Lesenlernen als Erwachsener "Ich habe jeden Mist unterschrieben"

Auch als Erwachsener kann man noch Lesen lernen, sagt Karl Lehrer. Er hat den Verein Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen Mannheim mitbegründet, um zu helfen und zu informieren.

(Foto: dpa)

Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht lesen und verstecken das. Karl Lehrer war lange einer von ihnen. Zum Weltalphabetisierungstag berichtet er, wie er sich über viele Jahre durchmogeln konnte - und was passierte, als er zu seinem Defizit stand.

Interview von Larissa Holzki

Die Angst vor dem Auffliegen zwingt viele von ihnen zum Schauspielern: In Deutschland leben etwa 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, die nicht richtig lesen und schreiben können. Weit über die Hälfte von ihnen geht arbeiten. Sie gehen Jobs nach, in denen sie kaum lesen müssen - und viele tun notfalls so, als ob sie es könnten. Karl Lehrer hat selbst lange gemogelt. Hier erzählt er, wie er damit durchgekommen ist und was passierte, nachdem er mit seinem Chef darüber gesprochen hat.

Herr Lehrer, wann haben Sie zum ersten Mal öffentlich zugegeben, dass Sie nicht richtig lesen und schreiben konnten?

Karl Lehrer: Ich bin damals durch die Bild-Zeitung aufgeflogen. Ich hatte keine Ahnung von Fußball, aber ich wollte mitreden mit den Kollegen auf dem Bau. Und da habe ich dann erzählt, was ich über das Spiel in der Zeitung gelesen hätte. Die Bild lag da ja immer rum. Mein Chef hat das gehört und gesagt: Hör zu, mein Kleiner. Du hast zwar die Zeitung in der Hand, aber es steht nicht drin, was du gesagt hast. Ich bin rot geworden wie eine Tomate.

Und dann hat der Chef Sie rausgeschmissen?

Nein, er hat gesagt, 'Du bist ein guter Arbeiter. Das ist egal, wenn du nicht lesen kannst.'

Trotzdem haben Sie wenig später einen Kurs an der Volkshochschule begonnen.

Ein Betreuer vom Arbeitsamt hat mich gefragt, worauf ich Lust habe und ich habe geantwortet, dass ich gerne Lesen und Schreiben könnte. Eine Woche später hatte er mir den Kurs rausgesucht. Manche Teilnehmer hätten vom Alter her meine Eltern sein können.

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Eigentlich sollte jedes Kind in der Schule lesen und schreiben lernen. Warum hat das bei Ihnen nicht geklappt?

Neun Jahre bin ich zur Schule gegangen. Ein halbes Jahr zur Grundschule und dann auf die Sonderschule. Das Problem war mein Elternhaus. Wir Kinder sind nicht mit Liebe aufgewachsen, immer nur mit Stress, Schreierei und Aggressivität. Wenn man immer Angst hat, dann hat man andere Dinge im Kopf, als Buchstaben zu lernen.

Und auf der Förderschule konnten die Lehrer Ihnen auch nicht helfen?

Eine Lehrerin hat mir Nachhilfe gegeben so gut es ging. Aber wenn man in einer Randgruppe aufwächst, dann gibt es immer das Klischee, die Kinder da aus dem Viertel, die haben keine Lust zu lernen. Da wird nicht viel unternommen. Dabei stimmt das gar nicht. Jedes Kind hat doch Lust zu lernen. Mein Elternhaus hat mich nur abgelenkt.

Konnten Sie im Unterricht überhaupt mitmachen, ohne lesen und schreiben zu können?

Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Bei mir war das so: Wenn eine Stelle immer wieder gelesen wurde, habe ich gewartet, bis fünf Mitschüler drangenommen wurden und habe dann gesagt: Ich will das auch mal vorlesen. Tatsächlich habe ich natürlich nicht gelesen, sondern habe mir gemerkt, was die anderen gesagt hatten. Und wenn ein neuer Text kam, war ich erst mal laut und habe mich bockig gestellt. Dann hat die Lehrerin gesagt, beruhige dich, du musst ja nicht lesen. Das war clever!

