Löw und Seehofer "Solche Leute lassen berechtigte Kritik nicht mehr an sich heran"

Horst Seehofer und Joachim Löw - beide wollen noch nicht abtreten.

(Foto: picture alliance/AP Photo; Bearbeitung SZ)

Dass Bundestrainer Löw und Innenminister Seehofer trotz Pleiten und Kritik nicht zurücktreten, wundert den Wirtschaftspsychologen Martin Sauerland nicht. Warum Führungskräfte immer häufiger auf ihren Posten sitzen bleiben wollen.

Interview von Thomas Hummel

In Deutschland herrscht die Zeit des Bleibens. Bundestrainer Joachim Löw macht trotz eines historischen WM-Fiaskos weiter, Horst Seehofer ist auf kuriose Weise immer noch Innenminister, Kanzlerin Angela Merkel bleibt standhaft sitzen und in der Automobilindustrie gibt es trotz massiver Skandale kaum Rücktritte. Das Motto lautet: Ich bleib dann mal. Martin Sauerland, Wirtschaftspsychologe an der Universität Koblenz-Landau, erklärt die Gründe.

SZ: Herr Sauerland, Löw und Seehofer bleiben trotz harscher Kritik an ihrer Arbeit in ihren Ämtern. Sind das Einzelfälle oder verbirgt sich dahinter eine Art Zeitgeist?

Martin Sauerland: Ich würde sie nicht als Einzelfälle bezeichnen. Hier sind generelle psychologische Mechanismen am Werk. Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele, aber in der Tendenz beobachten wir weitaus mehr Personen, die in ihrem Verhalten verharren und an Posten kleben. Sie versuchen Comebacks oder unternehmen peinlich verzweifelte Kompensationsversuche.

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Woran liegt das? Hält sich die Elite des Landes für unersetzbar?

In dieser Hinsicht hat sich offenkundig etwas verändert. Es liegt möglicherweise am inflationären Gebrauch von Rücktrittsforderungen. Wenn sich eine Gesellschaft zu oft empört und schon bei minderer Verantwortung nach Rücktritt ruft, darf sie sich nicht wundern, wenn auf diesen falschen Alarm irgendwann niemand mehr reagiert. Und wenn so die Schwelle zum Rücktritt steigt, bekommt dies Modellcharakter für alle, wodurch die Schwelle noch höher gelegt wird.

Gehört dies zur Psychologie der Macht? Tun sich Menschen in hohen Positionen schwer, diese abzugeben, selbst wenn sie wirklich keinen Erfolg haben?

Wer eine Karriereleiter emporsteigt, stößt in der Regel auf Widerstände. Man muss also lernen, aus eigenen Fehlern zu lernen und sich ständig zu verbessern. Zugleich muss man sich gegen Wettbewerber und Kritiker durchsetzen. Diese innere Widerstandskraft ist bis zu einem gewissen Grad sinnvoll und gesund. Allerdings kann sich der Mechanismus bei Personen, die mehrfach mit dieser Methode erfolgreich waren, verstärken. Solche Verhaltensweisen oder Denkmuster werden quasi belohnt. Der Vorgang verselbständigt sich und nimmt übersteigerte Formen an. Solche Leute werden dann trotzig und lassen berechtigte Kritik nicht mehr an sich heran.

SZ: Ganz oben landen am Ende oft die sogenannten Netzwerker. Leute, die einen fähigen Stab von Mitarbeitern haben sowie gute Kontakte zu mächtigen Partnern. Drängt das "Netz" die Personen zum Weitermachen, weil darin bei einem Rücktritt viele ebenso etwas verlieren würden?

Die Kompetenz, Networking zu betreiben, gehört zu den wichtigsten beruflichen Erfolgsparametern. Sind diese Netzwerke von gemeinsamen Interessen getragen, bleibt ein nüchternes, ehrliches und kritisches Feedback oft aus - es ist selektiv und schöngefärbt. Bei Löw müssten wohl auch seine Assistenten und am Ende auch der DFB-Präsident ihre Fehleinschätzungen eingestehen. Aus empirischen Analysen weiß man, dass die nächste Umgebung von Spitzenkräften sogar Informationen oder Fakten ignoriert oder uminterpretiert, die nicht in das eigene Weltbild passen. Abweichler werden sanktioniert. Parteien sind davon sicher in besonderer Weise betroffen.

Haben die Führungskräfte auch Angst vor der Frage: Was soll nach dem Rücktritt aus mir werden?

Man kann nachweisen, dass sich Menschen durch Dinge, die sie sich einmal erkämpft haben, aufgewertet fühlen. Durch mediale Aufmerksamkeit etwa oder ein hohes Gehalt. Eine solche Anerkennung kann zu einem übertriebenen Selbstwertgefühl führen. Entsprechend entwickeln sie Angst, diesen Status zu verlieren. Für Führungskräfte werden zuweilen eigens sogenannte Übergangsjobs geschaffen, um ihnen den Abgang zu ermöglichen.

All das klingt so, als wäre es für mächtige Menschen besonders hart, ihre erstrittenen Posten aufzugeben.

Menschen verhalten sich zumeist konsistent. Das Streben nach einem linearen Fortgang des Lebens ist sehr stark, vermutlich haben wir das sogar aus unserer Evolutionsgeschichte mitbekommen. Wenn man immer ein Stück weitergekommen ist und dafür viel investiert hat, gegebenenfalls sogar Opfer für diesen Weg erbracht hat, dann bedarf es eines außerordentlich starken Anlasses, um plötzlich von diesem Weg abzuweichen.

Warum reiben sich Menschen in solchen Machtkämpfen auf beziehungsweise halten schwere, öffentliche Kritik aus? Statt zu sagen: Ich mach mit meinem Leben lieber etwas Schöneres.

Diese Frage liegt für vielen Menschen nahe: "Warum tun die sich das an?" Aber es ist zu bedenken, dass die Motive der betreffenden Personen dazu führen, dass ihnen solche Machtkämpfe eben gerade nicht zuwider sind. "Etwas Schönes" ist für sie genau dies: die Auseinandersetzung, der Machterhalt, die Aufmerksamkeit.

Löw, Seehofer und andere würden öffentlich so aber nicht argumentieren. Sie beteuern, dass es ihnen "um die Sache" gehe.

Es darf sicher nicht außer Acht gelassen werden, dass manche Menschen für ihre Überzeugungen kämpfen. Wenn sie in einer Sache Sinn sehen, halten sie viel aus: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

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