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Bewerbungsgespräch:"Blickkontakt ist extrem wichtig"

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Wie überzeugt man Personalerinnen und Personaler, wenn man nur per Video miteinander verbunden ist?

(Foto: Rainer Berg/imago images)

Werden Online-Interviews anders bewertet, weil es schwerer fällt, sich in die Augen zu schauen? Der Arbeitspsychologe Klaus Melchers hat untersucht, wieso Bewerber in digitalen Gesprächen schlechter wegkommen.

Interview von Julian Erbersdobler

Halber Tag Anreise, eine Stunde Gespräch - und dann erst abends wieder zu Hause. Wer sich bei einem Unternehmen vorstellt, das nicht direkt um die Ecke ist, braucht Zeit. Durch Corona gibt es jetzt aber auch immer mehr Videointerviews. Eine gute Sache, oder?

Klaus Melchers, der Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Ulm, sieht das etwas differenzierter. Er hat seine Studierenden in zwei Gruppen aufgeteilt, um herauszufinden, was Videogespräche von herkömmlichen Bewerbungsinterviews unterscheidet.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Herr Melchers, Sie haben für ein Experiment 114 Auswahlgespräche simuliert. Die Hälfte der Bewerberinnen und Bewerber wurde vor Ort befragt, die andere Hälfte per Video. Wer schnitt besser ab?

Klaus Melchers: Die digital interviewten Personen wurden im Hinblick auf ihre Leistung negativer bewertet als diejenigen, die ein herkömmliches Bewerbungsgespräch vor Ort machten. Um herauszufinden, woran das liegt, haben wir alle Gespräche aufgezeichnet und sowohl die Interviewer als auch die Interviewten befragt, wie sie die Situation empfunden haben. In den Videogesprächen haben letztere vor allem eine Sache vermisst: Sie hatten kaum Möglichkeiten für ihr "Impression Management".

Was heißt das?

Impression Management sind soziale Strategien, die wir anwenden, um einen guten Eindruck bei unserem Gegenüber zu machen. Das können so Sachen sein wie Lächeln und Blickkontakt suchen, aber auch die eigenen Stärken zu betonen, oder jemandem Komplimente zu machen. In anderen Worten: Per Video fällt es Leuten schwerer, diese Strategien anzuwenden und Nähe aufzubauen.

Sollte es in einem Bewerbungsgespräch nicht vor allem um Inhalte gehen?

Doch, natürlich. Aber das Zwischenmenschliche spielt auch eine wichtige Rolle. Das fängt schon beim Blickkontakt an. Jeder, der schon mal an einer Videokonferenz teilgenommen hat, weiß, dass man nicht gleichzeitig in die Kamera und jemand anderem in die Augen schauen kann. Das führt unseren Ergebnissen nach auch dazu, dass sich Bewerberinnen und Bewerber in Video-Interviews weniger trauen, ihre eigenen Stärken hervorzuheben. Blickkontakt ist extrem wichtig, um ein Gespür zu entwickeln, mit welchen Taktiken ich mein Gegenüber am besten für mich einnehmen kann.

Sie halten also nichts von Videointerviews?

So einfach ist es nicht. Was ich sagen will: Sowohl Bewerberinnen und Bewerber als auch Unternehmen sollten sich darüber bewusst sein, dass technische Tools die Situation verändern. Es ist einfach etwas anderes, als wenn man sich tatsächlich gegenüber sitzt. Deshalb empfehlen wir Firmen, sich bei einer Stellenbesetzung für eine Art der Bewerbungsgespräche zu entscheiden und konsequent dabei zu bleiben. Sonst könnte es passieren, dass diejenigen mit den Videointerviews benachteiligt werden. Wie in der Studie.

Klaus Melchers

Klaus Melchers leitet die Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Ulm.

(Foto: Elvira Eberhardt/ Universität Ulm)

Das heißt, Sie würden jeder Bewerberin, jedem Bewerber raten, sich eher für ein persönliches Gespräch zu entscheiden?

Wenn ein Unternehmen beide Varianten anbietet, dann auf jeden Fall. Mit Corona ist das gerade aber natürlich nicht so einfach. Im Moment finden verständlicherweise extrem viele Gespräche per Videokonferenz statt.

Worauf sollte man denn achten, wenn man sich auf ein digitales Bewerbungsgespräch vorbereitet?

Man kann auf jeden Fall versuchen, die Kamera so auszurichten, dass man dem Gesprächspartner zumindest einigermaßen in die Augen schauen kann. Das ist nicht zu unterschätzen. Mittlerweile gibt es auch schon Unternehmen, die an Systemen arbeiten, dass es einfacher wird, Blickkontakt herzustellen.

Und sonst? Es hat ja auch zum Beispiel nicht jeder ein Arbeitszimmer, das man abschließen kann, um in Ruhe zu telefonieren.

Auch das ist ein Problem, gerade für Bewerberinnen und Bewerber mit ungünstigen Wohnverhältnissen. Wenn viele Personen auf engem Raum wohnen. In manchen Fällen lässt es sich nicht immer verhindern, dass jemand an der Tür klopft, oder durch das Bild läuft. Dazu kommt im Zweifel auch noch eine schlechte Internetverbindung, die das Gespräch zusätzlich erschwert. Aber auch andere Personen haben so ihre Probleme bei Videogesprächen.

Wegen der Technik?

Unter anderem. Es geht aber auch darum, sich Gedanken über die Belichtung zu machen. Für viele ist das schon eine Herausforderung. Man möchte weder im Dunkeln sitzen, noch völlig überbelichtet sein. Und was sieht man eigentlich alles im Hintergrund? Es macht also Sinn, sich mindestens genauso gewissenhaft auf ein Videogespräch vorzubereiten wie bei einem normalen Treffen vor Ort.

Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass es auch ratsam wäre, wenn Bewerberinnen und Bewerber vernünftige Schuhe tragen.

Es kann sein, dass man während des Interviews aus irgendeinem Grund aufstehen muss. Youtube ist ja voll von Videos, wo Leute nur bis zur Tischkante schick angezogen sind - und sich dann blamieren. Das ist unterhaltsam, macht aber natürlich keinen guten Eindruck. Dazu kommt: Wenn ich professionell gekleidet bin, führt das dazu, dass ich auch insgesamt professioneller auftrete. Deswegen auch in Videokonferenzen lieber Anzugschuhe als Birkenstock-Sandalen!

© SZ.de/berk
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