Verdienst von Männern und Frauen Zuverdiener-Modell als Armutsfalle

"Frauen geben sich leider viel zu oft damit zufrieden, dass sie das Haushaltseinkommen des Mannes ein bisschen aufstocken", sagt Karin Nordmeyer von UN Women, der weltweit führenden Organisation der Vereinten Nationen zur Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Frauenrechte. "Das Zuverdiener-Modell führt Frauen oft in eine Armutsfalle", warnt Nordmeyer, die Vorsitzende des Nationalen Komitees von UN Women in Deutschland ist. "Die Arbeitswelt muss sich ändern, sodass Beruf und Familie besser koordinierbar sind", fordert Nordmeyer. Home-Office, Job-Sharing auch in Führungspositionen und flexiblere Arbeitszeiten seien erste Schritte, um vor allem Frauen den Berufsalltag nach der Elternzeit zu erleichtern.

Eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture bestätigt das. Danach fehlen flexible Arbeitszeitmodelle, die auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten sind. Dieses Problem wird sich nach Einschätzung der befragten Frauen sogar noch verschärfen: Mehr als jede dritte Frau glaubt, dass es in Zukunft schwieriger werden wird, Beruf und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen.

In Deutschland sind Chefinnen eine Randerscheinung

Dazu passt, dass viele Frauen einen gesellschaftlichen Wandel bezweifeln. Sie sind skeptisch, dass die Dominanz von Männern im Top-Management gebrochen wird. Nur knapp ein Viertel rechnet damit, dass bis zum Ende des Jahrzehnts Männer und Frauen gleichermaßen in Führungspositionen vertreten sein werden. Tatsächlich sind in Deutschland Chefinnen eine Randerscheinung. In keinem einzigen der 30 Dax-Konzerne steht eine Frau an der Spitze. Betrachtet man den gesamten Vorstand, gibt es zwar Frauen, ihr Anteil ging 2013 allerdings von 7,8 auf 6,3 Prozent zurück.

Arbeitgeber, so heißt es in der Accenture-Umfrage, müssen mehr tun, um Frauen beim beruflichen Aufstieg zu helfen. Flexible Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, gehören dazu. Wichtig sei aber vor allem, Frauen gezielt zu fördern, und zwar von Anfang an. Dies kann in Seminaren für angehende weibliche Führungskräfte geschehen oder indem klare Regeln für Beförderungen eingeführt werden.

Ursula Schwarzenbart ist beim Automobilkonzern Daimler für Chancengleichheit (Diversity) zuständig. Sie macht diesen Job seit 2005 und ist damit eine der ersten Diversity-Beauftragten in einem deutschen Großunternehmen. Diversity meint freilich mehr als die berufliche Gleichstellung von Männern und Frauen; es bedeutet, die Vielfalt einer Belegschaft mit weltweit 275 000 Beschäftigten in mehr als 120 Nationen zu fördern.

"Keine einfache Aufgabe in einer von Männern dominierten Branche"

Dennoch ist die Frauenförderung für Schwarzenbart besonders wichtig. Sie selbst ist eine der 13 Prozent Frauen, die bei Daimler eine leitende Führungsposition haben. Bis 2020 will Schwarzenbart diesen Anteil auf 20 Prozent bringen. "Das ist keine einfache Aufgabe in einer von Männern dominierten Branche", sagt sie. "Wir stellen immer wieder fest, dass der Frauenanteil in den Technikberufen eines Autoherstellers nicht so schnell wächst, wie wir uns das wünschen", erklärt sie.

Deshalb schickt das Unternehmen Ingenieure an Schulen, die dort ihren Beruf vorstellen und gerade Mädchen für die Technikberufe interessieren sollen. Schwarzenbart hat auch die Sache mit den Workshops auf den Weg gebracht, durch die inzwischen 6000 männliche und weibliche Führungskräfte geschleust wurden. Ziel dieser Seminare ist es, unbewusste Verhaltensmuster zu erkennen und Vorurteile zu hinterfragen.

"Frauen wird noch immer oft die klassische Männerrolle im Beruf nicht zugetraut. Es muss selbstverständlich werden, dass das ein Irrtum ist und Frauen einen Mehrwert bringen", sagt Schwarzenbart. Immerhin sitzt mit der Juristin Christine Hohmann-Dennhardt seit 2011 eine Frau im Daimler-Vorstand. "Das hat Vorbildcharakter für die Frauen in unserer Belegschaft", sagt Schwarzenbart dazu. Ihr Einsatz zeigt Wirkung: Bei einem Ranking des Familienministeriums bekam Daimler im vorigen Jahr Bestnoten in Sachen Frauenförderung.