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Ordnung im Büro:"Die Welt ist auf Schreibtischen gewachsen"

Steinmeier holt noch extra Aktenstapel, Putins Büro erinnert an Hitler und der Schreibtisch von Klaus Staeck ist eine Art Kunstwerk: Konrad Rufus Müller fotografiert seit Jahrzehnten Promis am Arbeitsplatz.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

11 Bilder

Schreibtische

Quelle: Konrad Rufus Müller

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Fragt man Konrad Rufus Müller nach seinem Lieblingsbild aus seiner Fotoserie "Über Schreibtische", zeigt er sofort auf dieses - und holt auch gleich den Protagonisten dazu: Klaus Staeck, ehemaliger Präsident der Akademie der Künste in Berlin, soll selbst erklären, warum sich in seinem "Büroatelier" die Unterlagen so deftig türmen. Naja, er wisse schon genau, wo er was zu finden habe, sagt Staeck. Und dass sich seit 1970 nun mal einiges angesammelt habe, das er aber eifrig abarbeite. Im Hintergrund immer seine "Madonna": Marilyn Monroe. Zur Erbauung.

Dass der 75-jährige Müller genau dieses Bild zum Favoriten erkoren hat, liegt nahe: Wohl kaum einen anderen Promi traf der renommierte Portraitfotograf in den fünf Jahrzehnten seiner Tätigkeit inmitten eines dermaßen kreativen Chaos' an.

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Die meisten seiner Bilder zeigen aufgeräumte Persönlichkeiten an wohlgeordneten Arbeitsplätzen. Besonders repräsentativ: Der französische Staatspräsident François Mitterrand an seinem Arbeitstisch im Palais de l'Elysee in Paris, 1983, ...

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... oder hier der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt an seinem provisorischen Arbeitstisch im Salonwagen des Wahlkampf-Sonderzuges im Wahljahr 1980.

Die meisten Staatenlenker und sonstige Politprominenten, die Konrad Rufus Müller fotografisch begleitet hat, legten Wert darauf, als tatkräftig wahrgenommen zu werden. Das bedeutet: Der Schreibtisch, an dem man arbeitet, sollte schon einigermaßen passend sein, sprich: staatsmännisch sortiert.

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Darauf verwies auch Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung am Mittwochabend in der Agentur Blumberry in Berlin, wo die Bilder zwei Wochen lang zu sehen sind: Er selbst habe für sein Bild noch schnell ein paar Aktenstapel herbeigeschleppt. Die würden ja sonst bei Politikern eher die Mitarbeiter verwalten. Und weil er aus den Bildern des Konrad Rufus Müller so viel über die Parallelen zwischen Arbeiter und Schreibtisch gelernt habe, werde er in Zukunft "die Zimmer der Amtskollegen mit geschärftem Blick betreten", so Steinmeier.

Wobei Außenminister eher seltener an Schreibtischen anzutreffen wären als in Flugzeugen am Klapptisch oder an den Konferenztischen dieser Welt. Trotzdem ziert er das Cover des bei "seltmann+söhne" soeben erschienenen Hardcover-Bildbands "Über Schreibtische" (49 Euro). Vermutlich weil er der aktuellste der abgebildeten Politiker ist.

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Doch Müller hat nicht nur Politiker an ihren Schreibtischen fotografiert, sondern alle möglichen Arten von Prominenz. Hier zum Beispiel Uli Hoeneß, als der noch Präsident des FC Bayern München war, in seinem Büro in der Geschäftsstelle an der Säbener Straße, 2008. Ob er da gerade an seiner Steuererklärung arbeitet, ist nicht bekannt - gewiss ist nur, dass ein Maskottchen ihm dabei Gesellschaft leistet.

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Auch Mathias Döpfner zeigt in seinem Büro Spuren seiner Arbeit: "Die Kraft der Bilder" ist nicht nur das Motto der Ausstellung, deren Plakat über seinem Schreibtisch hängt, sondern auch das (namensgebende) Motto der Bild-Zeitung, die er zu verantworten hat. "Der elegante und erfolgreiche Chef des Axel Springer Verlags am Schreibtisch seines Büros in Berlin, 10. Januar 2007", lautet die Bildunterschrift im Buch. Was zeigt, dass es hier eher um einen ehrfurchtsvollen Blick in die Chefetagen dieses Landes geht als einen kritischen.

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Trotzdem gibt es auch Amüsantes und Anekdoten zu entdecken, die mehr von den Protagonisten erzählen als ein Auftragsportrait. Die zeigen, dass Konrad Rufus Müller nicht umsonst ein halbes Jahrhundert lang den Mächtigen und Prominenten auf die Finger geschaut hat. Oder wer erinnert sich heute noch an Juliane Weber und ihre Elefanten?

