Unruhige Kinder:Ist das Fernsehen schuld?

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Dass das Fernsehen oder der Computer am Elend der Kinder schuld sein könne, dass am Grunde allen Übels "Reizüberflutung" oder "Entfremdung" lägen - das sind kulturkritische Theorien, die so lange als haltlos (und reaktionär) gelten müssen, wie sie im Ungefähren bleiben und also über das, was tatsächlich zwischen Bildschirm und Betrachter geschieht, nichts zu sagen wissen.

Kultur der Wiederholungen

Bei Christoph Türcke ist das anders. Alle Kultur, sagt er, beruhe auf Wiederholungen, auf Ritualen, Sitten und Gebräuchen, deren elementarer Zweck es gewesen sei, eine von allen Seiten bedrohlich hereindrängende Außenwelt durch Nachahmung zu bannen. Im Laufe der Jahrtausende sei dieses Verfahren so verfeinert und entwickelt worden, dass die modernen Gesellschaften mit ihren Gesetzen, ihren Traditionen, Grammatiken und mit ihrem Wissen daraus entstanden seien - bis die Maschinen aufkamen.

Zuerst hätten sie den Menschen von mechanischen Wiederholungen befreit, dann, in den Bildmaschinen, von der eigenen Wahrnehmung: Seitdem zieht der Bildschock "durch seine abrupten Bildwechsel das Auge magnetisch an; er verspricht ständig neue, noch ungesehene Bilder; er übt in die Allgegenwart des Marktes ein: sein ,Hierhergesehen' preist die nächste Szene an wie ein Marktschreier seine Ware."

In einer Kritik, die das Jahrbuch der Psychoanalyse dem Essay Christoph Türckes beigesellt, moniert die Psychoanalytikern Elfriede Löchel, es walte hinter dieser Theorie ein analogisches Denken, das im Aufmerksamkeitsdefizit den "Sozialcharakter der flüchtigen Moderne" dingfest zu machen glaube. So einfach lägen die Dinge in der Regel nicht. So einfach macht sie sich indessen auch Christoph Türcke nicht. Denn zum einen insistiert er darauf, dass die Unruhe der Medien sich nicht schlicht in der kindlichen Unruhe spiegele. Man komme mit empirischer Forschung zwar nur unter Schwierigkeiten an solche Phänomene heran. Aber man müsse davon ausgehen, dass ein Defizit an Aufmerksamkeit zuerst einmal erlebt werde, bevor es im Kind wiederholt werde, in Gestalt ein Umwelt, die ihrerseits von einer tiefen Unruhe geprägt werde, von ständigen Springen zwischen den Medien und den Ereignissen: "Fände nicht ein vitaler Entzug statt, gäbe es nicht die motorische Dauerunruhe, die unablässige Suche nach etwas, was die Gestalt eines verlorenen Objekts noch gar nicht angenommen hat."

Die Leiden der Seele

Zum anderen versucht Christoph Türcke zu erklären, was in einem Bewusstsein geschieht, dessen innerstes Bewegungsgesetz die Unruhe selbst ist. Dazu greift er zurück auf einen Gedanken der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva, die von den "neuen Leiden der Seele" spricht, die in den "Schwierigkeiten der Repräsentation" begründet seien - also darin, dass keine Vorstellung mehr die feste Form annehme, die sie brauche, um einem anderen Menschen vermittelt zu werden (um von der festen Form, die man braucht, um zu denken, ganz zu schweigen). So entstehe dieses flackernde Bewusstsein, diese vagabundierende Intelligenz, in deren mentalen Innenraum keiner zu schauen vermöge. Gewiss, am Ende dieser Theorie wird noch mehr spekuliert als an ihren kulturanthropologischen Anfängen. Aber klüger als Ritalin ist dieser erste Versuch allemal, einem grassierenden "Defizit" der modernen Gesellschaften mit den Mittel der Philosophie beizukommen.

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