Süddeutsche Zeitung

Karriereknick:Scheitern im Beruf: Der Sturz ins Bodenlose

  • Berufliches Scheitern kann Menschen Experten zufolge so stark aus der Bahn werfen wie der Verlust eines nahen Angehörigen.
  • Betroffene durchlaufen vier Phasen, erst wenn auch emotionale Akzeptanz erreicht ist, sind sie wieder offen für neue Projekte.

Von Juliane von Wedemeyer

Der Unternehmer Max Levchin eignet sich hervorragend zum Mut machen. Sein gern zitierter Rückblick ist einfach zu schön: "Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, aber immer noch gescheitert. Und wissen Sie, das dritte ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Es war keine großartige Geschichte, aber es funktionierte. Nummer fünf war dann Paypal."

Inzwischen haben Levchin und seine Partner den Online-Bezahldienst für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkauft. Wer scheitert, ist also nicht unbedingt ein Versager, und jedes Ende ist auch ein Beginn. Allerdings - sich aus der Position des Erfolgreichen zu den frühen Brüchen im Lebenslauf zu bekennen, wirkt eher kokett.

Was aber tun die Menschen, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere scheitern? Was kommt nach dem Job als deutschlandweit bekannte Museumsleiterin oder als berühmte Fernsehmoderatorin? Oder als Bundespräsident?

"Ein Veränderungsprozess, den viele als Verlust erleben"

Christian Wulff arbeitet wieder als Wirtschaftsanwalt. Die Historikerin Irmtrud Wojak, die nach nur zweieinhalb Jahren als Gründungsdirektorin des NS-Dokumentationszentrums in München ersetzt wurde, veranstaltet jetzt Seminare und Vorträge zu ihrem Thema: der Umgang mit den NS-Verbrechen. Und die Moderatorin Margarethe Schreinemakers, die in den Neunzigern wohl das bekannteste Fernsehgesicht Deutschlands war, lebt mittlerweile in Belgien und designt knallbunte Möbel.

Es geht also auch nach Rücktritten, Aufhebungsverträgen und Kündigungen weiter. Aber was passiert bis zum Neustart? Die meisten Gescheiterten durchleben eine schwere Krise. "Das kommt teilweise dem Todesfall einer vertrauten Person sehr nahe. Es ist ein Veränderungsprozess, den viele als Verlust erleben", sagt Therapeut und Coach Hugo Körbächer, der 2005 in Osnabrück das erste deutsche Resilienz-Zentrum mitbegründet hat und dort Menschen hilft, Krisen zu bewältigen.

Spaß macht Scheitern also nicht. Erst recht nicht, wenn einen die Medien dabei begleiten und erst recht nicht in einem Land wie Deutschland, das Fehlerforscher als extrem fehlerintolerant beschreiben.

Vier Phasen von Schock bis Akzeptanz

Die Betroffenen gehen durch vier Phasen. Zuerst kommt der Schock. "Ähnlich wie bei einer schlechten Diagnose, fühlt sich der Betroffene gelähmt", sagt Körbächer. "Das ist normal." Danach folge eine Phase der Verdrängung, nach dem Motto: Das wird schon wieder. Auch das sei völlig normal. Dass sich jemand an sein Amt oder seine Aufgabe klammert und den Zeitpunkt für einen möglichst würdevollen Abgang verpasst, ist also schlicht menschlich. Die dritte Phase beschreibt Körbächer so: "Der Kopf hat es schon verstanden, der Bauch aber noch nicht." Die vierte Phase ist dann die emotionale Akzeptanz. "Wir sprechen auch vom Tal der Tränen." Erst danach sei der Mensch wieder in der Lage Ideen zu haben, Plan B zu entwickeln und aus seinen Fehlern zu lernen.

Christian Wulff, der 2012 wegen Korruptionsvorwürfen vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten war, wurde 2014 vom Landgericht Hannover freigesprochen. Er veröffentlichte ein Buch zum Thema und eröffnete in Hamburg eine Kanzlei. Als Altbundespräsident hat er noch ein Büro in Berlin, reist zu Gesprächskreisen junger Christen und Muslime oder spricht auf Toleranzpreis-Verleihungen. Er ist ein gefragter Redner - mal zu bedeutenden, mal zu unbedeutenderen Anlässen. 2015 etwa hielt er bei der Verleihung des Deutschen Medienpreises die Laudatio auf UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Und dieses Jahr eröffnete er als amtierender Spargelbotschafter im niedersächsischen Burgwedel die offizielle Spargelsaison.

Versuchtes Comeback

Schreinermakers Möbel-Geschäft läuft nach eigenen Angaben sehr gut. Vor allem die Schweizer würden ihre Möbel mögen. Dass ihre extrem quotenstarke Talksendung auf Sat 1 abgesetzt wurde, ist nun 20 Jahre her. Damals stand sie unter Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. Die Ermittlungen gegen sie wurden zwar eingestellt, ihre vereinzelten Comeback-Versuche waren trotzdem wenig erfolgreich. Ihr Designlabel gründete sie aber erst 2010 - im Jahr zuvor hatte sie einen Herzinfarkt.

Irmtrud Wojak musste das verfrühte Ende in München 2011 erst einmal verarbeiten, erzählt sie am Telefon: "Wie ist es dazu gekommen, wie gehe ich jetzt damit um?" Laut der Pressemitteilung von damals waren "nachhaltig unterschiedliche Auffassungen über die Ausrichtung, die Inhalte und die Funktion des NS-Dokumentationszentrums" zwischen ihr und den beratenden Gremien maßgebend für die Trennung. 2013 dann gründete Wojak eine Stiftung, um Projekte zu fördern, die "Geschichten von Widerstand und menschenwürdigem Leben weltweit bewahren und weitererzählen". Buxus hat sie die Stiftung genannt - Buchsbaum. Für sie ein Symbol für Widerstandsfähigkeit. Es folgte 2014 ein Jahr als Harvard-Stipendiatin in den USA. Wohl darum würden sie und ihre Stiftungsarbeit vor allem dort und in Südamerika angefragt.

Wer bereits gescheitert ist, bewältigt folgende Krisen oft besser

Sich von einer Kündigung oder einer Firmenpleite zu erholen, koste Zeit, sagt Körbächer. Wie viel sei bei jedem anders. Wichtig ist ein gutes Netzwerk - Freunde und Familie, die zu einem stehen. Und: Wer bereits gescheitert ist, bewältigt folgende Krisen oft besser. Auch wer schon davor Plan B und C zur Hand hat, durchquert das Tal der Tränen schneller.

Scheitern können übrigens wirklich alle. Laut Fehlerforschern macht jeder zwei bis fünf Fehler stündlich. Die meisten seien auf dem harmlosen Niveau eines Grammatikfehlers, aber manche können eben dramatische Konsequenzen haben. Dann heißt es: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten - weitergehen. Postkartensprüche mag man blöd finden, an diesem zumindest sei etwas Wahres dran, meint Hugo Körbächer.

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Quelle:
SZ vom 18.06.2016/sks
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