Karriereknick:Scheitern im Beruf: Der Sturz ins Bodenlose

Former German President Christian Wulff arrives for the trial at the regional court in Hanover

Deutschland gilt als besonders fehlerintolerant. Das musste auch der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff erfahren.

(Foto: Reuters)
  • Berufliches Scheitern kann Menschen Experten zufolge so stark aus der Bahn werfen wie der Verlust eines nahen Angehörigen.
  • Betroffene durchlaufen vier Phasen, erst wenn auch emotionale Akzeptanz erreicht ist, sind sie wieder offen für neue Projekte.

Von Juliane von Wedemeyer

Der Unternehmer Max Levchin eignet sich hervorragend zum Mut machen. Sein gern zitierter Rückblick ist einfach zu schön: "Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, aber immer noch gescheitert. Und wissen Sie, das dritte ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Es war keine großartige Geschichte, aber es funktionierte. Nummer fünf war dann Paypal."

Inzwischen haben Levchin und seine Partner den Online-Bezahldienst für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkauft. Wer scheitert, ist also nicht unbedingt ein Versager, und jedes Ende ist auch ein Beginn. Allerdings - sich aus der Position des Erfolgreichen zu den frühen Brüchen im Lebenslauf zu bekennen, wirkt eher kokett.

Was aber tun die Menschen, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere scheitern? Was kommt nach dem Job als deutschlandweit bekannte Museumsleiterin oder als berühmte Fernsehmoderatorin? Oder als Bundespräsident?

"Ein Veränderungsprozess, den viele als Verlust erleben"

Christian Wulff arbeitet wieder als Wirtschaftsanwalt. Die Historikerin Irmtrud Wojak, die nach nur zweieinhalb Jahren als Gründungsdirektorin des NS-Dokumentationszentrums in München ersetzt wurde, veranstaltet jetzt Seminare und Vorträge zu ihrem Thema: der Umgang mit den NS-Verbrechen. Und die Moderatorin Margarethe Schreinemakers, die in den Neunzigern wohl das bekannteste Fernsehgesicht Deutschlands war, lebt mittlerweile in Belgien und designt knallbunte Möbel.

Es geht also auch nach Rücktritten, Aufhebungsverträgen und Kündigungen weiter. Aber was passiert bis zum Neustart? Die meisten Gescheiterten durchleben eine schwere Krise. "Das kommt teilweise dem Todesfall einer vertrauten Person sehr nahe. Es ist ein Veränderungsprozess, den viele als Verlust erleben", sagt Therapeut und Coach Hugo Körbächer, der 2005 in Osnabrück das erste deutsche Resilienz-Zentrum mitbegründet hat und dort Menschen hilft, Krisen zu bewältigen.

Spaß macht Scheitern also nicht. Erst recht nicht, wenn einen die Medien dabei begleiten und erst recht nicht in einem Land wie Deutschland, das Fehlerforscher als extrem fehlerintolerant beschreiben.

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