Das Bild zeigt Helmut Kohls Büroleiterin 1996 im Bundeskanzleramt - umgeben von unter anderem Porzellan in Elefantengestalt. "Nachdem sie das erste Elefantengeschenk erhalten hatte, wurde daraus im Laufe der Jahre eine schreibtischfüllende Sammlung", erfährt der Leser. Was das wohl über die Nähe zu Helmut Kohl aussagt?

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Da darf Gerhard Schröder nicht fehlen, unter seinem "stürzenden Adler" von Georg Baselitz. Der SPD-Kanzler wählte absichtlich das abstürzende Staatssymbol als Begleiter seiner Regierungsgeschäfte - um zu zeigen, dass er die Macht, den Geist und den Mut habe, mit Konventionen zu brechen.

Müller kann von sich behaupten, sämtliche Kanzler der Bundesrepublik im Bild verewigt zu haben - bis auf Angela Merkel, die mag irgendwie nicht. Adenauer, Erhard und Kiesinger fotografierte er erst nach deren Amtszeit; davor war er noch zu jung.

"Das erste Bild habe ich von Konrad Adenauer am 22. März 1966 gemacht", erinnert sich Müller. Als 26-jähriger Jungspund, aber damals schon immer im schwarzen Anzug und mit schwarzer Krawatte, erzählt er: "Adenauer war damals 65 Jahre älter als ich und hat sich köstlich über mich amüsiert." Sein Porträtstil habe sich aber seitdem nie verändert. "Entweder ich habe nichts dazugelernt, oder ich war schon immer ein Genie", schmunzelt er.

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Zur Ausstellungseröffnung erzählt Konrad Rufus Müller auch, wann dieses Foto von Putin entstand und warum von so weit weg: "Wir waren am 3. Oktober 2002 um 23 Uhr nachts verabredet. Ich musste zwischendurch mal Wasser lassen, da kam der Offizier mit mir bis ans Urinal, um mich zu kontrollieren. Und das im Kreml, wo man sowieso nur reinkommt, wenn man absolut durchleuchtet ist. Als wir nach Mitternacht fertig waren, ging Putin noch zu seinem Zahnarzt. Er steht allerdings auch erst um 10 Uhr auf."

Dem russischen Präsidenten hat sich Müller über Gerhard Schröder angenähert. Er habe damals, zu Beginn dessen erster Amtszeit, noch geglaubt, er sei gut für Russland, so Müller. "Ich war bei ihm zu Hause und habe seine Kinder Klavier spielen sehen. Das durften nur die wenigsten Ausländer", erinnert sich der Fotograf. Trotzdem habe er sich beim Betreten des riesigen Büros im Kreml erschreckt und an das Arbeitszimmer Hitlers erinnert gefühlt - weil sich der Besucher auch dort erst einmal winzig fühlen sollte gegenüber dem Machtmenschen. "Ich wollte die Distanz zeigen, die Kälte - und diese Einsamkeit. Die herrscht oft bei Politikern."

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Insgesamt 65 bekannte Persönlichkeiten zeigt das Buch in 120 Schwarz-Weiß-Fotografien, von Joseph Ratzinger über Wolfgang Joop bis zum Dalai Lama (im Bild: der ägyptische Staatsmann Anwar as-Sadat, der 1978 den Friedensnobelpreis erhielt und drei Jahre später einem Attentat zum Opfer fiel). Und was sagt nun der Schreibtisch über einen Menschen aus?

Schriftsteller Sten Nadolny ("Die Entdeckung der Langsamkeit") hat für das Buch einen hinreißenden Einleitungstext geschrieben, der sich unter anderem dieser Frage widmet: "Konrad Rufus Müller kann ... einen Haufen Schwemmholz so ins Licht setzen, ... dass wir den Schreibtisch als Sinngebung des Sinnlosen begreifen." Und weiter: "Die Welt, die wir heute haben, und fast alles, was uns in ihr noch blüht, ist auf Schreibtischen gewachsen."

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Und er empfiehlt allen Schreibtischtätern (im Bild: Hannelore Hoger): "Arbeite, lieber Unbekannter, in deiner Klause zunächst immer daran, dich wohlzufühlen. Stelle die angenehme, nur von dir allein beherrschte Welt her, dein Geheimreich, das Dritten unbekannt ist und in das auch niemand hineinregieren kann. Pflege Geheimnisse, und wenn es nur dein sorgfältig verborgener Hang ist, nach den besten Ideen im Inneren deiner Nase zu suchen."

Und egal ob das Möbelstück eine kunstvolle Tischlerarbeit oder ein aufgebocktes altes Türblatt mit drei Ablageschalen sei, für den Schreibtischbesitzer gelte auch in 100 Jahren noch: Andere dürfen dort nichts hinlegen.

© SZ.de/rus/sks/dd
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