In welchen Situationen kommt man mit Mogeln nicht weiter?

Das Schlimmste kam erst nach der Schule. Ich habe jeden Mist unterschrieben, wenn jemand nur gut erzählen konnte. Ich war überversichert und ich habe nie Verträge und Rechnungen gelesen. Irgendwann kam der Gerichtsvollzieher. Da habe ich gemerkt, ich muss das lernen.

Und dann mussten Sie ganz von vorne anfangen? Beim ABC sozusagen?

Ich kannte die Buchstaben und konnte einzelne Worte erkennen. Aber ich konnte sie nicht richtig aneinanderreihen und keine Texte lesen. Man fängt dann noch mal an wie in der Grundschule. Sieben, acht Jahre lang bin ich montags und mittwochs zur Volkshochschule gegangen. Und 2001, mit Mitte 30, habe ich meinen Hauptschulabschluss bestanden. Mit einer Drei. Mit einer Zwei hätte ich noch den Realschulabschluss gemacht und wäre vielleicht Pädagoge geworden. Aber eine Drei war für mich schon bombastisch. Man muss seine Schwächen und Stärken auch annehmen.

Sie sind dann Fachkraft für Lagerlogistik geworden.

Genau, bei einer Traktorfirma. Da wissen sie auch, dass ich erst als Erwachsener Schreiben gelernt habe und das ist gut so. In so einer großen Firma gibt es nämlich noch andere Mitarbeiter, die damit Schwierigkeiten haben. Und wenn den Vorgesetzten das auffällt, dann schicken sie die zu mir. Ich weiß dann schon, was los ist und erzähle ihnen meine Geschichte und wie ich meine Probleme überwunden habe.

Wird es denn mit der Digitalisierung schwieriger, die mangelnde Lesekompetenz zu vertuschen?

Viele Arbeitnehmer haben heute Angst, dass Umstrukturierungen kommen. Die machen seit Ewigkeiten die gleiche Arbeit und sind nicht aufgefallen. Wenn sie sich dann auf einmal weiterbilden und am Computer arbeiten sollen, müssen sie sich vielleicht outen. Ich sage, man muss sich hinstellen und sagen, ich habe dieses Defizit. Dann hat man im Leben immer die Chance, noch lesen und schreiben zu lernen.

Analphabetismus in Deutschland

Analphabetismus

Über Analphabetismus im engeren Sinne wird gesprochen, wenn Menschen einzelne Wörter lesend verstehen können, aber keine ganzen Sätze. Mehr als vier Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland müssen auch gebräuchliche Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen.

Funktionaler Analphabetismus

Zählt man auch Personen hinzu, die zwar einzelne Sätze lesen und schreiben, aber Texte nicht verstehen können, kommt man auf 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können also beispielsweise schriftliche Arbeitsschutzunterweisungen nicht lesen. Diese Gruppe bezeichnet man als funktionale Analphabeten.

Arbeiten ohne Lesen und Schreiben zu können

Entsprechend kommt Analphabetismus auch im Arbeitsleben vor: Einer Studie von 2011 zufolge sind mehr als 12 Prozent der Erwerbstätigen funktionale Analphabeten. "Sie finden vor allem in der Baubranche, aber auch in der Lagerlogistik, im Landschaftsbau, bei Reinigungsfirmen und als Küchenhilfen Jobs", sagt Renate Schiefer vom DGB Bildungswerk Bayern. Für ihr Bundesland koordiniert sie das bundesweite Projekt Mento. Dabei werden Betriebsräte und andere Mentoren geschult, funktionale Analphabeten in Unternehmen zu erkennen, anzusprechen und ihnen die Teilnahme an Kursen zu ermöglichen.

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