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Marketing an Universitäten:Der Student als Kunde und König

Gratislaptops für gebeutelte Erstsemester: Was sich deutsche Hochschulen einfallen lassen, um Studenten anzuwerben - und Standortnachteile zu versilbern.

Dirk Graalmann

Als vor Monatsfrist Zehntausende Studenten in der Republik in den Bildungsstreik traten, gehörte auch der Widerstand gegen die zunehmende "Ökonomisierung der Bildung" zur Pflicht. Der Wettbewerb unter den Hochschulen ist vielen Studierenden bereits aus Prinzip suspekt. Dabei sind die neuen Studenten durchaus Nutznießer der plötzlichen Charme- und Marketingoffensive an deutschen Universitäten.

"Unsere Hochschule ist im Grünen, da muss man schon etwas Kreatives einfallen lassen, um die Studenten zu locken." Marie-Luise Klotz, Präsidentin der neugegründete Hochschule Rhein-Waal.

(Foto: Foto: ddp)

Am heutigen Mittwoch endet die Bewerbungsfrist in zulassungsbeschränkten Fächern für das kommende Wintersemester - und an den Hochschulen hat längst das Ringen um die Neuankömmlinge eingesetzt. Einst wurden den Erstsemestern gern mal Freikarten für den örtlichen (und leider oftmals mäßig erfolgreichen) Fußballklub als Giveaway untergejubelt, inzwischen darf sich der finanziell gebeutelte Student mancherorts über eine imposante Erstausstattung freuen. Insbesondere in der Peripherie wird ihnen der vermeintliche Standortnachteil versilbert.

Die neugegründete Hochschule Rhein-Waal etwa lockt die Erstsemester mit Laptop, Handy und Fahrrad an den schönen, wenn auch etwas abseits gelegenen Niederrhein. "Wir sind hier eben nicht in Bonn oder Köln", sagt Marie-Luise Klotz, Gründungspräsidentin der FH mit den Standorten Kleve und Kamp-Lintfort. "Unsere Hochschule ist im Grünen, etwas ländlich; da muss man schon etwas Kreatives einfallen lassen, um die Studenten zu locken" so Klotz.

Schnäppchenjäger werden nicht geduldet

300 Euro sind pro Fahrrad kalkuliert, 450 Euro für ein Laptop - und dazu kommen noch die Kosten für das iPhone. Bei den maximal 150 Studenten würden für das generöse Präsent rund 100.000 Euro fällig. Bezahlt werden müssen die Präsente von Sponsoren; denn die Studienbeiträge dürfen nicht angetastet werden.

Und so ist Marie-Luise Klotz jeden Tag unterwegs, um in der Privatwirtschaft für das Projekt zu werben; denn noch hat sie das Geld nicht ganz beisammen. Als Dankeschön gibt's dann das Sponsorenlogo auf den Drahtesel. "Wir begreifen die Studenten eben auch als Kunden", sagt Klotz. Und der Student ist König; das Fahrrad allerdings müssen sie am Ende ihrer Studienzeit wieder abgeben.

Die FH am Niederrhein ist da keine skurrile Ausnahme. Im ostwestfälischen Paderborn etwa werden ab Oktober Netbooks an Erstis ausgegeben - "topaktuell, leistungsfähig und 10 Zoll groß", wie die Uni verspricht. Dreiste Schnäppchenjäger aber werden nicht geduldet - wer sich umgehend exmatrikuliert, muss den Computer zurückgeben.

"Auch wir wollen die besten Studenten"

Auch an ostdeutschen Hochschulen, die entgegen den großen West-Unis oftmals keine verstopften Hörsäle beklagen müssen, ist das Marketing weit fortgeschritten. An der Viadrina in Frankfurt/Oder etwa bekommen die Neu-Ankömmlinge ihre Studentenbutze in einem Objekt der kommunalen Wohnungsgesellschaft für ein halbes Jahr gratis - wenn sie ihren Erstwohnsitz in der deutsch-polnischen Grenzstadt anmelden, um so über den Finanzausgleich wieder Geld in die Kassen zu spülen.

Solche Nachwuchssorgen hat man in den Studenten-Hochburgen wie Münster nicht. Im letzten Semester bewarben sich knapp 25.000 Abiturienten auf die rund 5000 Plätze. "Auch wir wollen natürlich die besten Studenten", sagt Uni-Sprecher Norbert Frie, "aber das schafft man wohl nicht mit Geschenken". Für eine derartig große Hochschule wäre es auch kaum zu finanzieren.

Also gab es in Münster für die Erstsemester zuletzt eine hübsche Laptop-Tasche mit Uni-Emblem. Für den passenden PC müssen sie an den Niederrhein wechseln.

© sueddeutsche.de/af

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