Wohnraum für Geflüchtete:"Das sind gute Leute"

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Wohnraum für Geflüchtete: Die Löfflers und ihre Gäste (von links nach rechts): Yuliia, Alina und Iryna Kliamar mit Thomas und Monika Löffler vor dem Haus.

Die Löfflers und ihre Gäste (von links nach rechts): Yuliia, Alina und Iryna Kliamar mit Thomas und Monika Löffler vor dem Haus.

(Foto: Jasmin Siebert)

Monika und Thomas Löffler haben drei ukrainische Schwestern bei sich zu Hause aufgenommen. Ein Besuch bei der neuen Wohngemeinschaft.

Von Jasmin Siebert

Ein Sonntagabend in Bad Staffelstein bei Bamberg. Auf dem Tisch steht ein typisch deutsches Abendessen mit Schwarzbrot, Wurst und Käse, dazu gibt es selbstgemachten Apfelsaft. "Greift zu", sagt Monika Löffler, 60. Mit am Tisch sitzen ihr Mann Thomas und drei Schwestern aus der Ukraine: Yuliia, 26, Alina, 22, und Iryna Kliamar, 19. Als der Krieg begann, entschieden die Löfflers schnell: "Wir wollen nicht nur reden, sondern was tun". Am 19. März zogen die Gäste aus der Ukraine in die Doppelhaushälfte in Bad Staffelstein.

Ähnlich wie Monika und Thomas Löffler haben in den vergangenen Wochen viele Menschen spontan entschieden, Geflüchtete bei sich aufzunehmen. An den großen Bahnhöfen standen Hunderte Menschen mit Pappschildern: "Willkommen 2 Leute so lange ihr wollt" oder "1 Mama, 2 Kinder, 6 Wochen". Dazwischen Ehrenamtliche mit Megafonen, die vermittelten.

Es sind rührende Bilder, die von großer Hilfsbereitschaft zeugen. Aber woher kommt all der Platz in einem Land, das angeblich unter Wohnungsnot leidet? Angeboten werden meist Gästezimmer oder andere ungenutzte Zimmer in der eigenen Wohnung, seltener Ferienwohnungen oder Wohnungen, die leer standen. Die Löfflers bereiteten die Zimmer ihrer drei erwachsenen Kinder vor, die längst ausgezogen sind. Diese Unterkünfte haben eines gemein: Es ist Wohnraum, der normalerweise nicht verfügbar wäre. Auch Monika und Thomas Löffler wären ohne den Krieg in der Ukraine nicht auf die Idee gekommen, die Kinderzimmer unterzuvermieten.

Die Schwestern fanden ihr Glück über Whatsapp

Eine Umfrage des Bundesinnenministeriums unter knapp 2000 Geflüchteten aus der Ukraine Ende März ergab, dass mehr als die Hälfte privat unterkommt: 19 Prozent der Befragten bei Verwandten, 24 Prozent bei Freunden und 22 Prozent in einer sonstigen Privatwohnung. Nur sieben Prozent geben an, in einer Sammelunterkunft, etwa in einer Messehalle oder in einer Turnhalle zu schlafen.

Dass auch der Staat auf privates Engagement setzt, zeigt das Hilfsportal Germany4Ukraine, das das Innenministerium eingerichtet hat. Unter dem Button "Unterkunft" findet sich ganz oben der Link zur privaten Seite "Unterkunft Ukraine". Die hat der 30-jährige Unternehmer Lukas Kunert gleich am ersten Kriegstag programmiert. Inzwischen werden dort 360 000 Betten in 150 Orten angeboten. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Seite Warmes Bett, wo ebenfalls Tausende Betten angeboten werden.

Yuliia Kliamars Post, dass sie eine Unterkunft für drei Schwestern suche, wurde in einer Whatsapp-Gruppe mehr als 2000 Mal geteilt. "Seid vorsichtig", warnten viele. Doch Thomas Löffler schickte gleich seinen Personalausweis, und Monika filmte die Kinderzimmer. "Das sind gute Leute", beruhigte Yuliia Kliamar ihre Eltern, die im Heimatort nahe der Grenze zu Belarus ausharren.

Obwohl sie erst seit Kurzem Bad und Essen teilen, wirken die Löfflers und ihre Gäste vertraut miteinander. Die Verständigung klappt prima, denn Yuliia und Iryna haben Fremdsprachen studiert und sprechen fließend Deutsch. Alina studiert Medizin, online gehen die Vorlesungen weiter, mitunter unterbrochen durch Bombenalarm.

"Es ist egal für uns, ob wir in Berlin oder Bad Staffelstein leben."

Das gemütliche Haus voller Pflanzen, Bücher und einem Schwedenofen ist ein sicherer Zufluchtsort geworden. Es sei "perfekt" hier, sagt Yuliia, und alle drei Schwestern nicken. Monika und Thomas Löffler nehmen nicht einmal Miete von den Geflüchteten. Um sich von den schrecklichen Ereignissen in ihrer Heimat abzulenken, gehen die Ukrainerinnen joggen oder fahren mit den Rädern, die die Löfflers ihnen besorgt haben, durch die nahen Felder.

Die Kliamar-Schwestern hatten Glück, fühlen sich wohl auf dem Land. "Es ist egal für uns, ob wir in Berlin oder Bad Staffelstein leben", betont Yuliia. Auf ihrer Flucht war sie zunächst in der Slowakei gestrandet und dann wie viele andere in den Zug nach Berlin gestiegen. Gemeinsam mit Alinas Zwillingsschwester und deren Mann wohnten sie anfangs bei einem bekannten Schauspieler.

Bald merkten sie, dass es schwierig ist, eine dauerhafte Unterkunft für fünf Personen in Berlin zu finden, wo nicht einmal die Registrierung klappte. Auf dem Land dagegen ist das Potenzial an Wohnraum längst nicht ausgeschöpft, wie die Angebote auf "Unterkunft Ukraine" zeigen.

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