendes Finanzloch investieren."

APROPOS FINANZLOCH: Christian Lindners Aussage, er werde für den Haushalt 2024 "auf der Ausgabenseite umschichten", wurde bei uns und andernorts mit den Worten wiedergegeben, er wolle keine neuen Schulden aufnehmen. Der Präzision halber gibt Leser Th. zu Protokoll, dass man Schulden macht und Kredite aufnimmt - es sei denn, Schulden aufzunehmen sei "die zusammengefasste und damit gesteigerte Variante von beiden Handlungen".

WER IN SEINER MAILADRESSE einen Römer hat, muss kein Altphilologe sein, aber ausgeschlossen ist es auch nicht. Leser M. ist an der Klage "kein Bus, auch kein Taxi, kein Auto, kein nichts" hängen geblieben, die er als Anapher (von der Wiederholung lebendes Stilmittel) zu schätzen weiß. Kummer macht ihm "kein nichts", was er als Litotes deutet, als Bejahung durch doppelte Verneinung, und somit als Störung des Anapherflusses empfindet. Könnte es, lieber Herr M., nicht sein, dass wir hier eine doppelte Verneinung als Bekräftigung der Verneinung vorliegen haben? Vgl. dazu Ulrike von Levetzow über Goethes späte Avancen: "Keine Liebschaft war es nicht."

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